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Bloß nicht «Sicko» werden

11. Okt 2007 07:41
Wir möchten gerne in das Krankenhaus von Guantanamo
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Man kann von Michael Moore halten, was man will, doch dieser Regisseur weiß ganz genau, welche Knöpfe er drücken muss, sagt Sophie Albers. Und er nennt das Böse bei Namen und Adresse.

Von Anfang bis Ende unterhaltsame 123 Minuten bietet das neue Werk von Michael Moore. Das neue Dokutainment namens «Sicko» hat viele überrascht, so sehr, dass mitunter sogar Tränen fließen. Dabei war der Meister der Invers-Propaganda doch eigentlich schon durch nach dem großen Erfolg von «Fahrenheit 9/11». Doch «Sicko» berührt - schon wieder - und da ist es egal, wie offensichtlich Moores Methoden sind.

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Mit der Spielsicherheit eines Spielberg spricht dieser dicke wie arrogante Mann Dinge an, die Millionen Menschen in den USA das Leben schwer machen oder sogar nehmen. Und das in für jedermann verständlichen kleinen Häppchen, die er mit wohlwollendem bis ätzendem Zynismus würzt.

Diesmal geht es darum, wie Amerika seine Kranken behandelt. «Sicko» erzählt von Krankenversicherungen, die aus reiner Profitgier kranke Kinder sterben lassen, Krebskranken die Therapie nicht bezahlen oder einem Hirntumor-Patienten im finalen Stadium sagen, das Ding in seinem Kopf sei nicht lebensgefährlich, also keine Operation nötig.

50 Millionen Menschen in den USA sind nicht krankenversichert, so Moores Zahl zu Beginn des Films. Sie müssen jegliche medizinische Versorgung selbst zahlen, ob neue Zähne oder eine abgerissene Hand. Ein Mann muss nach einem Sägeunfall nicht entscheiden, welchen Finger er retten will, sondern welchen er sich leisten kann.

Reichlich rosa

Welchen Finger können Sie zahlen?
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Doch auch mit Versicherung sieht es übel aus: Moore lässt ehemalige Angestellte von den Methoden berichten, wie Krankenkassen Kranke abweisen, und er lässt sogar Mütter von Kindern erzählen, die nicht behandelt werden und sterben.

Diesem US-Status-Quo stellt Moore dann die staatliche Krankenversorgung in Kanada, Großbritannien und Frankreich gegenüber. Die malt er allerdings ziemlich rosa, was er damit verteidigt, dass sie immer noch unendlich viel besser sei als in seiner Heimat, die das staatliche Krankenkassensystem als kommunistisch verteufelt.

Absurder Höhepunkt des Films ist Moores Reise nach Kuba: Auch einst als Helden gefeierte Helfer, die nach den Anschlägen vom 11. September mit anpackten, müssen sich mittlerweile von Krankenversicherungen wie Kriminelle behandeln lassen, verlieren Arbeit und Haus, um die Behandlungen für ihre zerstörten Lungen bezahlen zu können.

Wo geht's nach Guantanamo?

Weil das US-Militär sich rühmt, den Gefangenen von Guantanamo besonders umfassende medizinische Pflege angedeihen zu lassen, nimmt Moore die kranken, allein gelassenen Helden und bringt sie genau dorthin. So kommt es zu der großartigen Szene, in der die drei Boote vor der Bucht warten und Moore ins Megafon ruft: «Hallo, ein paar 9/11-Helfer möchten gerne in Ihre Klinik.»

Gegen den Kommunismus eines staatlichen Krankenkassensystems
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Natürlich kommen sie nicht hinein, dafür genießen sie kurz darauf den Service des kubanischen Gesundheitssystems, das zu den besten der Welt gehört. Kranken wird geholfen, ohne vorher die Erlaubnis der Versicherung einzuholen, zeigt Moore. Und wenn eine chronisch kranke Frau anfängt zu weinen, weil sie erfährt, in welchem Ausmaß sich die Pharma-Industrie und die Versicherungen in ihrer Heimat an ihr bereichern, ist das schon ein sehr trauriger Augenblick.

Vorsicht cheap shot

Versprechungen an den Realitäten zu messen und unbedingt beim Wort zu nehmen ist eine Kunst, die Moore virtuos beherrscht. Dass es zuweilen zum cheap shot verkommt, sollte man nicht den Bösen zu Gute halten, die Moore immer wieder mit Namen und Adresse nennt. Er nutzt die gleichen Mechanismen wie die, die er angreift. Aber er deckt dabei eben tatsächlich auch auf. Und dieses Ad-absurdum-Führen der Werbebildchen der egozentrisch-kapitalistischen Gesellschaft ist immer wieder sehr befreiend. Man darf diesen Propaganda-Elefanten nur nicht zu ernst nehmen.

Treppe statt Fahrstuhl

Wegen der bedrohlichen Situation in der Heimat habe er übrigens mehrere Kopien von «Sicko» außer Landes gebracht, erzählte Moore denn auch werbeprächtig bei den Filmfestspielen in Cannes. Dabei wirkt der Filmemacher trotz seines beeindruckenden Körperumfangs auch ein bisschen aufgeplustert. Er liebe das Land, in dem er lebe, doch wünsche er sich, dass seine Landesgenossen schneller lernen würden. Schließlich habe er sowohl bei General Motors, den amoklaufenden Schülern und auch im Falle Bush Recht behalten.

Er selbst jedenfalls habe aus seiner Arbeit an «Sicko» gelernt, dass man besser auf sich aufpassen müsse, so Moore. Denn Prävention sei die beste Waffe gegen raffgierige Krankenversicherungen. Deshalb nehme er nun auch mal die Treppe und nicht den Fahrstuhl.

 
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