netzeitung.deDavid Lynchs Wurzelbehandlung

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Der Chorus der Huren Hollywoods (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Chorus der Huren Hollywoods
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Inland Empire» heißt das neue Werk von Kult-Regisseur David Lynch und dauert knappe drei Stunden. Sophie Albers hat fast durchgehalten - und erstaunlich Klassisches entdeckt.

«Ich sitze gern in einem gemütlichen Stuhl und stelle mir etwas ganz und gar Ungemütliches vor», hat der berüchtigte US-Filmemacher David Lynch jüngst über seine Arbeit gesagt. Der Stuhl ist in meinem Fall ein gemütlicher Kinosessel, und das «ganz und gar Ungemütliche» sind rund 180 Minuten im Lynch-Universum, die vor mir liegen. Nach allem, was bereits über «Inland Empire» gesagt und geschrieben wurde, ist die nahe Zukunft von ähnlicher Qualität wie eine Zahnwurzelbehandlung. Das würde Mr. Lynch natürlich besonders freuen, dass er sogar Emotionen schafft, wenn das Licht noch an ist.

Es gehört mit zur Größe des Werkes dieses Anti-Stars des Filmgeschäfts, dass seine Zuschauer immer mit dem Grauen rechnen, das selbst dann noch grauenhaft ist, wenn der größere Ausschnitt, der genauere Blick, etwas weniger Grauenhaftes zum Vorschein gebracht haben. Lynch gibt einem das Gefühl, dass das gar nichts heißt, weil wir den letzten Grund der Dinge nicht kennen, nicht kennen können. Und seine Figuren verlieren auf der Suche danach nicht selten genug den Verstand.

Vorhang auf: Nikki Grace, gespielt von Lynchs Muse Laura Dern, ist eine ehemalige Hollywood-Diva, die auf ein Comeback hofft. Das Haus, in dem sie auf den Anruf wartet, sieht so aus, wie die Häuser der Stars, die wir aus 'zig Homestories kennen, und auch Dern sieht so aus wie Melanie Griffith an einem sehr guten Tag.

Das Bild im Kopf bricht das erste Mal zusammen, als eine Frau im Blümchenkostüm und mit seltsamem Akzent auftritt, die mehr über Derns Grace weiß, als jedermann auf und vor der Leinwand geheuer ist.

Ein «scheiß brutaler Mord»
Sie wird zudem von Grace Zabriskie gespielt, deren Blick aus permanent wie vor Schreck geweiteten Augen bereits in «Twin Peaks» für allgemeines Unwohlsein gesorgt hatte. Als sie nun auch noch von einem «scheiß brutalen Mord» spricht, der am Ende des neuen Filmprojekts von Derns Grace stehen soll, hat Lynch alle wieder da, wo er sie haben will. Sie wollen raus, doch können den Blick nicht abwenden.

Also folgen die Augen Dern, die plötzlich nicht nur durch Raum, sondern auch durch die Zeit taumelt und sich schließlich nicht einmal mehr ihrer eigenen Identität sicher ist. Alles ist nichts, es gibt kein Halten mehr. Weil alles etwas bedeuten kann, fällt das tatsächliche Geschehen ins Bedeutungslose. Der totale Horror - und Dern samt Publikum mittendrin.

Die Huren Hollywoods
Doch Grace gibt nicht auf, und auch die Zuschauer bleiben sitzen. Egal wie groß die Angst vor jeder neuen Tür ist - und in Lynchs Filmen gibt es eine Menge davon - sie öffnet sie. Dahinter warten im harmloseren Fall bügelnde Riesenhasen, ein verführerischer Co-Star oder auch die Huren Hollywoods, die zum Tänzchen laden. Dann gibt es auch noch Schraubenziehermörder und immer wieder diese langen, dunklen Gänge der Lynch-Ikonografie, an deren Ende man am liebsten gar nicht ankommen möchte. Aber wir müssen ja weiter.

Lynch macht sich den Zuschauer zum Komplizen. Denn auch wenn er diesen Film natürlich geplant und gedreht hat, sind die Bilder so abstrakt, dass jeder seinen eigenen Film fährt. Wenn Grace sagt: «Das macht keinen Sinn», scheint sie nicht nur die Welt ihrer Figur und den realen Regisseur zu meinen, sondern auch die, die da vor ihr sitzen. Es kommt zu einem wahren Netz der Blicke: auf die Leinwand, in den Kinosaal, durch ein verschmiertes Fenster auf das Filmset, aus dem Filmstudio hinaus nach Beverly Hills, in die Gegenwart, in die Vergangenheit, in die vermeintliche Realität und in den Wahn.

Darin kann man sich wunderbar verheddern, und wenn man die zum Teil leicht verzweifelten Interviews mit Lynch liest, der sich schlicht weigert, Hinweise zu geben, wie sein Werk zu verstehen ist - «Zu den Hasen sag ich nix» - ist genau das das Ziel.

Er sitzt, wie gesagt, in seinem «gemütlichen Stuhl», während wir das «ganz und gar Ungemütliche» ertragen. Und damit schafft Lynch den Weg zurück zum Ursprung des Kinos: Dem Publikum etwas zeigen, das es allein nicht zu sehen bekommen würde. Früher waren das die Pyramiden von Gizéh, heute sind das unsere Ängste.

Doch ist Lynch damit noch nicht am Ende, denn er lässt das Publikum so lange - fast 180 Minuten - mit seinen Ängsten allein, bis die Macht sich verkehrt. Und hier passt erstaunlich gut ein Zitat des Künstlers Jeff Koons:

«In der Kunst musst du dich Tag für Tag für eine bestimmte Form entscheiden. So lernst du die verschiedensten Facetten deiner Angst kennen und damit auch, sie zu überwinden. Deine Angst verwandelt sich in eine Geste. Und plötzlich hat man keine Angst mehr vor dieser Geste. Jeder kann es entdecken, direkt unter der Oberfläche, sein zweites Gesicht, sein Selbstvertrauen, die Freiheit einer Geste. Das ist Macht.» (Süddeutsche Zeitung)

Während der Zuschauer also mit jedem weiteren von Lynchs digitalen Bildern die Macht über sein persönliches «Inland Empire» übernimmt, ist ein neues, altes Kino geboren.