Netzeitung Logo

 
DruckenVersenden
 

Film der Woche: 

«Sweeney Todd» und die letzte Rasur

21. Feb 2008 07:23
Sweeney Todd (Johnny Depp)
Bild vergrößern
In Tim Burtons Neo-Gothic-Fantasie mimt Johnny Depp einen verrückten Barbier auf Rachefeldzug. Sascha Rettig freut sich, dass dieser bittersüße Musicalfilm so gar nichts von der Llyod-Webber'schen Gefälligkeit hat.

Langsam, ganz langsam umspielt der Friseur mit dem Rasiermesser die Haut und setzt zur Rasur an. Ruhig gleitet es am mit Schaum eingeschmierten Hals entlang. Doch dann, plötzlich und ganz unvermittelt, ein kräftiger Schnitt. Ganz tief durch die Kehle bis das Blut wie in einer Fontäne spritzt, strömt und sich schwallweise ergießt, bevor danach ein Tritt auf ein Pedal am Frisörstuhl erfolgt und die Opfer in die Tiefe fallen, wo sie mit unappetitlicher Geräuschuntermalung auf den steinigen Kellerboden klatschen.

«Das ist nicht 'Hairspray'», schrieb die «New York Times» warnend hinter die Altersangabe unter der Kritik. Nein, es ist «Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street» von Tim Burton. Auch ein Musical zwar, aber ein ziemlich finsteres, in dem es wenig zimperlich zugeht. In leuchtendem Rot rinnt das Blut darin immer wieder durch das sonst fast schwarzweiße London zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Damit führt es geradewegs in das Herz eines zerstörerischen Melodrams, bevor es in der Kanalisation versickert und die Toten im unbesorgten Leichen-Recycling von Helena Bonham Carter als Mrs. Lovett in der Fleischpastete für ihr plötzlich blendend laufendes Restaurant verarbeitet werden.

Auf dem Friseurstuhl des Grauens

Die zentrale Figur des blut- und rachedurstigen Barbiers ist allerdings Johnny Depp, mit dem Burton nach gemeinsamen Projekten wie «Ed Wood» oder «Charlie und die Schokoladenfabrik» erneut zusammenarbeitet. Wie «Edward mit den Scherenhänden» spielt er dabei einmal mehr eine geplagte, einsame Kreatur. Als Mann, der einst den Namen Benjamin Barker trug, kehrt er hier anfangs aus der Verbannung zurück, wo er völlig unschuldig 15 Jahre verbringen musste. Der Richter Turpin (Alan Rickman) hatte sie einst veranlasst, damit Barkers Frau und Tochter in seine Hände fallen.

Als Turpin sie allerdings vergewaltigt, vergiftet sie sich und Barkers Tochter Johanna lebt seither als dessen Adoptivkind wie eine Gefangene oder ein Vogel im Käfig – wenn man so will. Doch Barker kehrt als Sweeney Todd zurück nach London, wo Turpin für sein Handeln bezahlen muss, wie einige andere auch, wenn sie bei dem Barbier der Londoner Fleet Street auf dem Friseurstuhl sitzen.

Ähnlicher Killer in einem Horrorgroschenheft

Bild vergrößern
Es wird spekuliert, ob ein solcher dämonischer Friseur um 1800 in London tatsächlich über 160 Menschen die Kehlen aufgeschnitten haben soll. Belegt ist allerdings nur, dass ein ähnlicher Killer 1846 erstmals in einem Horrorgroschenheft auftauchte, bevor die Geschichte als Grundlage unter anderem für einen Horrorfilm und ein Theaterstück diente. 1979 machte dann Stephen Sondheim daraus ein mit etlichen Tonys prämiertes Bühnenmusical, das nun wiederum Burtons «Sweeney Todd» zugrunde liegt – und wenn man es nicht anders wüsste, könnte man sogar glauben, dass der Sondheim die Vorlage eigens für ihn geschrieben hat.

Sicherlich stellt «Sweeney Todd» im bisherigen Schaffen des eigenwilligen Fantasten eine Besonderheit dar, weil es sich um ein Musical handelt. Doch ansonsten offenbart der Film in jeder Szene und in jedem Bild aus den Kulissen von Setdesigner Dante Ferreti seine Obsession für schauerliche Neo-Gothic-Fantasien wie «Sleepy Hollow» oder «The Corpse Bride». Das London des 19. Jahrhunderts wird zum düsteren Moloch, über dem die grauen Wolken so schwer hängen wie die schwarzen Ringe unter den Augen der blassen Gestalten, die diese Stadt bevölkern. Die Sonne bricht dort nur in wenigen Momenten herein, wenn sich Mrs. Lovett in einer tagträumerischen Zukunftsvorstellung mit Todd und ihrem Zufallsziehsohn Toby auf einer grünen Wiese beim glücklichen Picknick sieht.

Ein Blick in die kaputten Seelen

Bild vergrößern
Unter dem Horror und dem schwarzhumorigen Umgang mit Tabuthemen wie unbeschwertem Kannibalismus und gnadenlosem Morden am laufenden Band legt «Sweeney Todd» seinen melodramatischen Kern mit all seiner Bitterkeit frei. Der Schlüssel dazu ist die Musik von Stephen Sondheim, die denkbar weit von der Llyod-Webber'schen Gefälligkeit anderer Genrevertreter entfernt ist, und natürlich der dazugehörige Gesang von den durchweg hervorragenden, aber überwiegend Musical-unerfahrenen Darstellern: Ob Depp und Bonham Carter, ob Alan Rickman als Richter, Timothy Spall als dessen unangenehm schmieriger Gehilfe Beadle oder Sacha Baron Cohen als Todds verschlagener Friseurkonkurrent Pirelli, der als einer der ersten sein Leben aushauchen wird.

Furchtbar ergreifend, mitunter schmerzvoll und rührend tragen sie mit ihren unperfekten Stimmen die Songs vor, die in Burtons geschickter Inszenierung sanft ineinander fließen. Sie ermöglichen den Blick in die kaputten Seelen, dringen bis ins Innere Todds und legen dessen zerstörerische Emotionen frei. Das geht tiefer als jede andere bisherige Exkursion in Burtons Imagination und tiefer als sich Sweeney Todds Klinge in die Haut seiner Opfer schlitzen kann. Es ist so tief wie die Wunden in einem Herz, die durch Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung und Rachegefühle dort hinein geschnitten wurden.

«Sweeney Todd», der Trailer:

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

 
Holm Friebe, Thomas Ramge & die «Marke Eigenbau»: 
«Nur ein Beruf? Ein historischer Betriebsunfall»
Paul Kalkbrenner im Interview: 
«Die Love Parade ist ein Ballermann-Event»
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.