Thrash-Metal-Götter Slayer in Berlin: 

netzeitung.deDie bevorstehende Machtübernahme Satans

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Thrash-Metal-Götter Slayer in Berlin 

Lupe Die bevorstehende Machtübernahme Satans

Sie tun es wirklich! Slayer triumphierten in der Columbiahalle - und spielten ihren Klassiker «Reign In Blood». Hinreißend, wie artikuliert sie debilen Primitivismus und hohe Virtuosität miteinander verflechten, jubelt Jens Balzer .

Wildfremde Menschen fallen sich in die Arme, soweit sie zu diesem Zeitpunkt noch stehen können; unter Tränen brüllen sie sich in die ertaubten Ohren: «Sie tun es! Sie tun es wirklich! Was für ein Tag!» Und sie tun es wirklich: Nach der Hälfte des Slayer-Konzerts am Mittwochabend in der Columbiahalle stimmen Jeff Hannemann und Kerry King mit ihren Gitarren jene schwirrenden Choräle an, die den Anfang von «Angel of Death» markieren; Dave Lombardo kerbt mit gewaltigen Trommelschlägen die Klangfläche ein; Tom Araya faucht, grunzt und bellt in den sich erhebenden Sturm. «Angel of Death» ist das erste Stück auf der Slayer-Platte «Reign in Blood», einem rituell verehrten, kanonischen Hauptwerk der Rock-Geschichte aus dem Jahr 1986, so unfassbar schnell, unversöhnlich und zornig wie nichts, was man bis dahin gehört hatte. Ein Klassiker! Und in der folgenden Dreiviertelstunde ergeben sich Slayer ganz dem Klassizismus. In akkurater Folge rasen sie durch sämtliche Songs dieser Platte; von «Angel of Death» über «Piece by Piece» und «Criminally Insane» bis zu dem majestätisch-bösartigen «Raining Blood».

Seit einem Vierteljahrhundert gibt es dieses kalifornische Thrash-Metal-Quartett nun schon. «Christ Illusion» heißt die fabelhafte Platte aus dem vorletzten Jahr, auf der sich Slayer nach langer Zeit wieder mit dem «Reign In Blood»-Produzenten Rick Rubin und in ihrer klassischen Besetzung zusammenfanden - einschließlich des virtuosen Satansdoppelbasstrommlers Dave Lombardo, der sich zwischenzeitig in eine Vielzahl von Avantgarde-Metal- und Free-Jazz-Projekte verabschiedet hatte. So trommelte er in der Band Fantômas um den Kunstgrunzer Mike Patton oder spielte mit der New-Yorker Jazz-Avantgarde um John Zorn.

Aber nur bei Slayer ist Dave Lombardo wirklich in seinem Element; nur hier spielt er seine Doppelbasstrommel so derb und so schnell, dass man auch mit hartgesottenem Metabolismus schon mal eine Herz-Rhythmus-Störung bekommen kann. In der ersten Hälfte des Abends bieten Slayer ein Medley ihrer schönsten Erfolge dar, einen neuen Song namens «Psychopathy Red» und drei - allerdings paradigmatische - Stücke von der aktuellen LP: «Flesh Storm», womit der Abend eröffnet wird; das atheistische Glaubensbekenntnis «Cult»- «Religion ist Hass / Religion ist Angst / Religion ist Krieg / Religion ist Vergewaltigung», wie es darin gut nachvollziehbar heißt -, und schließlich den interessanten zeitpolitischen Kommentar «Jihad», in dem der bekennende Satanist Tom Araya durch die Augen eines islamischen Attentäters auf das amerikanische Volk blickt - und darin niemand anderen als den großen Satan erkennt, den er seit jeher verehrte.

Kein Thrash, sondern ein Dialog Metal
Grandios, wie dialektisch diese Gruppe mit ihrem scheinbar so formelhaftem Symbolrepertoire verfährt; hinreißend, wie artikuliert sie debilen Primitivismus und hohe Virtuosität miteinander zu verflechten versteht. Gitarren, Bass und Schlagzeug dreschen nicht einfach miteinander drauflos. Sie horchen aufeinander; wechseln sich ab im Erzeugen der Spannungsbögen; fahren sich kalkuliert in die Parade - eigentlich ist dies gar kein Thrash, sondern eher ein Dialog Metal.

«Raining Blood» - das letzte Lied, bevor das erschöpfte Publikum ohne Zugabe nach Hause geschickt wird - handelt nach Ansicht der Band von der bevorstehenden Machtübernahme Satans, des einzig wahren humanistischen Herrschers. Man kann den Titel - «es regnet Blut» - allerdings auch als Beschreibung der weiblichen Menstruation verstehen, wie dies etwa die patriarchatskritische Extrempianistin Tori Amos getan hat; sie hat das Stück auf ihrer Platte «Strange Little Girls» als Klavierballade gecovert. Sind Slayer also in Wahrheit eine feministische Band? Dazu würde jedenfalls Kerry Kings bis zum Bauchnabel reichender Bartzopf gut passen. Auch wenn er beim Suppe-Essen und Binden von Schlipsen sehr stört, eignet er sich doch hervorragend dazu, den bockenden Metaller nach Beginn der Sperrstunde aus der Kneipe nach Hause zu ziehen.

Übernommen mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».