28.02.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Javier Bardem als dämonischer Soziopath
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im neuen Werk von Joel und Ethan Coen mordet sich ein psychopathischer Killer quer durch Texas. Ihre vier Oscars haben sich die Regie-Brüder mit «No Country for Old Men» redlich verdient, meint Sascha Rettig .
Irgendwas geht immer schief und keine Tat bleibt unentdeckt. Unter Filmregisseuren wurden diese Erkenntnisse wohl kaum so verinnerlicht wie von den Brüdern Joel und Ethan Coen. Nach Filmen wie «Blood Simple» und «The Big Lebowski» kehren sie mit ihrem neuen, am Sonntag mit vier Oscars ausgezeichnetem Werk «No Country for Old Men» nun einmal mehr zurück zu den Verbrechen, deren Folgen eine ganz eigene Dynamik entwickeln und in den Konsequenzen dann oft auf groteske Weise aus dem Ruder laufen.
Der neue Abstecher ins Coen-Country führt nach Texas irgendwann in den 80er Jahren. In der staubtrockenen Hitze der kargen Wüste entdeckt der Vietnam-Veteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) bei der Jagd den Tatort eines geplatzten Drogendeals inklusive eines Massakers an einem halben Dutzend Mexikanern, kiloweise Heroin und zwei Millionen Dollar. Ohne lange zu überlegen, nimmt sich Moss das Geld und will verschwinden. Doch er ahnt nicht, was diese Tat nach sich zieht und dass sich unter anderem ein alternder Sheriff namens Bell (Tommy Lee Jones) und der Killer Anton Chigurh (Javier Bardem) an seine Fersen heften werden.
Ein regelrechter Exzess grotesker GewaltNach der ungewöhnlich gefälligen Screwballkomödie «Ein unmöglicher Härtefall» und dem durchweg misslungenen Remake des Gaunerklassikers «Ladykillers» finden die Coen-Brüder mit ihrer ersten Romanadaption zur Hochform zurück. Die gleichnamige Vorlage dazu stammt von Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy, dessen sprachlich äußerst verknappten «Texas Noir» das Filmemacher-Duo nun äußerst werkgetreu auf die Leinwand gebracht hat. Das schlägt sich einerseits in den lakonischen Dialogen nieder, zum anderen aber auch in der hochkonzentrierten Erzählweise, die sich auf das Wesentliche beschränkt. Bei aller technischen Brillanz verzichten sie so diesmal aber auf formale Spielereien, surrealistische Traumsprengsel und andere Gimmicks.
Auch in «No Country for Old Men» zeigen sie einmal mehr die USA aus ihrer ganz eigenen und speziellen Perspektive. Mit typischer Detailversessenheit fangen sie abermals den Slang und die skurrilen Eigenarten der oft recht wortkargen Provinzbevölkerung ein und verbinden das abermals mit einem regelrechten Exzess grotesker Gewalt. Damit wirkt ihr jüngster Geniestreich fast wie ein Widerhall ihres großartigen Kidnapping-Thrillers «Fargo» nur dass aus dem verschneiten Nordwesten diesmal die texanische Grenzlandschaft zu Mexiko geworden ist.
Außer der Frisur gibt es nichts zu lachenDas Trio der Männer, die sich in «No Country for Old Men» verfolgen, setzt sich aus typischen Vertretern amerikanischen Einzelgängertums zusammen: Josh Brolin gibt den Cowboy Moss, der grandiose Tommy Lee Jones ist der philosophierende und an der gewalttätigen Welt zweifelnde Alt-Sheriff Bell und Javier Bardem verkörpert den Killer Anton Chigurh, der das Zeug hat, sich auf unabsehbare Zeit ganz mühelos in die Alpträume des Publikums zu graben. Unter den Dreien kommt es zur klassischen Konfrontation von Gut und Böse, bei der der Cowboy zwischen die Fronten gerät und dabei als nur allzu menschliches Zentrum des Films beiderlei Eigenschaften in sich zusammenbringt.
Deutlich Aufsehen erregender ist jedoch Chigurh. Eine Killermaschine, bei der die Frisur zwar überaus komisch ist, es aber sonst nichts zu lachen gibt. Ein dämonischer Soziopath, der mit regelrecht monströser Urgewalt seinen Weg mit Leichen pflastert. Eine herkömmliche Waffe benutzt er nicht, sondern ein Lufthochdruck-Bolzenschussgerät völlig erbarmungslos, still und kalt.
Keinen Ausweg, kein Entwischen, keine HoffnungWährend Chigurh so ohne emotionale Regung und extrem präzise nach und nach immer weitere Opfer tötet, verschränkt «No Country for Old Men» Spätwestern, Noir- und Thrillerelemente mit absurd komischem und sehr brutalem Resultat, in dem sich Moss, Chigurh und Bell zudem eine Verfolgungsjagd liefern, die wohl die ruhigste der Filmgeschichte ist. Während sie sich in den Kleinstädten, Motels und der unwirtlichen Landschaft suchen und belauern, gelingen den Coens einige überaus aufreibende Spannungsmomente. Sehr still ist das zwar und ziemlich entschleunigt, aber trotzdem furchtbar atemlos.
«No Country for Old Men» wird bei all dem zu einer pessimistischen Reflexion über das Böse in der Natur des Menschen, über die Gewalt und wie sich das Gute aus dieser Welt verabschiedet zu haben scheint. Aus der Situation, die die Coens schaffen, gibt es keinen Ausweg, kein Entwischen und keine Hoffnung. Zum Altwerden ist dieses Land tatsächlich nicht geeignet.
«No Country for Old Men», der Trailer: