netzeitung.deJames Bond ist eine Frau

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Aus dem Wasser kamen sonst immer Frauen - Craig als Bond (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Aus dem Wasser kamen sonst immer Frauen - Craig als Bond
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Über «Casino Royale» und den neuen 007 wurde bereits im Vorfeld so viel und abwertend berichtet, dass es erstaunlich ist, wie gut sie trotzdem unterhalten. Auch wenn nach zwei Dritteln Seltsames passiert.

Von Sophie Albers

Wir haben lange auf diesen Film gewartet. Wir haben mit gerätselt, wer denn nun in die großen Schuhe von Pierce Brosnan passen könnte. Und es haben sich viele auf die Seite von Clive Owen geschlagen, ein paar auch auf die von Ewan McGregor, der angeblich erste Wahl gewesen sein soll. Aber als dann der blonde, irgendwie so gar nicht elegante Daniel Craig zum neuen James Bond ausgerufen wurde, haben sich alle gewundert.

Um es kurz zu machen: Er kann es. Bei aller Häme mit der er bedacht wurde: Er ist ein neuer Bond, ein anderer Bond und macht seine Sache hart und gut. Wäre da nicht das Problem mit den schon angesprochenen großen Schuhen. Aber dazu später.

Technisch an «Mission Impossible», «Bourne Verschwörung» und natürlich der Agenten-Messlatte «24» ausgerichtet, wird uns gleich zu Beginn ein harter Junge präsentiert, der eiskalt tötet, wozu er manchmal nicht mehr als ein Waschbecken braucht und dabei so cool bleibt, dass er auch noch Bonmots von sich gibt, Sekunden bevor der Schalldämpfer das Schussgeräusch verschluckt.

Blut weinen
Bond war allerdings ungehorsam – eine großartige Querfeldeinjagd über Kräne, Baugerüste und Treppenhäuser endet mit einer Leiche zu viel - und muss um seine Lizenz zum Töten bangen. Das kommt eher ungelegen, schließlich ist er gerade dem Finanzier eines Terrornetzwerkes auf den Fersen. Le Chiffre, gespielt vom wunderbaren Mads Mikkelsen, dessen Figur Blut weint, wenn sie sich aufregt und Asthmaspray benutzt.

Wer Terrorist und wer Freiheitskämpfer ist, wird allerdings schnell zur Nebensache, denn «Casino Royale» muss ja an den im Titel versprochenen Spieltisch. An dem sitzen sich dann der Agent im Auftrag Ihrer Majestät und der Bösewicht gegenüber, zwischen sich das Geld, mit dem Terroraktionen finanziert werden sollen. Und weil der britische Geheimdienst seine Pappenheimer kennt, wird Bond eine Buchhalterin zur Seite gestellt.

Probleme mit Vesper Lynd
Die sieht aus wie Eva Green, und 007 wird erstmals mit einem Bondgirl konfrontiert, bei dem er nicht weiterkommt. Und was passiert, wenn Männer bei einer Frau nicht weiterkommen? Richtig: Ihr Jagdinstinkt erwacht, und vielleicht bilden sie sich sogar ein, verliebt zu sein.

Bond versucht, Vesper Lynd, so der lautmalerische Name, zu beeindrucken, und dabei findet er sein verschüttet geglaubtes Herz wieder. Richtig gehört: Bond hat Gefühle, die länger anhalten als bis zum Koitus. Und damit beginnt das Problem, für das der arme Craig gar nichts kann.
Mit dem Vorschlaghammer auf die Legende
Wenn es gilt, einer Legende Herr zu werden, kann man sich ihr unterordnen oder sich so weit von ihr entfernen, dass es gar nicht erst zum Vergleich kommt. Da Craig aber den gleichen Namen trägt wie die großen Schablonen Connery und Brosnan und den gleichen Job machen muss, haben sich die Drehbuchautoren zum Frontalangriff entschieden.

Sie wissen, dass das Publikum die Vergangenheit kennt, also nehmen sie einen dicken Vorschlaghammer und hauen drauf: Auf die Frage, ob der Martini gerührt oder geschüttelt sein soll, erwidert der Neue, dass ihm das «scheißegal» sei. Den Aston Martin holt er sich von einem Ganoven. Q ist einfach gestrichen. Das erste Bondgirl im Film, die Frau eines zweitrangigen Bösewichts, investiert in das Techtelmechtel genauso wenig Gefühl wie der Held und lässt keinen Zweifel daran, dass sie mindestens so clever ist wie er. Und dann gibt es diese eine Szene, die das altbekannte testosteronüberquellende und triebgesteuerte Wesen im Dinnerjacket komplett und endgültig zerschmettert:

Bond entsteigt in einer hellblauen Badehose den klaren Fluten der Karibik. Die Sonne lässt die Wassertropfen an seinen Wimpern glitzern, sein wohlgeformter Arm hebt sich, und er fährt sich mit der Hand durchs Haar. James Bond ist für einen Augenblick eine Frau. Genauer gesagt die Frau, mit der diese Filmreihe seit «Dr. No» verbunden wird: Ursula Andress als Honey Ryder, die im berühmten weißen Bikini in den Wellen steht und Connery mit dem Unterkörper denken lässt.
Kontrolle verloren
Was das genau soll, bleibt offen. Doch hat das Publikum auch gar nicht so viel Zeit, über die tiefere Bedeutung dieses Zitats nachzusinnen, denn in den ersten zwei Dritteln ist «Casino Royale» großartiges Actionkino. Nur bricht es dann unvermittelt ein, und Bond wird unglaubwürdig, weil er das verloren hat, was 007 immer ausgemacht hat: die Kontrolle.

Das finden nicht nur die Zuschauer schade, auch M, wieder gespielt von der großartigen Dame Judi Dench, lässt sich in ihrem Ärger über den anstrengenden Agenten zu einem «Ich vermisse den Kalten Krieg» hinreissen. Aber vielleicht will «Casino Royale» uns ja genau das sagen: In Zeiten wie diesen verliert selbst der Superagent den Überblick. Aber glücklicherweise gibt es ja Jack Bauer.