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Danke, Dani Levy!

11. Jan 2007 07:55
Ulrich Mühe als Adolf Grünbaum in 'Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler'
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Das Interessante an deutschen Filmen über das Dritte Reich ist, dass sie zeigen, wie weit dieses Land mit der Aufarbeitung ist. Die Aufregung um Dani Levys «Mein Führer» zeugt von skurrilen Besitzansprüchen.

Von Sophie Albers

Der großartige Journalist und Filmemacher Georg Stefan Troller musste als 17-Jähriger sein bisheriges Leben aufgeben und vor den Nazis fliehen, die damals Österreich annektierten. Als Jude sollte er sterben oder verschwinden. Also floh er bis nach Amerika. Auf der Jagd durch Europa entrann er immer nur wieder knapp dem Tod. Ein Großteil seiner Angehörigen schaffte es nicht. Sie wurden ermordet.

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Schrecklich, so Troller, sei gewesen, dass «Hitler, Goebbels, Göring Witzblattfiguren» waren. Die, die da über Leben und Tod entschieden, habe er schon «als 17-Jähriger nicht ernst nehmen» können.

Mit genau diesem Blick bestaunt auch Adolf Grünbaum die Nazis, denen er begegnet, als er im Dezember 1944 auf höchsten Befehl aus dem KZ Sachsenhausen geholt wird, um in der Reichskanzlei Hitler auf seine Neujahrsrede vorzubereiten. Sie sind so unbeschreiblich lächerlich in ihrer Sprache und Zackigkeit, doch in der Ausführung ihrer Ideologie so effizient wie tödlich. Grünbaum, ein vor der Arisierung gefeierter Schauspieler, ist die Hauptfigur in Dani Levys neuem Film «Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler». Eine Tragikomödie, die in Deutschland derzeit für größte Aufregung sorgt.

Bettnässer mit Kriegsschiffchen

Der Entertainer Helge Schneider spielt Hitler, und er zeichnet einen ausgebrannten Irren, der den Lehrer zuerst ablehnt, weil er doch Jude ist, doch schließlich wie ein quengeliges Kind «seinen Juden» verlangt, der ihm offensichtlich gut tut. Hitler trägt einen goldenen Jogginganzug, lässt in der Badewanne ein Kriegsschiffchen schwimmen, ist Bettnässer, hat Erektionsprobleme und legt sich sogar zur jüdischen Familie ins Bett, weil er nicht schlafen kann.

Helge Schneider als Adolf Hitler
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Grünbaum will ihn anfangs umbringen, hofft denen helfen zu können, die in den KZs verrecken, ist zerrissen, hat ja letztlich einen Menschen vor sich und merkt nicht, dass des «Führers» Entourage ihn weiterhin benutzt, nur dass er jetzt nicht mehr im Lager ist.

Die Geschichte ist geblieben, die Leute sterben weiterhin im Gas. Daran erinnert Grünbaum das Publikum jede Minute. Nur ist Hitler hier eben nicht das Monster, der Dämon, der die Welt ins Unglück stürzte und das europäische Judentum vernichten ließ. Er ist ein armes, lächerliches Würstchen, das die Welt mit Krieg überzog und Millionen Menschen in Tötungsfabriken schickte. Was ist denn schlimmer?

Das Land ist gespalten

Die üblichen Verdächtigen beklagen nun in den üblichen Lautstärken die Verharmlosung des Massenmörders der deutschen Geschichte. Von Lea Rosh bis zur katholischen Kirche heißt es, Hitler eigne sich nicht zur Witzfigur. Das Land sei gespalten, will eine Umfrage der Zeitschrift «Stern» herausgefunden haben: «Die Mehrheit der Bundesbürger findet nicht gut, dass der Regisseur Dani Levys mit dem Film 'Mein Führer' eine Komödie über Adolf Hitler gedreht hat.» 56 Prozent lehnten den Film ab. Und das, ohne ihn überhaupt gesehen zu haben.

Szene aus 'Mein Führer'
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Feuilletonisten betonen, dass der Jude Levy ein «ganz integrer, freundlicher Regisseur» sei, dass das Vorhaben ihn ehre, aber dass ihm «da was entglitten» sei. Geht's noch? Es ist verwunderlich, das Levy noch nicht ausfällig geworden ist, aber vielleicht hat das auch etwas mit Resignation zu tun. Schließlich wird ihm vorgehalten, dass Hitler unantastbar ist, dass er dieser Figur der Zeitgeschichte zu nahe gekommen sei. Und man wird das Gefühl nicht los, dass in diesem Ringen um die Darstellung des «Führers» so etwas wie Ehrfurcht steckt.

Mein Führer, dein Führer

Dabei hat Levy doch mit dem Titel schon alles Nötige gesagt: «Mein Führer», Dani Levys «Führer» also, oder eben der «Führer» eines jeden Zuschauers, der da in seinem Sessel hockt und Helge Schneider sucht, der unter sehr viel Silikon zu einem Hitler geworden ist, weil es den «richtigen» Hitler genauso wenig gibt wie den «richtigen» Umgang damit.

In einem Interview mit der «Zeit» hat Levy fast ein bisschen verzweifelt versucht, noch einmal klar zu stellen, was dieser Film ist: «Ich könnte für dieses eine Mal die Regeln des Nationalsozialismus bestimmen, ich könnte mit subversiver Fantasie in die Geschichte eingreifen, ich schrieb den Nazis die Texte und lieferte sie ans Messer», so der Filmemacher. «In meinem Film bin ich Gott und stehe über Hitler. Ich weiß, dass das an der Katastrophe nichts mehr ändern wird, aber ich habe die Kraft, neue Bilder zu schaffen.»

Gibt es eine deutsche Deutungshoheit, die das verbieten darf? Oder will hier irgendjemand einen Anspruch auf Hitler anmelden?

Schweigende Mütter

Szene aus 'Mein Führer'
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«Mein Führer» sei vielleicht «der persönlichste Film geworden», den er bisher gemacht habe, sagt Levy. Die Beschäftigung mit seinen Ängsten, dem «nie durchbrochenen Schweigen meiner Mutter über die Gräuel der Vergangenheit», mit «den Schmerzen durch die Vernichtung meiner Vorfahren» und mit «den Bildern vom Holocaust, die ich nicht loswerde», mache er mit diesem Film öffentlich, «indem ich dem System des Nationalsozialismus zutiefst subjektiv begegne.

Für mich ist das ein großer Schritt in die Welt. Da geht der kleine Dani raus in die brutalste Vergangenheit, ohne zu wissen, ob er dafür warm genug angezogen ist.» Und er wisse um die «Tsunamiwelle der Kritik», die über ihn hereinbrechen werde.

Also, was soll man denn nun tun mit diesem Hitler, der mit irrem Aufwand versucht hat, das Volk Israel auszurotten?

Im Film fordert Helge Hitler den Juden zum Boxkampf. Er hüpft hin und her, doch Grünbaum rührt sich nicht: «Warum wehrt der Jude sich nicht, habt Ihr keinen Mut?» Da holt der geschundene Mann aus und streckt den «Führer» zu Boden.

Danke, Dani Levy!

 
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