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Popkomm 2008: Talentsuche im Web 2.0: 

Per Mausklick zum Möchtegernstar

09. Okt 2008 12:47, ergänzt 13:01
Casting für Möchtegern-Stars:
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Upload statt Download: Bei der Popkomm dreht sich alles um das Internet als Mekka für Do it yourself-Künstler. Maike Schultz über einen ganz und gar nicht krisengeschüttelten Messe-Rundgang.

Ein wenig verloren steht Karen Davtian vor der rosafarbenen 70er-Jahre-Tapete seines winzigen Messestands. Inmitten all der Popkomm-Hipster, die gelangweilt in ihre iPhones tippen, wirkt der Armenier irgendwie fehl am Platz. Sein einziges Spielzeug ist ein großer Fernseh-Bildschirm, von dem die Oberfläche seines Internet-Auftritts «Talents Online» leuchtet.

Davtians Geschäftsidee ist nicht neu: Musiker können ein Profil erstellen und sich von anderen Usern bewerten lassen. Wen er damit auf der Fachmesse Popkomm ansprechen will, weiß der Künstler-Manager auch nicht so richtig: «Ich suche junge Leute, um ihnen eine Chance zu geben. Musik ist meine Leidenschaft, es geht nicht ums Geld verdienen». Das Team für die ab Ende Oktober frei geschaltete Website finanziert er mit seinem Privatvermögen.

Es gibt sie noch, die Guten unter den Abzockern

Davtian träumt davon, den Musikern Coachings zu vermitteln und politische Diskussionen anzuregen. Sein Samariter-Gehabe erscheint im Zahlenfixierten Musik-Business wie eine schöne Utopie. Und doch steht «talentsonline.eu» symptomatisch für den Wandel der Branche: Bekam man in den letzten Popkomm-Jahren noch an jeder Ecke Gutscheine für neue Download-Portale in die Hand gedrückt, ist nun überall Upload angesagt.

Rund um Davtian gibt es massenhaft Stände für Software, mit der man seine eigene Musik bei iTunes oder in sozialen Netzwerken platzieren kann. «User Generated Content» (UGC) heißt das Zauberwort, das nach dem Blogger-Journalismus auch die Musikindustrie ergriffen hat. Von Krise keine Spur: Heute kann jeder ständig und überall zum Popstar werden.

Motivation zur Selbstvermarktung

Von UGC spricht auch Geschäftsführer Manuel Uhlitzsch bei der Pressekonferenz von «MyVideo.de». Während schräge Vögel wie Schlagersänger Alexander Marcus oder Alemuel («Kleiner Hai») beim Konkurrenzportal «Youtube» allein durch Weiterempfehlung der User Millionen Klicks und damit auch einen Plattendeal erreichten, ruft die deutsche Video-Seite User inzwischen gezielt zur Selbstvermarktung auf.

Auf diese Weise ließe sich locker «der ein oder andere Star rausholen», sagt Uhlitzsch selbstgefällig. Die Macher der beliebtesten Clips bekommen dann ihren eigenen Web-Auftritt bei «MyVideo Talents» – so wie die Frankfurter Rocker «Whitenights». Per User-Abstimmung schaffte es ihre Single «We are the Feeling» von klassischen Community-Portalen wie «MySpace» und «Hobnox» auf die Bühne der Popkomm-Eröffnung.

Web-Castings für jede Art von Star

Die Musikmesse bestätigt den Trend, dass Casting-Formate à la «Deutschland sucht den Superstar» ins Netz abwandern. Und das längst nicht mehr nur im Musikbereich: Bei «MyVideo» gibt es zudem die Kategorien Sport und Comedy. Und auf der Website «Youmeu.com», Hauptsponsor der Popkomm, sollen künftig auch Moderatoren- und Model-Talente gewählt werden.

Was gefällt, bestimmt keine Jury, sondern allein der Internet-Nutzer. Und die Plattenfirmen mischen eifrig mit: «In Zeiten von Web 2.0 sollte jeder kapiert haben, dass es um die Vorlieben des Hörers geht - und nicht mehr darum, irgendwelche Inhalte in den Markt zu pumpen», sagt Marketing-Stratege Dominik Dreyer von Universal Music.

Vom Clip zum CD-Regal

Genau wie Sony BMG versorgt der Konzern «MyVideo» inzwischen offiziell mit den Clips seiner Stars – «denn langfristig braucht es Leuchttürme, um User zu binden». Universal wiederum will die junge Zielgruppe im Netz zum CD-Kauf locken.

Letzten Endes geht es eben doch um kommerzielle Interessen - außer bei Karen Davtian natürlich. «Wir wollen wahre Talente und niemanden, der nur reich und berühmt werden will». Um reine Selbstdarsteller fernzuhalten, soll eine befreundete russische Pianistin als Talent-Filter fungieren. «Sehen Sie sich doch Stars wie Britney Spears an. Jeder interessiert sich für ihre Skandale, aber niemand für ihre Musik». Zwei Stunden später ist sein Messestand immer noch leer.

 
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