«Shortbus»: Sex ist politisch
Zum Auftakt von «Shortbus» schwebt die Kamera über die bunten Häuser eines Pappmodells von Manhattan und blickt immer wieder in andere Fenster, hinter denen Regisseur John Cameron Mitchell kein Detail unter der Bettdecke verschwinden lässt: die Paartherapeutin Sofia, die scheinbar erfüllten Sex mit ihrem Mann hat, aber immer noch auf den ersten Orgasmus ihres Lebens wartet. Die punkige Domina Severin, die dem bürgerlichen Berufssohn den Po versohlt. Oder der schwule James, der zwar seit Jahren mit seinem Freund zusammenlebt, sich aber, als er allein ist, für einen Autofellatio verbiegt.
In den USA sorgt «Shortbus» wegen dieser in bislang keinem amerikanischen Kinofilm so explizit gezeigten Tatsachen für erregte Aufmerksamkeit. Dabei ist Mitchell aber keinesfalls der erste Regisseur, der sich traut. Er gehört zu den Filmemachern wie Michael Winterbottom («9 Songs»), die sich in den vergangenen Jahren nicht scheuten, auch mal realen Sex jenseits peinlicher Pornoästhetiken und erotischer Selbstzwecke zu filmen. Das erigierte Glied und der Blow-Job haben im Arthousekino ihr kontroverses Skandalpotential zwar bis heute nicht verloren, werden aber auch keinesfalls mehr tabuisiert.
Die «Shortbus»-Sexakrobatiken haben hier etwas unverkrampft Natürliches, wobei es aber ohnehin viel wichtiger ist, dass Mitchell nicht nur nah herangeht an seine in vielerlei Hinsicht hingebungsvoll aufspielenden Darsteller, mit denen zusammen er die Story und die Figuren entwickelt hat. Er geht ihnen unter die Haut, auch wenn die Figuren selbst niemanden an sich heranlassen können. Wie Severin, die nur ungern ihren tatsächlichen Namen preisgibt. Oder der Künstler James, der sich umbringen will und noch ein Abschiedsvideo dreht, das an das verstörende, von Mitchell produzierte Videotagebuchexperiment «Tarnation» des jungen Regisseurs Jonathan Caouette erinnert.
Sex in den verschiedensten Schattierungen, inklusive der extremeren Varianten vom SM bis zum Gruppensex, gehört da ganz unweigerlich dazu. Er ist aber nur, wie Mitchell selbst sagte, ein Pinselstrich im großen Ganzen, so wie der Samenerguss, der in einer Szene auf ein Pollock-Gemälde geschleudert wird und dann in der Struktur des Bildes verläuft, bis er kaum noch auszumachen ist.

