Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Film der Woche: 

Wenn Alte wieder zu Kindern werden

24. Apr 2008 08:25
'Ihr seid die, die nicht da waren!': Jon und Wendy
Bild vergrößern
«Die Geschwister Savage» schildert die Geschichte eines sterbenden Vaters aus der Sicht seiner erwachsenen Kinder, die der Situation hilflos gegenüberstehen. Ein überaus gelungener Film über ein heikles Thema, meint Julia Wilczok.

Als die Lebensgefährtin ihres Vaters Lenny (Philip Bosco) stirbt, müssen die Geschwister Wendy (Laura Linney) und Jon Savage (Philip Seymour Hoffman) sich um den demenzkranken Alten kümmern. «Ihr seid die, die nicht da waren!», wettert der Alte, als sie ihn zum ersten Mal im Krankenhaus besuchen. Schuldig fühlen Wendy und Jon sich aber erstmal gar nicht, schließlich war das Verhältnis zu ihrem alten Herren seit Jahren schlecht.

Die Geschwister sind hilflos und mit der Pflege des Vaters überfordert. Ein passendes Heim muss her, doch schnell merken die Savages, dass hinter den blankpolierten Fassaden der Altenresidenzen mit ihren überengagierten Heimleitern auch bloß die Langeweile regiert. Wie soll der Vater an so einem Ort in Würde sterben?

Schließlich drücken die Jahre des Nichtkümmerns doch schwer auf ihr Gewissen. Sie wollen wieder gut machen, was sie früher versäumt haben. Wendy steckt all ihre Energie in die Suche nach dem perfekten Heim und der «gemütlichen» Ausstaffierung von Vaters Zimmer, was zuweilen groteske Formen annimmt. Etwa, als sie den mürrischen Alten mit einer Lavalampe überrascht. Bruder Jon hingegen setzt mehr auf gemeinsame Erlebnisse, wobei das Ansehen alter Filme nicht immer problemlos abläuft. Die Geschwister rackern sich ab, bis sie völlig fertig sind und am Ende fragt man sich, für wen das Sterben eigentlich schwerer ist, den Vater oder seine Kinder?

Mitvierziger, die unerfüllten Träumen nachhängen

Für wen ist das Sterben schwerer, Vater oder Tochter?
Bild vergrößern
Anhand eines Theaterstücks, an dem Wendy schreibt, bringt sie den Zuschauern die Familiengeschichte der Savages näher. So erfahren die Zuschauer von einer depressiven Mutter, die sich davon gemacht hat, einem gefühlskalten Vater und verängstigten Kindern. Zur Aufarbeitung und Überwindung der Schatten ihrer Vergangenheit ist es nun jedoch zu spät. Aus den verunsicherten Kindern sind zwei völlig verplante Mitvierziger geworden, die ihre Leben mehr schlecht als recht im Griff haben. Beide fristen ein ziemlich tristes Dasein und hängen ihren unerfüllten Träumen nach. Während Dramatikerin Wendy ihren Lebensunterhalt in einer Zeitarbeitsfirma verdient und eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat, schafft es Literaturdozent Jon nicht, sein Buch über Berthold Brecht fertig zu stellen und auch um die Beziehung zu seiner polnischen Freundin bemüht er sich nur halbherzig.

Während sie versuchen, den Alltag des Vaters etwas bunter zu gestalten, kommen die Geschwister sich langsam näher. Sie entdecken Seiten am anderen, von denen sie bisher nichts ahnten. Alte Konflikte werden heraufbeschwört, Lebenslügen platzen. Dabei geben Philip Seymour Hoffman und Laura Linney das perfekte Film-Geschwisterpaar ab. Über Hoffman braucht man eigentlich gar kein Wort zu verlieren, denn egal ob er nun Truman Capote, Musikjournalist Lester Bangs oder eben den chaotischen Dozenten-Bruder spielt – er ist in jeder Rolle brilliant. Doch auch Laura Linney spielt sich mit ihren bedächtig ausgewählten Rollen langsam aber sicher in Hollywoods erste Liga. Ihre spielerische Leistung in «Die Geschwister Savage» wurde sogar mit einer Oscar-Nominierung in der Kategorie beste Hauptdarstellerin honoriert.

Leise und unsentimental

Regisseurin Tamara Jenkins schildert das deprimierende Familienschicksal mit Einfühlungsvermögen und einer gesunden Portion Ironie. Ihr Film nimmt sich dem heiklen Thema auf eine Art und Weise an, wie es tatsächlich am besten transportiert werden kann - leise und unsentimental. Jenkins Drama ist gleichzeitig Gesellschaftsporträt: Die Industriestaaten erlebten in den vergangenen Jahren einen starken Geburtenrückgang, so werden auch Wendy und Jon, als Spiegelbilder der modernen Gesellschaft, wohl niemals eigene Kinder haben. Mit dem Tod des Vaters stirbt für die Geschwister auch das Fundament ihres Zusammenhalts - die Familie.

«Die Geschwister Savage» - Der Trailer:

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
NZ-Interview mit Morten Harket: 
«Ich bin nicht der Posterboy für Zwölfjährige»
Interview mit «Viva Polonia»-Autor: 
«Für Polen sind Angeber das Schlimmste»
Live Top 5
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.