netzeitung.deRein in die Gülle mit «Die Simpsons – Der Film»

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87 Minuten gelbe Katastrophe (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 87 Minuten gelbe Katastrophe
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Warum soll man für was zahlen, was man im Fernsehen umsonst kriegt», regt sich Homer Simpson auf. «Die Simpsons - Der Film» bietet gleich mehrere Antworten, sagt Sascha Rettig .

Strengste Geheimhaltung bei Kinofilmen macht normalerweise skeptisch. Wollen die Macher etwas verstecken und einen möglichst großen Hype aufbauen, der mit der Premiere des enttäuschenden Ergebnisses doch nur wieder in sich zusammenfällt? Auch vom lange angekündigten «Die Simpsons – Der Film» war bis wenige Tage vor dem Start nichts zu sehen. Gut, ein paar Trailerhappen wurden den weltweiten Jüngern der gelbsten und wohl beliebtesten Fernsehfamilie vorgeworfen. Ansonsten war nichts, aber auch gar nichts durchgesickert. Doch alle Sorgen sind unbegründet: Den Beweis tritt «Die Simpsons – Der Film» in 87 Minuten an, in denen die Familie aus einem der vielen amerikanischen Springfields dem gewohnten TV-Format überaus unterhaltsam und Leinwand füllend entwächst.

Im Fernsehen gibt es die knapp 23-minütigen Episoden der vierfingerigen, niemals alternden Gelblinge schon seit 18 Jahren, 400 Folgen und länger als jede andere Zeichentrickserie. Fast ebenso lang wird auch schon über eine Ausweitung der Simpsons-Zone ins Kino spekuliert. Gezeichnete Wirklichkeit wurde der Film aber erst jetzt im Jahr 20 nach der Erfindung der Familie mit dem dummdreisten, im Kernkraftwerk angestellten Vater Homer, der treu sorgenden Mutti Marge und ihren drei Kindern – dem frechen Bart, der intelligenten Lisa und dem Baby Maggie, das wie schon in der ersten Folge immer noch intensiv am Schnuller nuckelt.

Seit Ende der achtziger Jahre gelingt den Simpsons dabei ein schwieriger Spagat. Sie sind ein weltumspannendes Milliardenfranchise und gelten trotzdem als eines der großen Meisterwerke, die das Fernsehen überhaupt hervorgebracht hat: massenkompatibel und trotzdem subversiv. Auf unterschiedlichen Ebenen können Kinder genauso lachen wie das erwachsene Publikum. Im Kino allerdings kam die Animationskonkurrenz aus dem nicht weniger wahnsinnigen «South Park» den Gelblingen zuvor, entfesselten Trey Parker und Matt Stone doch schon 1999 ein säurehaltiges Musical im Namen der Meinungsfreiheit.
Überwachungswahn und Bräsigkeit
Auch die Simpsons werden in ihrem Kinodebüt mal wieder politisch und nehmen sich in der auch für die Serie charakteristischen Fülle von pointierten Zitaten, Referenzen und Kommentaren die Themenagenda der amerikanischen Gegenwart vor: Umweltverschmutzung und der derzeit moderne Öko-Aktivismus der Showbizprominenz stehen ganz oben darauf. Aber auch der Post-11. September-Überwachungswahnsinn wird ebenso vorgeführt wie das Scheitern der US-Regierung, in der – hier verkörpert durch einen tumben Präsidenten Schwarzenegger und den gewissenlosen Chef seiner Umweltbehörde – Bräsigkeit und Rücksichtslosigkeit aufeinander treffen.

In diesem Chaos muss Homer, der maßlos faule, verfressene und dreiste Duffbiertrinker und Antiheld, nur noch zum Helden werden, um sich, seine Familie, ganz Springfield und die USA vor einer großen Katastrophe zu retten. Und während er das Desaster abwendet, das er wie so oft selbst und diesmal durch eine überdimensionale Tonne aggressiver Gülle seines neuen Hausschweinchens verschuldet hat, jongliert der «Die Simpsons – Der Film» mit verschiedensten Genres: Es funktioniert als rasante Slapstickkomödie, der immer wieder giftige Satire untergemischt wird, als turbulenter Action- und Katastrophenfilm und hat sein sentimentales Herz in seiner anrührenden Familiengeschichte.

Auch wenn das bis zum Showdown episch absurde Ausmaße annimmt, bleibt technisch doch alles, ohne wie eine ins Kino verirrte und verlängerte TV-Episode zu wirken, wie im Fernsehen. Gegen den Perfektionsdrang von Hollywoods Pixelprogrammierern, die mittlerweile auch schon erste Flops hinnehmen mussten, setzt der Film den Charme der Zweidimensionalität und der handgezeichneten Linie.
Warum dafür Geld ausgeben?
Sicherlich hebt der «Die Simpsons – Der Film» nach dem beschleunigten Start vielleicht zu überdreht aus dem Springfield-Alltag zwischen Mr. Burns Atomkraftwerk und Apus Kwik-E-Mart ab und hält dabei die hohe Gagdichte auch nicht bis zum Schluss durch. «Warum überhaupt soll man für etwas bezahlen, was man im Fernsehen umsonst bekommt», regt sich Homer anfangs im Kino über den «Itchy & Scratchy Movie» auf, der Cinemascopeversion des Fernsehcartoons in Breitwandbrutalität – und stellt dabei die Frage zugleich auch für «Die Simpsons – Der Film». Antworten darauf bietet der glücklicherweise sehr viele.