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Schwule Eurovision-Fans: 

Ohne Regenbogenfahne zum Song Contest

09. Mai 2008 07:54
Serbische Fahnen bei einer Demonstration von Nationalisten
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Homosexuelle Grand-Prix-Fans sitzen mit Bangen auf gepackten Koffern: Sie reisen in den kommenden Tagen zum europäischen Musikwettbewerb nach Belgrad – wo schwulenfeindliche Schläger mit Angriffen drohen, berichtet Matthias Breitinger.

«Passt auf eine Bande namens Obraz auf, wenn ihr in Serbien seid», warnt Amunt vor der militanten rechtsextremen Gruppierung. Und Dragan übersetzt drohende Zitate von Obraz-Sprecher Mladen Obradovic: «Wenn wir in Belgrad während Eurovision ein schwules Paar sehen, wird es das letzte Mal in ihrem Leben sein, dass sie ihre Gefühle austauschen.» Amunt und der serbische User sind Fans des europäischen Liederwettbewerbs Eurovision Song Contest (ESC) und haben ihre Warnungen im Yahoo-Forum zum ESC gepostet.

Neben all den Jahr für Jahr üblichen Debatten darüber, wer wohl den Contest gewinnen könnte und welches Land wem seine Höchstpunktzahl zukommen lassen wird, prägt die Sorge um die eigene Sicherheit in der serbischen Hauptstadt die Diskussionen in Fanforen. Nicht zu unrecht: Die Klerikofaschisten von Obraz wettern unter dem Banner des christlich-orthodoxen Kreuzes gegen alles Nicht-Serbische, und dazu gehören neben in Serbien wohnende Kroaten oder Roma auch Homosexuelle.

Doch genau die werden in Belgrad in den kommenden Tagen zu Tausenden erwartet, denn am Pfingstsonntag beginnen dort die Proben für den Song Contest – und dessen Fans sind hauptsächlich homosexuelle Männer, warum, weiß keiner so recht. Jedenfalls gilt der Wettbewerb als so etwas wie das schwule Woodstock. Gleichgesinnte von Portugal bis Estland treffen sich alljährlich vor Ort, und viele reisen schon zu den Proben an. Der Start der ESC-Saison fällt in Belgrad ausgerechnet mit der Parlamentswahl zusammen, bei der den Nationalisten laut Umfragen gute Chancen eingeräumt werden.

Regenbogenfahne zu Hause lassen

«Je nachdem, wer am Sonntag die Wahlen gewinnt, steht es den ESC-Fans ja immer noch frei, am Montag nicht in den Flieger zu steigen», meint Christian. Der 25-jährige Student aus Berlin hat dennoch fest vor, Anfang der Woche nach Belgrad zu reisen, um keine Proben und Pressekonferenzen zu verpassen – so wie schon 2006 und 2007.

Für den Fernsehzuschauer wird sich das Festival in Belgrad kaum von dem im Vorjahr unterscheiden. Aber üblicherweise finden in der Austragungsstadt zusätzlich zu den TV-Shows Veranstaltungen statt, wie Eurodisco oder ESC-Parties im eigens eingerichteten «Euroclub». Im vergangenen Jahr verteilte das Touristikamt in Helsinki speziell für den Grand Prix angefertigte Stadtpläne unter den Fans, mit der Regenbogenfahne drauf. Damit ist in Belgrad nicht zu rechnen.

Auch sonst ist die farbenfrohe Flagge, eines der internationalen Symbole der Schwulen- und Lesbenbewegung, gern mal beim ESC zu sehen. Dieses Jahr vermutlich deutlich seltener – nicht nur serbische Schwulenorganisationen, sondern auch der europäische Lesben- und Schwulenverband ILGA rät den anreisenden schwulen Fans ausdrücklich davon ab, sich in Belgrad offen als homosexuell zu zeigen. «Vor allem sollten sie auf Aidsschleifen am Revers und auf die Regenbogenfahne verzichten», sagte das österreichische ILGA-Vorstandsmitglied Kurt Krickler der «Tageszeitung» (taz).

