19.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der bessere Trash
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«Death Proof» ist ein typischer Tarantino, sagt Sophie Albers . Jetzt vergessen Sie mal die ganzen Referenztheorien, lehnen sich zurück und entspannen sich. Aber haben Sie bitte ein Auge auf den Parkplatz.
Mit Quentin Tarantinos Filmen ist es wie mit nachgeschneiderten Vintage-Klamotten: Auf dem Bügel sehen die echt alten Stücke toll aus, aber irgendetwas stimmt nicht, wenn man sie anzieht. Der Armausschnitt ist zu eng, das Polyester zu kratzig. Und so greift man doch zur Kopie, die der aktuellen Mode angepasst ist. Irgendwie fühlt die sich besser an.
«Death Proof» heißt die neue, nachgeschneiderte Kollektion, und die ist diesmal inspiriert von den Grindhouse-Filmen der siebziger Jahre. Grindhouse, das war Trashkino, z-movies, bei denen es weniger um den Inhalt ging, als darum, Menschen, die vor der Gesellschaft flüchteten, Obdach zu gewähren: zum Drogen nehmen, zum Masturbieren oder einfach zum Schlafen. Das Ticket galt den ganzen Tag, dafür gab es Softcore, Blaxploitation und Horror, hergestellt mit möglichst geringem Aufwand und Budget. Hingucken taten die wenigsten, und so haben manche Kinobesitzer, um Geld zu sparen, sogar altes Material zusammengehauen, so dass ein neuer, wirrer Film entstand, in dem aber immer noch Sex und Gewalt zu sehen waren, wenn mal jemand den Blick hob.
Natürlich will Quentin Tarantino, dass sein Publikum nicht eine Sekunde woanders hinguckt als auf die Leinwand. Und deshalb hat er ja auch nicht alles von damals übernommen. Wie gesagt, Armausschnitte. Vor allem war «Death Proof» ursprünglich in kürzerer Fassung an den neuen Film von Robert Rodriguez geschnitten, denn «Planet Terror» und «Death Proof» sollten in Perfektion das Grindhouse-Gefühl auferstehen lassen. Da reicht eine Geschichte nicht aus. Das fand Hollywood allerdings so befremdlich, dass die Filme auseinander genommen wurden und nun einzeln verkauft werden. Aber zurück zum Film selbst:
Irgendwo in Texas sind Jungle Julia und ihre Freundinnen auf dem Weg in eine Bar. Dort wollen sie kiffend und trinkend einen entspannten Abend begehen. Wunderschöne Frauen in Hotpants und engen T-Shirts reden über vergessene Bands und Filme, und schon fühlt man sich wohlig daheim in Tarantinos Höhle, in der der Regisseur auch tatsächlich hinter dem Tresen steht. Doch Vorsicht, was soll man denn von einer Runde halten, in der «Hostel»-Regisseur Eli Roth sitzt?
Nichts als UnheilSchon bemerkt Arlene ein gespenstisches Auto, dessen Anblick einem wirklich Angst einjagt. Ein mattschwarzer Chevy mit einem dicken Totenkopf auf der Kühlerhaube steht auf dem Parkplatz wie ein Monolith und verkündet nichts als Unheil.
Zu dem Wagen gehört Stuntman Mike, ein großartig teuflischer Kurt Russell, der schmierig grinsend an der Bar lehnt und das Gespräch mit den Mädchen sucht. Besonders gut gefällt ihm offenbar Arlene, die einen Lapdance hinlegt, der Shakira alt aussehen lässt. Trotzdem verschont Mike die Mädchen nicht. Nur so viel: Der Wagen ist ein Stuntauto, das den Fahrer unverletzt lässt. Aber eben nur ihn.
Schon auf der ListeDie nächsten vier Frauen sind nicht ganz so offensichtlich supersüß und sexy. Die rabaukigen Stuntfrauen Zoe und Kim sowie Schauspielerin und Dummbratze Lee und eine unglaublich coole Rosario Dawson, deren Charakter auch auf einem Filmset arbeitet, sind unterwegs in einem Dodger und quasseln über Männer und Filme, und holen sich ihren Kick, indem Zoe bei 180 auf der Kühlerhaube herumturnt. Da hat Mike sie längst entdeckt und auf seiner Liste.
Um wieder nicht zu viel zu verraten: Der Stuntman legt sich mit den falschen Frauen an, und der Jäger wird zum Gejagten. Das alles passiert in unglaublichen Stunts - Zoe heißt auch im wahren Leben so und war Uma Thurmans Stuntdouble in «Kill Bill» - und einer Ausstattung, von der wahres Grindhouse-Kino nicht mal zu träumen gewagt hätte. Und natürlich hat Tarantino seine Bilder mit dem perfekten Soundtrack garniert. Voilà: gefühlte Siebziger im Luxus des neuen Millenniums.
Das ist Russ Meyers Klassiker «Faster, Pussycat! Kill! Kill!» auf Steroiden, nach einem kompletten Make Over einschließlich Pediküre. Es hat was von diesen Frisuren, die nach zwei Stunden Behandlung durch einen Promifriseur so aussehen sollen, als sei man gerade aus dem Bett gefallen.
Platin-VarianteUnd was soll das alles, außer die Knöpfe der Hollywoodschen Urreize zu drücken?
Über Tarantinos Visionen sind ganze Bücher geschrieben worden. Sein Recyclen der unteren Regale der Filmgeschichte gilt als Standard in einer neuen Generation von Filmemachern, aber vor allem fällt doch auf, dass es in seinen Filmen ausschließlich darum geht, Spaß zu haben, unterhalten zu werden.
Vielleicht ist es ja ganz einfach: Da er durch Erprobung an sich selbst in seiner Zeit als Videotheken-Aushilfe weiß, was funktioniert, bastelt er es zusammen. So gesehen sind alle seine Filme Grindhouse, nur halt die Platin-Version davon.
Das erinnert an die Grindhouse-Königin Pam Grier. Die war in Filmen wie «Foxy Brown» oder auch «Sheba, Baby» die Königin des Coolen. Doch hat Tarantino ihr gut 20 Jahre später in «Jackie Brown» das gewisse Etwas gegeben, er hat sie aus dem Archivkeller geholt, poliert und in Kombination mit dem Jetzt in der aktuellen Popkultur verankert. Was für ein Comeback. Nennen wir es Veredlung.
Easy wie vor JahrenTarantino konserviert das Gefühl einer Zeit, indem er es so zurechtfeilt, dass es in unsere 21. Jahrhundert-Rezeptoren passt. Und die Quelle der Inspiration ist immer wieder die Phase seiner Jugend. Für immer zwölf, scheint er uns freudestrahlend anzubrüllen.
So wie in diesem deutschen Rapsong namens «Easy» von D-Bo: «Ich wünschte mir, es bliebe alles easy wie vor Jahren/ Ich bin stundenlang zufrieden mit dem Kettcar rumgefahren». Tarantino strampelt noch immer glücklich die Straße hoch und runter. Der Asphalt ist noch warm vom Tag, und irgendwann ruft Mama Hollywood, dass das Essen fertig ist. Jedenfalls so lange wie Leute dafür zahlen, Tarantinos Filme zu sehen.