Jazzfest 2008 - amüsant, cool, albern: 

netzeitung.deDie Rückkehr des Umhängekeyboards

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Herbie Hancock mit Umhängekeyboard, und das schon im März in Los Angeles... (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Herbie Hancock mit Umhängekeyboard, und das schon im März in Los Angeles...
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Geht doch! Nach Jahren der Ödnis begeistert das Berliner Jazzfest mit sinnlosem Könnertum und Retrochic. Jens Balzer hat die Ärmel hoch gekrempelt und sich zur Musik von Herbie Hancock und David Sanborn prächtig amüsiert. Mit Video.

Zu den zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Unter-Arten des popmusikalisch gebrauchten Tasteninstruments zählt das Umhängekeyboard, in Fachkreisen auch als Keytar (von keyboard und guitar) bekannt. Seine größte Blüte erlebte dieses ausgesprochen gut aussehende und vielseitig verwendbare Gerät in den 80er-Jahren insbesondere in Synthiepop, New Wave und Frisurenmetal.

Damals galten Umhängekeyboards als Zeichen der musikalischen Befreiung, weshalb die Firma Moog ihre erste Produktlinie auch unter dem Namen «Moog Liberation» herausbrachte. Befreit wurde der Keyboarder, der nun nicht mehr hinter seinen aufgebockten Instrumenten herumzustehen hatte, während die Kollegen an Bass, Gitarre und Mikrofon über die Bühne tollten und nach dem Konzert alle Mädchen abkriegten. Nein, auch der Tastenmusiker konnte sich nun einfallsreich in Positur werfen und das damals meist dauergewellte Haupthaar zum Takt der Musik schütteln. Trotz seiner vielfältigen Vorzüge verschwand das Instrument jedoch Ende der 80er-Jahre wieder in der Versenkung.

Winselnde Orgeltöne
Das lag daran, dass zuviele Umhängekeyboardspieler auf der Bühne zugleich Trenchcoats mit hochgekrempelten Ärmeln getragen hatten. Zudem setzte sich im Zuge der allgemeinen Entsexualisierung der Jugend der blasse, hagere, gebückt hinter einem Laptop stehende nerd als Leitmodell des Tastenmusikers durch. Umso größer war am Sonntagabend darum die Begeisterung beim Berliner Jazzfest, als Herbie Hancock, eine der großen Autoritäten des Jazzklaviers und ein unermüdlicher Erneuerer der improvisierten Musik in der Zugabe zu seinem auch ansonsten fabelhaften Konzert plötzlich mit einem Umhängekeyboard aus der Umkleidekabine kam: Breit lachend spielte er darauf Läufe aus gesampelten Chorfragmenten, aber auch aus herzzerreißend heulenden und winselnden Orgeltönen, auf die seine Mitmusiker alsdann auf Bass, Mundharmonika oder Trompete reagieren mussten.

Bei dem Umhängekeyboard handelte es sich übrigens um das mit Infrarot-Sensoren ausgestattete Modell Roland AX-7, das sich zum Teil auch ohne Berührung der Tasten virtuos bedienen lässt. Den Hauptteil des Konzerts, den er mit einem Stück seiner alten Band Headhunters, «Actual Proof», begann, hatte Hancock einerseits an einem Flügel der Firma Fazioli verbracht, der aus einer seltenen Fichtenholzsorte aus dem südtiroler Fleimstal geschnitzt wurde - und andererseits an einem völlig neu entwickelten Keyboard der Marke Oasys, das mit Hilfe eines dreidimensionalen Touchscreens bedient werden kann.
Klicker-di-Klick, und ein bisschen Lechtenbrink
Tradition und Moderne sind bei Hancock also kein Widerspruch; darum findet er auch nichts dabei, seine eigenen Stücke aus den 70er-Jahren mit gesampelten Harfenklängen klicker-di-klick oder fragmentierten Orchestertutti neu einzuspielen; die Mundharmonika, die sein Solist Grégoire Maret dazu blies, erinnerte an Volker Lechtenbrink. Oder anders gesagt: Das Konzert, mit dem Hancock am Sonntag das Jazzfest beendete, war ein allseits begeisternder Spaß; ein herrlicher Haufen musikalischen Unfugs, der auf kostspieligen Instrumenten kompetent dargeboten wurde.

Aus dem gleichen Geist hatte zuvor schon der Altsaxofonist David Sanborn mit vierköpfiger Band und Bläser-Quintett ein Inferno des schlechten Geschmacks entfacht, bei dem vom 20 Sekunden lang gehaltenen dreigestrichenen A bis zum mit dem Oberarm gespielten Orgelsolo nichts fehlte. David Sanborn hat mit Steely Dan ebenso gearbeitet wie mit David Bowie und (kein Witz) Nena; und selbst wenn er - wie am Sonntag - Ray Charles und Blues-Stücke aus den 40er-Jahren interpretiert, klingt es immer noch wie der Soundtrack zu «Miami Vice». Das muss man auch erstmal können.
Oder doch Musik von gestern?
So ging mit Hancock und Sanborn ein Jazzfest zu Ende, das so amüsant, cool, albern und kurzweilig war wie schon seit Jahren nicht mehr. Mit der heiteren Nonchalance, mit der der neue Festival-Leiter Nils Landgren seine Musiker anzukündigen pflegte, hatte er auch sein Programm gestrickt; echte Entdeckungen - wie die hier bereits ausführlich gepriesenen Wildbirds & Peacedrums - waren dabei ebenso gut vertreten wie die massenbegeisternden Stars.

Nicht alles gelang: Das aktuelle Line Up der Headhunters - jener Band, in der Herbie Hancock Anfang der 70er-Jahre Jazz, Funk und elektronische Musik miteinander verband - langweilte am Sonnabend im Quasimodo mit dicken Daumen und verhallten Soli; Bennie Maupin - zur Hancock-Zeit Saxofonist der Headhunters - kaute am Freitag dort endlos auf mäßig interessanten modalen Figuren herum. Und ob die zum Neotraditionalismus konvertierten Free Jazzer, die Roswell Rudd am Sonnabend in seinem Trombone Tribe sammelte, ihre Dixieland-Songs aus Absicht falsch spielten oder aus mangelndem Können, wurde hinterher ebenso kontrovers diskutiert wie die Frage, ob das nicht Musik von gestern ist.

Das mag sein! Doch gilt das ja für den gesamten Jazz. Vielleicht sollte man - so wie Nils Landgren es tut - seine Zukunftslosigkeit endlich einmal akzeptieren, um sich dann mit der nötigen Gelassenheit noch so lange wie möglich an dieser wunderbaren, einstmals so wichtigen Musik zu erfreuen.

Übernommen mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung»

Herbie Hancock beim Jazzfest via YouTube - Achtung, verwackelt