Schwule gelten in Serbien als krank

Krickler beobachtet seit längerem die Menschenrechtsprobleme auf dem Balkan, vor allem in Serbien. Er weiß um die Militanz der Homophoben in dem südosteuropäischen Land: So griffen nationalistische Schwulenfeinde – darunter auch Obraz-Anhänger – im Juni 2001 die Schwulenparade in Belgrad an, prügelten auf Teilnehmer ein und verletzten mehr als 30 der 50 Demonstranten. Die Polizei blieb lange untätig und sah zu.

Deshalb schrieb Krickler einen sorgenvollen Brief an den ESC-Veranstalter, die European Broadcasting Union (EBU): Ob sie die Sicherheit der homosexuellen Besucher garantieren könne? Die unbestimmte Antwort von ESC-Chef Svante Stockselius: «Die EBU trennt ihre Fans nicht nach Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung.» Man habe eine Sicherheitsgarantie des serbischen Präsidenten – «diese Garantie umfasst alle.»

Doch Skepsis bleibt. Schließlich ist es mit der Akzeptanz von Minderheiten in Serbien nicht weit her. Mit der von Schwulen und Lesben sowieso nicht: 80 Prozent der Serben glauben laut Meinungsumfragen, Homosexualität sei eine Krankheit. Nur acht Prozent können überhaupt akzeptieren, dass es Homosexuelle gibt. Und eine Studie ergab vor drei Jahren, dass bereits jeder vierte der homosexuellen Befragten Opfer einer Gewalttat wurde.

Sorgen um die Menschenrechte in Serbien macht sich auch die EU. In einer Studie darüber kam die EU-Kommission im vergangenen Jahr zum Ergebnis: Diskriminierung ist in Serbien weit verbreitet, sie trifft insbesondere Roma, Behinderte, ethnische Minderheiten und Menschen gleichgeschlechtlicher Orientierung. Dabei habe es immer wieder auch Angriffe auf Minderheiten-Organisationen gegeben.

Das Belgrader Lesben- und Schwulenzentrum Queeria forderte Polizei und Staatsanwaltschaft auf, auf die schwulenfeindlichen Drohungen von Obraz zu reagieren. Man solle bei den ESC-Veranstaltern darauf dringen, mehr für die Sicherheit der Gäste zu tun. User Dragan, der Mitglied der serbischen Homosexuellen-Organisation Lamba ist, äußert sich aber skeptisch: Während des Grand Prix seien zwar viele Polizisten unterwegs, «doch ihr müsst vor allem auf euch selbst aufpassen», warnt er die anreisenden Fans.

Zwischen Hoffen und Bangen

Der Berliner Fan Christian gibt sich allerdings zuversichtlich: «Ein Vorfall wäre für das Image Serbiens eine Katastrophe», meint er im Gespräch mit der Netzeitung. «Deshalb denke ich, dass man alles daran setzen wird, damit sich Presse und Fans wohlfühlen. Zumindest die Halle, das Pressezentrum und der Euroclub werden bestimmt gut geschützt sein.» Er könne sich vorstellen, dass die Schwulenhasser zwar drohen, sich dann aber beim ESC nicht sehen lassen werden – «nach dem Motto 'Bellen, aber nicht beißen'».

Ähnlich hoffnungsvoll äußern sich auch Fans im Internet – etwa ein Brite, der im Kommentar zu einem Blog-Eintrag darauf verweist, dass der ESC das größte internationale Event sei, das je in Serbien stattgefunden habe: «Das ist für die staatlichen Stellen doch sicherlich entscheidend als Werbung für ihr Land.» Andere sind dagegen skeptischer und halten die ausgesprochene Sicherheitsgarantie für einen Witz. Die Polizei habe schließlich auch nicht eingegriffen, als im Februar nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo Randalierer die US-Botschaft anzündeten.

Marija Serifovic beim Eurovision Song Contest 2007
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Ironie der Geschichte: Dass der Song Contest überhaupt in Belgrad stattfindet, liegt an der Sängerin Marija Serifovic, die mit einem als Ausdruck lesbischer Liebe deutbaren Auftritt im vergangenen Jahr den Wettbewerb gewonnen und damit in ihre serbische Heimat geholt hatte. Die siegreiche Performance war 2007 noch von den schwulen Fans gefeiert worden. Die Folgen werden jetzt spürbar – von Serifovic hört man dazu nichts. Sie trat inzwischen bei Wahlveranstaltungen der ultrakonservativen Opposition auf. Vielleicht aus Sorge um ihre Karriere.
 
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