netzeitung.deHarry Potter, die Nazis und der ganze Rest

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Er ist wieder da. (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Er ist wieder da.
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Harry Potter und der Orden des Phönix» ist die fünfte Verfilmung aus Rowlings Welt. Und sie hält, was sie verspricht, sagt Sophie Albers . Doch wollen alle ein bisschen mehr.

Der Künstler Max Ernst hat am Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein Verfahren entwickelt, dem der Surrealismus den Namen «Automatismus» gab. Er legte Papier auf unebene Flächen und schraffierte drauf los, dann sah er sich die daraus entstandenen Konturen eine Weile an, und wenn er Formen erkannte, machte er aus ihnen ein Bild. Spontaneität, ohne den Verstand dazwischenzuschalten, das war das Ziel. Und dieses nur scheinbar ziellose Draufhinphantasieren fand auch im Schreiben und der Musik Verwendung. Surrealismus-Theoretiker André Breton nannte es die «wahre Fotografie des Gedankens».

Im Alltag kennt man das eher vom Wolkenbeobachten. Plötzlich sind da Hasen im Himmel, alte Frauen oder auch Drachen, denn unser Hirn ist darauf trainiert, alles, aber auch wirklich alles, einzuordnen. Und dazu steht ihm einzig und allein sein Erfahrungsschatz zur Verfügung.

Was das mit Harry Potter zu tun hat? Auch wenn wir im Kino sitzen, verstehen wir die Dinge so, wie wir gelernt haben, sie zu verstehen. Man erkennt Dinge wieder, zieht Referenzen, assoziiert. Und wenn man Pech hat, steht man plötzlich vor einem Berg von Bedeutungen, einem Haufen Konturen, die alle möglich sind. Vielleicht auch Hasen und Drachen gleichzeitig.

Von Slytherin zu Hitler
«Harry Potter und der Orden des Phönix» ist die fünfte Rowling-Verfilmung, und die Kritiker überschlagen sich derzeit im Deuten und Einordnen. Das fängt an mit dem Irakkrieg und hört nicht auf, wenn daran erinnert wird, dass Salazar Slytherin die Initialen «SS» hat. Kleiner Tipp: Slytherin enthält sogar die Buchstaben für «Hitler». Aber genau das ist häufig das Problem. Meistens finde ich das, was ich suche.
Verrücktspielendes rosa Sahne-Baiser
Klar, kann man diese Geschichte von Zauberschülern, die sich gegen eine verbohrte Erwachsenenwelt wehren und eine eigene Mini-Armee aufstellen, weil die Großen ihnen nicht glauben wollen, dass das Böse zurück ist, auch Widerstandskämpfer in einer HJ-Schule sehen. Aber es franst zumindest etwas aus, wenn hinter einem verrücktspielenden rosa Sahne-Baiser ein HJ-Führer vermutet wird. Und da nutzt auch der Hinweis auf die «Rassenideologie» der Muggels und Zauberer nichts. Wären alle gleich, bräuchte es nicht das Gleis 9 3/4, um von der einen Welt in die andere zu kommen.

Ja, Rowling selbst hat Potter-Widersacher Voldemort in einem Interview mal mit Hitler verglichen, aber das vor allem, weil beide im kollektiven Erfahrungsschatz für das personifizierte Böse stehen.

Ich will diese Assoziationen nicht kleinreden, sie sind in Anflügen sicher da, doch birgt die eine große Deutungsschublade immer die Gefahr, andere Nuancen zu übersehen. Um nicht zu sagen, sie verbrettert den Blick.

Verbogen, aber nicht gebrochen
Hier also noch ein Deutungsversuch: Harry und das Publikum wissen spätestens aus dem letzten Film, dass Voldemort zurück und wieder fast bei Kräften ist. Das wissen auch Hogwarts-Direktor Dumbledore und Onkel Sirius. Aber das passt nicht in die Politik des Ministeriums für Zauberei unter der Leitung von Cornelius Fudge. Also wird dementiert, dass sich die Zauberstäbe biegen.

Damit sie nicht brechen, entschließt sich Potter nach einer kurzen Identitätskrise zur Gegenwehr. Seiner kleinen Armee tritt übrigens auch Cho bei, das Mädchen, in das Harry sich verlieben darf. Mehr dazu im Film.

In diesem Kampf Gut gegen Böse, der in allen Mythen, Religionen und Trash-Romanen Thema ist, gibt es einen interessanten Punkt, und bei dem geht es um die Pole Kind und Erwachsener: Harry ist von seinen Eltern verlassen, seine erwachsenen Verbündeten kriegt er nicht zu fassen, und so steht er den bösen Erwachsenen fast allein gegenüber. Erstaunlicherweise haben die Kinder noch immer einen gewissen Respekt gegenüber allen Großen, doch als der wirklich nicht mehr haltbar ist, kommt es zu einem Aufruhr, einem kleinen Höhepunkt im Film.

Da haben die streitbaren Kinder schon einen eigenen Raum gefunden, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Angst vor der falschen Seite
Erwachsene kommen bei Rowling wahrlich nicht gut weg. Wenn sie auf der richtigen Seite stehen, sind sie mit den Kindern auf Augenhöhe, gestehen immer wieder ein, dass sie von den Kleinen lernen. Der Rest ist einfach nur fett, hässlich oder so böse wie das tiefste Loch in der Hölle. Und immer wieder sagt Harry Sätze wie «Das hier ist alles, nur nicht einfach» oder «Das Leben ist nicht fair», und dann einmal ungewöhnlich laut «Sehen Sie mich an!»

Hier geht es ums Kindsein, ums Erwachsenwerden und die verzweifelte Panik davor, im Prozess auf der falschen Seite zu enden.
Auf der Zielgeraden
«Der Orden des Phönix» ist schon auf der Zielgeraden zum großen Finale. Zwei Filme noch, dann ist Harry vielleicht sogar tot. Das wissen die Fans ab dem 21. Juli, wenn der heiß ersehnte letzte Band erscheint.

Und dann sind vielleicht ein paar weniger Deutungen möglich. Nur eines ist sicher, je älter man wird, je mehr man weiß, desto schwieriger wird es, sich in all den Deutungen zurechtzufinden. Und genau das ist ja auch Harrys Problem.