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Fetischschlacht für metrosexuelle Machos

05. Apr 2007 07:42, ergänzt 11:43
Überwältigende Bilder in '300'
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Mit «300» hat Zack Snyder einen Monumentalfilm in Reinform auf die Leinwand gebracht. Aber was will er uns eigentlich damit sagen, fragt Sascha Rettig.

Kann ein Sandalenfilm tatsächlich eine Kontroverse auslösen? Denkt man an die oft staubig betulichen Vertreter des Genres wie zuletzt etwa Wolfgang Petersens «Troja», hält man das kaum für möglich. Schließlich setzen die Monumentalschinken mit Tausenden oft knapp, aber keusch bekleideten Komparsen in episch ausgebreiteten (Schlachten-)Tableaus vor allem zur Überwältigung der Zuschauer an. Auch Zack Snyders «300» verfolgt mit einem Heer von Sandalenträgern eine visuelle Überwältigungsstrategie, fällt dabei aber völlig aus dem Rahmen – und provoziert damit die Kritiker, während die Zuschauer in den USA bereits in die Kinos stürmten. Am ersten Wochenende hat der Film dort fast 71 Millionen Dollar in die Kinokassen gespült.

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Allein die Vorlage für diesen Film ließ das allerdings schon vermuten, handelt es sich doch um einen gleichnamigen Comic, den 1998 der gefeierte Comiczeichner Frank Miller präsentierte. Hatte er sich schon mit dem ebenfalls verfilmten «Sin City» einen toughen Noir-Kosmos voller harter Typen ausgedacht, arbeitete er für «300» den Mythos einer historischen Schlacht zur Helden-Fantasy um - mit viel Muskelkraft, Schweiß, Blut und übersteigertem Pathos.

Als Leonidas (Gerard Butler), König des griechischen Stadtstaates Sparta, im Jahr 430 vor Christus erfährt, dass der persische Herrscher Xerxes (Rodrigo Santoro) mit einem Heer aus finster maskierten Söldnern, Nashörnern, Elefanten und monströsen Riesengestalten auf Sparta zumarschiert, will er sich mit der eigenen Armee entgegenstellen. Doch da ihm der spartanische Rat den Einsatz der Soldaten untersagt, zieht er mit nur 300 Kriegern seiner Leibgarde in die Schlacht. Unerschrocken sollen diese Spartaner gewesen sein, denn auch wenn ihr Unterfangen aussichtslos war, hatten sie einen tollkühnen Plan: Sie fingen die Eindringlinge an einem schmalen Gebirgspass in den Thermopylen ab und konnten so selbst in Unterzahl noch Tausende von ihnen abschlachten, bevor sie in der aufrechten Niederlage ihren eigenen Heldenmythos schufen.

Hyperstylisiert und überpoliert

Vor allem die Schlachtszenen hat Regisseur Snyder – nach seinem überaus respektablen Romero-Zombie-Remake «Dawn of the Dead» – als bis in die Ermüdung betriebenes Gewaltballett choreographiert, das jede Form körperlicher Verstümmelung auf detailverliebte Weise ausschmückt. Hyperstilisiert und überpoliert ist dieser digital weich gezeichnete, visualisierte Testosteronstrom aus der harten Männerwelt, in der es wenig zimperlich zugeht: Krieger, die ihre Schwerter in Zeitlupe durch das Bild und in die Feinde gleiten lassen, Blut, das in dickflüssigen, roten Tropfen spritzt und sprudelt, abgeschlagene Köpfe, die durch die Luft wirbeln, und Leichen, die sich malerisch stapeln für Anführer, Volk und Sparta-Land.

Bilderschau:
Während «300» dabei die scharf definierten Bauchmuskeln, die schweißig glänzenden Körper in knappen Höschen und all das phallisch erigierte Kampfwerkzeug als Fetischorgie zelebriert, beschwört er auch ausgiebig das ganze glorifizierende Gedöns um Ehre, Heldenmut und Tapferkeit bis in den Tod. Mit tiefer Stimme und markig einpeitschenden Sprüchen treibt Leonidas seine Männer an, von denen der einzelne nichts bedeutet und entweder der Sieg oder der «schöne Tod» im Kampf das einzige Ziel sind. Wer nicht für uns und vor allem für den Krieg ist, ist gegen uns und ein Verräter.

Ein ganzer Mann
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Für das Deformierte in Form eines entstellten Krüppels ist in der spartanischen Armee ganzer Kerle kein Platz. Also läuft der Verräter zu den Persern über, die mit Xerxes einen zugepiercten Anführer haben, der aussieht, als wäre eine Drag-Queen aus einem Pierre&Gilles-Foto getürmt. Mit Unterstützung seines Millionenheers aus Persien, also dem heutigen Iran, will der die freie Welt versklaven. Wie gut also, dass sich Leonidas über die Entscheidung des passiven Senats hinwegsetzt und in den Krieg zieht, um Sparta zu retten.

Riefenstahl auf LSD

Auch wenn Miller seinen Comic bereits Ende der neunziger Jahre veröffentlichte, fällt es schwer, «300» nicht in Bezug zur gegenwärtigen, weltpolitischen Situation zu verstehen. Vieles lässt sich hier rein lesen, eindeutig festgelegt ist aber nichts. Snyder selbst äußert sich dazu auch nicht, sondern sagt, dass er einfach nur einen Comic verfilmt hätte.

Was vor 45 Jahren mit «Der Löwe von Sparta» noch als klassisches Sandalenepos verfilmt wurde, macht in der «300»-Version mit all den Widersprüchlichkeiten ein wenig ratlos. Was ist das nur für ein Film? Naive Propaganda, die Gewalt sexy findet? Eine homoerotische Männerkörperfetischschlacht für metrosexuelle Machos? Und das alles in einer Ästhetik, an der eine Leni Riefenstahl auf LSD vielleicht ihre Freude gehabt hätte? «300» scheint alles in einem, ein meisterliches Machwerk und ein letztlich doch ziemlich banaler Sandalenfilm, der vor allem für Jungs und Männer gemacht scheint, die auch mal davon träumen wollen, ein ganzer Kerl zu sein.

 
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