07.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Bei der Popkomm werden Wege aus der Krise gesucht
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Zur Eröffnung der Popkomm geben sich die Musikindustriellen kämpferisch: Sie wollen das Netz mit seinen eigenen Waffen schlagen. Ihrer Zielgruppe bringt die Messe vor allem spannende Live-Konzerte.
Die an diesem Mittwoch startende Fachmesse Popkomm gilt für viele als «wichtigstes Branchentreffen der Welt». Nur in Berlin lässt es sich schließlich so schön gemeinsam leiden. Beim Eröffnungs-Pressetermin hatte Popkomm-Geschäftsführer Ralf Kleinhenz aber gut lachen: «Es sieht so aus, als hätten wir die rote Laterne der Krisen-Branche endlich abgegeben», scherzte er angesichts der Weltfinanzkrise.
Seit sie 2003 aus Köln wegzog, wo nun die kleinere Elektro-Messe c/o Pop residiert, steht die Popkomm auf drei Säulen: Ausstellung, Kongress und Festival. Bei der Ausstellung, einer Plattform für globale Manager-Netzwerkerei und Vertragsabschlüsse, sind diesmal über 800 Aussteller aus 52 Ländern vertreten darunter erstmals auch die Musikmacht USA.
Sinnsuche im Online-ZeitalterBeim Popkomm-Kongress debattiert Regisseur Wim Wenders über Filmmusik, Ex-BeeGee Robin Gibb hält einen Vortrag zum Urheberrecht. Gut jede zweite Veranstaltung widmet sich dem Internet: So werden in einer ganztägigen Konferenz Peer-to-Peer-Netze als Vertriebsmöglichkeit thematisiert. In den Workshops geht es um die Frage, wie Künstler in Zeiten von mp3-Tauschbörsen überhaupt noch Geld verdienen können.
In den letzten sieben Jahren hat die Musikbranche rund 40 Prozent ihres Umsatzes verloren. Kleinhenz zitierte dazu Max Frisch: «Krise ist ein produktiver Zustand man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen». Da das Interesse an Musik weiterhin stetig steige, könne von Katastrophe keine Rede sein.
Die Lust an der KriseAuch Dieter Gorny vom Bundesverband Musikindustrie bezeichnete die «digitale Revolution» als Chance - immerhin ist die Zahl legaler Downloads gestiegen. Der Wandel von klassischen Plattenfirmen zu Entertainment-Dienstleistern sei nur der erste Streich, in Zukunft würden auch Bücher und Filme digitalisiert. Eine Gefahr sieht Gorny darin, den «Respekt vor dem Wert von Musik als Kulturgut» zu verlieren und plädierte für einen verschärften Kampf gegen Raubkopien.
Als «Gegenpol zur Massenware» setzt die Musikmesse mit ihrem dritten Bestandteil auf den konstanten Trend zu Live-Konzerten. Beim Popkomm Festival kommen bis zum 11. Oktober auch diejenigen auf ihre Kosten, die auf dem Messegelände keinen Zutritt haben, obwohl sich doch letztlich alles um sie dreht - die Musikkonsumenten.
Internationale wie nieMit 400 Künstlern aus 32 Ländern ist Europas größter Konzert-Marathon in diesem Jahr so international wie nie. Als Popkomm-Partnerland wurde die Türkei gewählt, die sich bei 13 Auftritten präsentiert. «Unser Land ist nach außen sehr offen. Auf diese Weise ist ein einzigartiger Mix aus traditionellen Instrumenten und westlichem Pop entstanden», erklärte Ali Riza Binboga von der türkischen Verwertungsgesellschaft Mesam.
Mit der Kreuzberger DJane Ipek Ipekcioglu ist orientalischer Elektro-Sound schon länger in den Clubs der Hauptstadt zuhause. Deutschtürken wurden in die Programmplanung allerdings gar nicht einbezogen: «Wir gelten für die Vertreter der Türkei nicht als richtige Türken», sagte Ipekcioglu der «taz». Eine Kostprobe ihrer Musik liefert kommenden Samstag die «Berlin Istanbul Alternativ Electro Night» in der Kulturbrauerei.
Metal mit LordiEin weiterer Schwerpunkt des Festivals liegt auf der Musikrichtung Metal. Aus diesem Anlass tritt die finnische Band Lordi auf, die mit ihren Monstermasken vor zwei Jahren den Eurovision Song Contest gewann. In Berlin wollen sie erstmals die neuen Kostüme für ihre Welttournee vorstellen.
Highlights bieten auch Konzerte von den Britpoppern Travis, Tomte aus Hamburg, sowie die Deutschland-Debüts australischer und israelischer Newcomer. «Die Popkomm war schon immer ein Sprungbrett für Nachwuchstalente», schwärmte Geschäftsführer Ralf Kleinhenz. Dass diese sich in Zeiten von Casting-Shows und Youtube-Hits kaum noch langfristig am Markt etablieren können, steht auf einem anderen Krisenblatt.
Für das Web ediert von Maike Schultz