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Travis-Frontmann Fran Healy im Interview: 

«Das Musikbusiness ist ein sinkendes Schiff»

21. Aug 2008 12:59
Ist jetzt Berliner: Der Schotte Fran Healy
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Nach über zehn Millionen verkauften Alben macht die schottische Band Travis mit ihrem eigenen Label weiter. Maike Schultz sprach mit Sänger Fran Healy über den neuen Travis-Sound, asiatische Fans und seine neue Heimat.

Netzeitung: Ihr neues Album heißt «Ode to J.Smith». Wer ist dieser ominöse Smith?

Fran Healy: J.Smith ist ein anonymer, fiktiver Charakter, der uns geholfen hat, das Album so schnell aufzunehmen. Als ich den Song «J.Smith» geschrieben habe, entstand plötzlich die ganze Platte in meinem Kopf, deshalb die «Ode». An diesem Rahmen haben wir uns orientiert, aber es ist auf keinen Fall ein Konzeptalbum. Die Songs sind diesmal auch weniger autobiographisch, auch wenn man letztlich natürlich immer seine eigenen Erfahrungen verarbeitet.

Netzeitung: Sie haben die neuen Songs innerhalb von fünf Wochen geschrieben und in nur zwei Wochen eingespielt. Warum dieser Zeitdruck?

Healy: Wir haben während unserer Welttournee im Herbst 2007 besprochen, wie es danach mit Travis weitergehen soll. Es war klar, dass wir nur drei Monate Zeit im Studio haben würden, weil im März das Baby von Bassist Dougie Payne kommen sollte. Und es war klar, dass wir unbedingt direkt nach der Tour aktiv werden mussten, um diese kreative Phase zu nutzen. Durch die vielen Konzerte hatten wir gerade ein großes Selbstvertrauen aufgebaut. Der Stress war ok, immerhin hatten wir vor dem letzten Album «The Boy with no Name» eine lange Pause gemacht.

Netzeitung: Wo nehmen Sie die Energie her? Immerhin haben Sie selbst ein zweijähriges Kind zuhause.

Healy: Oh, es gibt viele verschiedene Energien für unterschiedliche Ziele (lacht). Außerdem mag ich es, unter Druck zu arbeiten. Wenn man auf sich vertraut, ist alles möglich. Würde jemand zu mir kommen und sagen, dass mein Leben davon abhängt, bis zum nächsten Tag eine neue Platte zu produzieren, ich würde es tun – und sie würde wahrscheinlich sogar richtig gut werden.

Netzeitung: Für das neue Album haben Sie das Travis-eigene Label «Red Telephone Box» wieder belebt. Wieso?

Healy: Auch diese Entscheidung ist während der Tour gefallen. Wir hatten keine Lust mehr, auch unser sechstes Album mit Sony zu machen und haben viele Selbstfindungs-Gespräche geführt. Die ganze Zeit schon gab es das unausgesprochene Bedürfnis, ohne die Vermarktungs-Typen der Musikindustrie im Nacken weiterzumachen. In den Siebzigern wurden Plattenfirmen ja noch mit Leidenschaft und Liebe zur Musik geführt. Heute ist alles total fragmentiert und die Leute von damals sind jetzt bei Apple oder Google. Mit «Red Telephone Box» zu arbeiten, ist wie in einem Rettungsboot von der sinkenden Titanic wegzufahren – und das fühlt sich gut an. Wie ein Schritt zum Erwachsenwerden, wenn man als Teenager plötzlich kein Taschengeld mehr bekommt und Verantwortung für sich selbst übernehmen muss.

Netzeitung: Die Platte klingt viel rockiger als ihre Vorgänger. Hatten Sie keine Lust mehr auf das Image der ewigen Melancholiker?

Travis wurden mit
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Healy: Alles fing mit der Demoversion von «Chinese Blues» an, die ich alleine aufgenommen und der Band vorgespielt habe. Der Song hat die Richtung für alles andere vorgegeben. Ich habe ihn einem Redakteur vom «Rolling Stone»-Magazin vorgespielt und er sagte, das klingt wie der Stones-Song «Gimme Shelter». Ich habe aber vorher nie einen bestimmten Sound im Kopf gehabt. So etwas kann man nicht planen, im Gegenteil, zu viel Denken blockiert.

Netzeitung: Was ist aus dem Plan geworden, in das Heimatland Ihrer Frau Nora zu ziehen?

Healy: Nora kommt aus Köln und hat länger in Hamburg gelebt, aber wir sind im März nach Berlin-Prenzlauer Berg gezogen. Ich liebe diese Stadt, sie ist so international. Wenn ich Leuten in New York erzähle, dass ich hier wohne, reagieren immer alle begeistert. Deutschland hat einen guten Ruf, ich glaube die Fußball-WM hat dazu eine Menge beigetragen (lacht). Und wir wollten, dass unser Sohn Clay eine richtige Kindheit erlebt. In London sind Kinder gezwungen, viel zu schnell erwachsen zu werden.

Netzeitung: Sie haben sich schon immer sozial engagiert, zum Beispiel sind Sie für das Projekt «Band Aid» in den Sudan gereist. Momentan schaut alle Welt auf China. Was denken Sie über die Situation dort?

Healy: Die Lage in China ist schwierig, keine Frage. Aber wenn man über Menschenrechte redet, gibt es auch noch Dutzende andere Länder, auf die man mit dem Finger zeigen muss. Man braucht sich nur die Kolonialgeschichte von Großbritannien anzuschauen – das waren vielleicht die Schlimmsten von allen. Heute gibt es in jedem Land Reiche und Mächtige, denen es egal ist, wie es dem Rest geht.

Netzeitung: Sie sind dieses Jahr selbst durch Asien getourt. Was für Erfahrungen haben Sie gemacht?

Healy: Wir haben in Taiwan gespielt, dem Land, wo so gut wie jedes Spielzeug dieser Welt hergestellt wurde. Überall steht «Made in Taiwan», wir wollten uns schon T-Shirts mit «Played in Taiwan» drucken lassen. Bei unseren Konzerten dort und in Hongkong habe ich erwartet, lauter Weiße zu sehen, aber es kamen asiatische Kinder. Am Flughafen von Taipeh wurden wir von 200 kreischenden Fans empfangen, die Autogramme wollten. Ich konnte das gar nicht glauben und dachte die Backstreet Boys stehen hinter mir (lacht). Das war wirklich nett.

«Ode to J.Smith» erscheint am 26. September. Das Gespräch führte Maike Schultz.

Die neue Travis-Single «Something Anything»


 
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