'Family-Business': Plainview (Day-Lewis) und Sohn H.W.
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Ein Self-made man, dessen Menschlichkeit seiner Profitgier zum Opfer fällt: Der Oscar-Favorit «There Will Be Blood» ist ein komplexes Epos, das im heutigen Kino seinesgleichen sucht, sagt Julia Wilczok.
Es war mal eine Zeit, in der gab es Erdöl im Überfluss. Die Menschen dachten noch nicht darüber nach, dass die Ressourcen eines Tages knapp werden könnten. Von diesen paradiesischen Zuständen profitiert auch Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis), der Ende des 19. Jahrhunderts in der amerikanischen Ödnis auf der Suche nach Silber auf Öl stößt, das «schwarze Blut der Erde». Als einer seiner Arbeiter stirbt, nimmt er dessen verwaisten Sohn auf. Ein cleverer Schachzug, wie sich später zeigen wird. Mit einer Verbissenheit, die an Besessenheit grenzt, hat Plainview sich bald darauf im Öl-Geschäft einen Namen gemacht. «I am an oilman», stellt er sich bei Verhandlungen vor. Mit dem Ziehsohn im Schlepptau vermarktet er sich als «Familienunternehmen».
Die Gier nach mehr Flüssig-Gold, mehr Reichtum, wird zu seiner treibenden Kraft. Durch den Tipp eines Farmers-Sohnes hört Plainview von einem großen Ölvorkommen an der Pazifikküste. Das kleine Örtchen Little Boston entpuppt sich tatsächlich als wahre Goldgrube. Die einfach gestrickten, bibeltreuen Siedler vor Ort lassen sich fast zu leicht von dem wortgewandten Unternehmer umgarnen. Plainview verspricht Wohlstand und Bildung für alle, dafür lassen sie ihn auf ihrem Land bohren.
Die Industrialisierung geht mit Riesenschritten voran, die Großkonzerne setzten Plainview ganz schön zu, doch er beißt sich durch. Die Auseinandersetzung mit seinen Mitbürgern und Geschäftspartnern kostet diesen rohen, wortkargen Mann einiges an Überwindung, denn in Wahrheit verachtet er alle Menschen. Sein größter Wunsch sei es, einmal so reich zu sein, dass er niemanden mehr sehen müsse, sagt er in einer Szene. Jegliche Gefühlsregung blockt er ab, sogar dem Sohn gegenüber. Als der kleine H.W. (Dillon Freasier) bei einem Unfall sein Gehör verliert, schiebt der Vater ihn ab - wie man sich eines defekten Werkzeuges entledigt, das den Dienst versagt.
Sehr zum Missfallen des jungen Erweckungspredigers Eli Sunday (Paul Dana), der Plainviews Konterpart mimt. Religiöser Fanatismus prallt auf übertriebenes Machtstreben: Die beiden hassen sich vom ersten Augenblick, denn der bekennende Atheist Plainview verkörpert für Eli den Anti-Christ schlechthin. Schließlich ist Avaritia, Habgier, eine der sieben Todsünden. Den Missionierungs-Versuchen des jungen Predigers widersetzt der «Ölmann» sich, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Plainview glaubt nicht an Gott, sondern nur an den Profit.
Exorzismus vom Landpfarrer
Jungpfarrer Eli (Paul Dana) hat die Gemeinde fest im Griff
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Elis heuchlerische, komödiantisch anmutende Hetz-Predigten, vermitteln dem Zuschauer eine Ahnung davon, wie der Begriff Gottesfurcht entstanden ist. Etwa, als eine arthritische Alte sich von dem Jungfparrer mit einem obskuren Exorzismus den vermeintlichen Teufel aus den Händen treiben lässt. Mit den Worten «Verlasse diesen Ort, oh Satan!», treibt er den bösen Geist aus dem Gotteshaus. Eli brüllt und windet sich mit Schaum vor dem Mund, die unterwürfige Gemeinde ist begeistert von soviel Engagement. Der Gedanke lässt sich einfach nicht unterdrücken, dass dieser junge Kerl Jahrzehnte später sicher Popstar oder Politiker geworden wäre.
Schnitt. Die Jahre sind ins Land gezogen. Der inzwischen vollends der Trunksucht verfallene Plainview hockt einsam, verbittert und paranoid in seinem Palast ähnlichen Anwesen, einem goldenen Käfig, den er sich selbst errichtet hat. Sein Reichtum hat ihn vergiftet, er traut keinem Menschen mehr über den Weg. Ein größenwahnsinniger Mann aus kleinen Verhältnissen - Vergleiche mit «Giganten» oder «Citizen Kane» drängen sich auf.
Wenig Handlung, viel Atmosphäre
Nach einem Unfall wird der kleine H.W. einfach abgeschoben
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Die Handlung ist an den 1927 erschienenen Roman «Oil!» von Upton Sinclair angelehnt. Regisseur Paul Thomas Anderson gelingt es meisterhaft, die Atmosphäre der staubtrockenen wie menschenleeren Ödnis fühlbar darzustellen. Zäh und schwer wie das Öl selbst ziehen die zweieinhalb Stunden vorüber, dabei ist die spärliche Handlung eher Nebensache. Viel spannender ist es, diesen Mann zu beobachten, der den amerikanischen Traum lebt, aber menschlich an seiner Machtgier zu Grunde geht.
Ein weiterer Geniestreich ist sicherlich die experimentelle musikalische Untermalung, für die Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood verantwortlich ist. Ein sirrendes, bedrohliches Motiv zieht sich durch den Film. Es klingt nach aufkeimender Katastrophe, lähmender Hitze und wilder Natur, die sich dagegen wehrt von Menschenhand bezwungen zu werden. Nach Filmen wie «Boogie Nights» oder «Magnolia» hat Regisseur Paul Thomas Anderson mit «There Will Be Blood» ein komplexes Epos geschaffen, das im heutigen Kino seinesgleichen sucht.
Day-Lewis wird von Plainview aufgesogen
Die Glanzfigur dieses Dramas ist Oscarpreisträger Daniel Day-Lewis («Mein linker Fuß», 1990). Mit einer unglaublichen Intensität spielt der 50-Jährige den amerikanischen Self-made man Plainview. Mit schnarrendem Bass und dem Wahnsinn in den Augen, poltert er über die Leinwand. So authentisch, dass der echte Day-Lewis vollkommen hinter Plainview verschwindet, ja von der Figur aufgesaugt wird. Verwundern tut das nicht, Day-Lewis versenkt sich meist bis zur völligen Selbstaufgabe in seine Charaktere.
Einen Golden Globe und zahlreiche Nominierungen im Rahmen diverser Filmpreise hat der Wahl-Ire bereits für seine Darstellung des Daniel Plainview erhalten. Auf auf der Berlinale läuft der Film im Rahmen des Wettbewerbs. Nun fehlt nur noch der Oscar, für den er als bester Hauptdarsteller nominiert ist. Zu Recht wird Day-Lewis in diesem Jahr als Top-Favorit gehandelt.
Bei den Dreharbeiten soll er so überzeugend aufgetreten sein, dass der erste Darsteller des jungen Pfarrers Eli aus Furcht das Handtuch warf. Wer die Rolle ursprünglich besetzte, darüber schweigt sich die Crew aus. Day-Lewis ist übrigens bekannt dafür, auch während der Drehpausen in seiner Rolle zu bleiben. Nach den Dreharbeiten zu «There Will Be Blood» entschuldigte er sich bei seinem Team: «Sorry, I had to stay in character.»