Film der Woche: 

netzeitung.deGoliath und die kaputten Seelen

 Herausgeber: netzeitung.de

Emily (Theron) und Hank (Jones) auf Spurensuche (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Emily (Theron) und Hank (Jones) auf Spurensuche
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein Vater folgt den letzen Spuren seines Sohnes, der nach der Rückkehr aus dem Irak grausam ermordet wurde. Paul Haggis hat mit «Im Tal von Elah» einen verstörenden Antikriegsfilm geschaffen, meint Juliane Wienß .

Der junge US-Soldat Mike Deerfield kämpft im Irakkrieg, doch nach seiner Rückkehr verschwindet er plötzlich. Sein besorgter Vater Hank (Tommy Lee Jones), selbst einst Soldat im Vietnamkrieg, macht sich auf den Weg zur Militärbasis seines Sohnes. Aber auch vor Ort erfährt er nichts Neues von Mikes Einheitskameraden und die örtliche Polizei fühlt sich für das Verschwinden eines Soldaten nicht zuständig.

Dann aber wird Mikes Leiche gefunden: zerstückelt, verkohlt und auf einem Feld nahe der mexikanischen Grenze verstreut. Alles weist auf einen grausamen Mord hin. Allzu schnell sieht die ermittelnde Militärpolizei die Antwort in gefährlichen Geschäften mit mexikanischen Drogenschmugglern. Für Hank tut sich dagegen ein tiefes Loch aus Fragen auf: Mit welchen Leuten hat sich sein Sohn eingelassen? War er wirklich in den Drogenhandel verwickelt? Auf eigene Faust versucht er, Mikes letzten Spuren zu folgen.

Wie aus dem Jenseits erreichen ihn dabei die verstörenden Videoaufnahmen und Fotos, die Mike auf seinem in der Wüstensonne eingeschmolzenen Handy gespeichert hatte, die nach und nach entschlüsselt werden. Mehr und mehr beginnt sich Hank zu fragen, was er überhaupt über das Leben seines Sohnes wusste. Bei der Aufklärung hilft ihm die Zivilpolizistin Emily Sanders (Charlize Theron). Während das Militär immer wieder versucht, die beiden daran zu hindern, nähern sich der Kriegsveteran und die junge Polizistin einer kaum erträglichen Wahrheit, die das Bild von Hank - inklusive Soldatenehre und treuer Kameradschaft - aus den Fugen reißt.

Ein knöcherner Schutzpanzer aus Disziplin
Die Stärke des Films liegt vor allem in den brillianten Darstellern, die ihre überwiegend statischen Rollen mit Authentizität zu füllen wissen. Da ist zuvorderst Tommy Lee Jones als Vater und traumatisierter Vietnamsoldat.

Der Gram über den unbegreiflichen Verlust seines Kindes implodiert lediglich hinter der wächsernen Maske eines Militärs. Bis ins Blut scheint er verinnerlicht zu haben, sich selbst zu kontrollieren, nach dem Notwendigen zu handeln. Die über Jahre antrainierte, zwanghafte Disziplin durchtränkt jede kleinste Bewegung. Nur als er glaubt, den Mörder seines Sohnes gefunden zu haben, wird der knöcherne Schutzpanzer von blankem Hass durchdrungen.

Charlize Theron lässt sich von Lee Jones trotzdem nicht in den Schatten spielen. Aber sie hätte kein Kostüm gebraucht, das ihre Schönheit künstlich kaschiert, um als taffe, aber auch berührte Polizistin zu überzeugen. Mehr als durch eine angeklebte Frisur und biedere Jackets hätte die Rolle durch Tiefe und Dynamik gewonnen. Eine berufsleidenschaftliche Polizistin, die sich gegen den Sexismus männlicher Kollegen durchsetzen muss, ist nicht sonderlich originell. Nicht zuletzt glänzt am Rande des Films die Altmeisterin Susan Sarandon, deren berührende Durchschlagkraft als hilflose Mutter einzig durch die viel zu klein bemessene Nebenrolle gedämpft wird.

Jenseits eines normal zivilisierten Alltags
Im Gesicht von Tommy Lee Jones alias Hank Deerfield zeigt sich das Leid des Krieges, der mental auch Amerika erreicht. «Im Tal von Elah» beruht übrigens auf einer wahren Geschichte. Still, dafür aber umso schockierender, blickt Regisseur Haggis auf die Folgen für die Seelen, die im Irak gekämpft, dort gelebt haben: jenseits eines normal zivilisierten Alltags und seiner ethischen Maximen. Der Krieg hört nicht auf, er reist in den Köpfen der Soldaten mit, wenn sie zurückkehren. Und er verändert sie, schafft mitunter Kreaturen, die zu lieben schwer fällt.

Diesen subtilen Schrecken macht Regisseur Paul Haggis meisterlich greifbar, auch wenn die verfilmte Wut über sinnlose Kriege nicht neu ist. Wenn er zeigt, wie der Krieg mit seinen irreparable Schäden im eigenen Land ankommt, liefert er dem Zuschauer ein Argument mehr für die Feststellung, dass Amerika nicht aus seinen Traumata lernt. Das mag ein Grund dafür sein, dass «Im Tal von Elah», wie die meisten Irakkriegsfilme zur Zeit, in den USA floppte.

«Die Soldaten landen im Irak und merken dann ganz schnell, dass sie die Rolle von Goliath haben - und somit wahrscheinlich auf der falschen Seite stehen», sagte Haggis über seinen Film. Auf die Erzählung von David und Goliath weist auch der Titel hin: Das Tal von Elah meint jenen Ort, an dem der Hirtenjunge David laut dem ersten Buch Samuel den Riesen Goliath bezwang.

«Im Tal von Elah» - Der Trailer: