07.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Wenn es jemanden gibt, der tatsächlich den Titel Songwriter verdient, dann ist es Randy Newman. Jens Teschke hat sein neues Album gehört: Newman erzählt viele Geschichten und ach ja, macht auch Musik.
Hits von Randy Newman gibt es wenige. Eigentlich nur einen: «Short People». Doch was Newman 1977 als Satire auf bigottes Verhalten textete, wurde vielfach allzu wörtlich genommen und als Song über zu klein geratene Menschen verstanden. Newman wurde teilweise heftig kritisiert. Dabei darf man Newman nie allzu wörtlich nehmen. Er ist ein Meister des tongue in cheek, des zwinkernden Humors. Der 64-jährige Komponist und Sänger erfreut sich besonderer Fans und taugt nicht für die Chart-Industrie.
2002: Endlich ein OscarFilmkennern ist Randy Newman natürlich bekannt. Für «Toy Story», «Cars» und «Meet the Fockers» komponierte er die Soundtracks
und gewann nach elf Nominierungen 2002 auch endlich einen Oscar für «If I didn't have you» aus «Monsters, Inc.» Zuvor hatte Newman den tragischen Titel des meist-nominierten Komponisten inne. So regelmäßig er sich an das Komponieren von Soundtracks macht, so unregelmäßig schreibt er eigene Songs für sich. «Harps and Angels» ist Newmans erstes Album seit neun Jahren; das Album «Bad Love» 1999 war das erste Album seit elf Jahren.
Musikalisch abwechselnd, textlich voller WitzDas Warten aber hat sich gelohnt. «Harps and Angels» ist ein Album voller Witz, Charme und Newmanscher Bösartigkeit. Musikalisch zieht Newman alle Register. Da gibt es klassische Piano-Balladen wie «Losing You», Countrystyliges wie «A Few Words» oder das an Kurt Weillsche Kompositionen erinnernde «A Piece of Pie».
Der Neffe des erfolgreichen Hollywood-Filmkomponisten Alfred Newman ist aber vor allem eben ein Songwriter, also ein Texter und mindestens so geschickt mit Worten wie mit seinen Harmonien.
Newman sagt seine MeinungIn «A Few Words (in Defense of My Country)» verteidigt Newman oberflächlich seine Heimat gegen die Kritik aus dem Ausland, nur um eben selbst sehr bissig und ironisch die Führung in Washington zu kritisieren. Der Song entstand bereits vor zwei Jahren auf der Europatour, also zur Hochzeit der weltweiten Bush-Kritik.
Die «New York Times» bot Newman damals an, den Text in ihrer Op-Ed-Kolumne zu veröffentlichen. Branchenblatt «Rolling Stone» würdigte den Song als «wichtigste Single des Jahres». Dem «Guardian» sagte Newman: «Mir war klar, dass dieser Song nicht von Dauer sein würde, denn wir werden niemals wieder eine so schlechte Regierung haben. Wir hatten keine so schlechte für 200 Jahre und daher ist es eher unwahrscheinlich, dass es noch so eine schlechte geben wird.» Dass Newman trotz gesunden Patriotismus' nicht mehr ganz an die Größe der USA glaubt wird am Ende des Songs klar. Er verabschiedet das Imperium mit einem «Goodbye, goodbye, goodbye».
«Korean Parents» ist ein Lied über die fleißigen und besseren koreanischen Studenten an den US-Universitäten und zugleich eine Kritik an den satten und faulen US-Studenten. Das ganze Album ist voll mit Newmans Statements zu Gott und die Welt. Es geht gleich von Anfang an, im Titelsong «Harps and Angels» um Leben und Tod, um Erinnerung und Vergessen. Das macht es bei Newman immer spannend aber auch anstrengend zuzuhören. «Harps and Angels» ist kein Album für Nebenbei, Newmans Verständnis von Musik ist nicht so, dass Musik zum Begleitmedium degradiert wird. Newmans Songs werden daher auch selten in den Top 40-Radiostationen dieser Welt gespielt, und auch im Restaurant dudeln sie nie aus den Lautsprechern.
Ein Soundtrack zur Lage der NationTrotzdem gibt es mit «Feels like Home» auch durchaus einen Song mit Hit-Qualität. Newman weiß, was er tut. «Die Leute werden 'Feels Like Home' lieben. Es wird der erfolgreichste Song des Albums sein, weil das nun mal der Lauf der Dinge ist», wird Newman in einem Artikel zitiert.
«Harps and Angels» mag zwar Newmans erstes Album seit neun Jahren sein, im Grunde aber ist es wieder ein Soundtrack geworden. Ein Soundtrack zur Lage der US-Nation. Und wie jede gute Filmmmusik hören wir sie, nehmen sie wahr und beeinflusst sie unsere Gefühle. Das Schöne: Trotz aller Kritik und Bissigkeit, Newman ist musikalisch kein Misanthrop. Im Gegenteil: Seine Musik bereitet Freude. Newman sagt uns: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.