netzeitung.de«Shortbus»: Sex ist politisch

 Herausgeber: netzeitung.de

Im 'Shortbus' (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Im 'Shortbus'
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Gegen die Lustfeindlichkeit im eigenen Land richtet sich der US-Film «Shortbus» und zeigt, was sexuell so alles möglich ist. Ein Film voll unverklemmter Komik und Sexakrobaten.

Von Sascha Rettig

Zum Auftakt von «Shortbus» schwebt die Kamera über die bunten Häuser eines Pappmodells von Manhattan und blickt immer wieder in andere Fenster, hinter denen Regisseur John Cameron Mitchell kein Detail unter der Bettdecke verschwinden lässt: die Paartherapeutin Sofia, die scheinbar erfüllten Sex mit ihrem Mann hat, aber immer noch auf den ersten Orgasmus ihres Lebens wartet. Die punkige Domina Severin, die dem bürgerlichen Berufssohn den Po versohlt. Oder der schwule James, der zwar seit Jahren mit seinem Freund zusammenlebt, sich aber, als er allein ist, für einen Autofellatio verbiegt.

Die Wege dieser Menschen kreuzen sich im «Shortbus», so etwas wie einem New Yorker Kunst-Szene-Sex-Salon als scheinbar letztes Refugium der Lust in einer durch den 11. September und Aids traumatisierten Metropole. Junge und ziemlich alte Menschen treffen ebenso aufeinander wie Heterosexuelle, Schwule, Lesben und die Anhänger vieler anderer Sexspielarten.

In den USA sorgt «Shortbus» wegen dieser in bislang keinem amerikanischen Kinofilm so explizit gezeigten Tatsachen für erregte Aufmerksamkeit. Dabei ist Mitchell aber keinesfalls der erste Regisseur, der sich traut. Er gehört zu den Filmemachern wie Michael Winterbottom («9 Songs»), die sich in den vergangenen Jahren nicht scheuten, auch mal realen Sex jenseits peinlicher Pornoästhetiken und erotischer Selbstzwecke zu filmen. Das erigierte Glied und der Blow-Job haben im Arthousekino ihr kontroverses Skandalpotential zwar bis heute nicht verloren, werden aber auch keinesfalls mehr tabuisiert.

Nationalhymne zwischen den Pobacken
Aber auch «Shortbus» will weder erigieren, noch provozieren. Im Privaten und Intimen, das hier so porentief öffentlich wird, bekommt der Film eine politische Dimension – nicht nur, wenn bei einem schwulen Dreier die amerikanische Nationalhymne zwischen die Pobacken trompetet wird. Der Film an sich wird zum Independentkino-Kommentar, den Mitchell dem lustfeindlichen Klima in den USA entgegenstellt. Ein trotziges Betonen sexueller Offenheit und der hippiesken Vorstellung von körperlicher Befreiung in einem Land, das in den vergangenen Jahren wieder verstärkt von republikanischer Prüderie und Intoleranz geprägt wurde.

Die «Shortbus»-Sexakrobatiken haben hier etwas unverkrampft Natürliches, wobei es aber ohnehin viel wichtiger ist, dass Mitchell nicht nur nah herangeht an seine in vielerlei Hinsicht hingebungsvoll aufspielenden Darsteller, mit denen zusammen er die Story und die Figuren entwickelt hat. Er geht ihnen unter die Haut, auch wenn die Figuren selbst niemanden an sich heranlassen können. Wie Severin, die nur ungern ihren tatsächlichen Namen preisgibt. Oder der Künstler James, der sich umbringen will und noch ein Abschiedsvideo dreht, das an das verstörende, von Mitchell produzierte Videotagebuchexperiment «Tarnation» des jungen Regisseurs Jonathan Caouette erinnert.

SM bis Gruppensex
«Shortbus» führt durch dieses Labyrinth der Leidenschaften mit viel Charme, Gefühl und einer so unverklemmten Komik, dass man auch das simple Happyend in der sexuellen Erfüllung hinnimmt. Er unternimmt zur schönen Musik von Yo La Tengo eine Exkursion in die Schwierigkeiten urbaner Beziehungen und zeigt eine Reihe von Menschen, die auf der Suche sind: nach Nähe, Liebe und Wegen aus Einsamkeit und weltschmerzender Traurigkeit.

Sex in den verschiedensten Schattierungen, inklusive der extremeren Varianten vom SM bis zum Gruppensex, gehört da ganz unweigerlich dazu. Er ist aber nur, wie Mitchell selbst sagte, ein Pinselstrich im großen Ganzen, so wie der Samenerguss, der in einer Szene auf ein Pollock-Gemälde geschleudert wird und dann in der Struktur des Bildes verläuft, bis er kaum noch auszumachen ist.