14.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Karoline Herfurth und Ben Whishaw
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Tom Tykwers Bestsellerverfilmung von «Das Parfum» ist nur ein buntes Historiendrama geworden - selbst die Orgien wirken keusch.
Von Kerstin RottmannFür Schwangere und sensible Zeitgenossen ungeeignet - das könnte als Warnhinweis über den ersten Minuten von «Das Parfum» stehen.
Per Sturzgeburt bringt eine Fischhändlerin (Brigit Minichmayr) ihr Kind auf dem Markt inmitten von Dreck und Unrat auf die Welt, ein todgeweihtes Wesen, so wie all seine zuvor schon geborenen und stets unauffällig beseitigten Geschwister.
Doch dieses Kind, ein Junge, ist anders. Inmitten einer unglaublichen Geruchswelt, die Regisseur Tom Tykwer mit wimmelnden Bildern, wagemutigen Schnitten und kühnen Kamerafahrten auf Maden, Unrat und pockennarbige Gesichter illustriert, blüht das Baby regelrecht auf - seine Mutter hingegen ist kurz danach tot, als Kindsmörderin erhängt.
Doch der Warnhinweis bleibt natürlich aus, wohl auch, weil die folgenden zwei Stunden Filmgeschichte schnell in ruhigere Bahnen münden.
Die Gabe des Getriebenen Weit statischer folgt die Kamera von Frank Griebe fortan dem weiteren Lebenslauf des Waisenjungen Jean-Baptiste Grenouille, den Schriftsteller Patrick Süskind 1985 mit seinem erfolgreichen Roman (15 Millionen Mal verkauft) zu einer der unbequemsten Figuren der Weltliteratur machte. Worum es dem Massenmörder mit dem hochästhetischen Begehren und einer einzigartigen Befähigung geht, macht die Kamera allerdings noch einmal überdeutlich:
Immer wieder erscheint in Großaufnahme die Nase von Hauptdarsteller Ben Whishaw, ein offenbar gewaltiges Sinnesorgan, das mit bebenden Flügeln und zitternden Härchen noch die feinsten Gerüche erspüren kann. Eine seltene Gabe, die den zarten britischen Jungstar, der der hässlichen Romanfigur so gar nicht ähnelt, fortan zum Getriebenen macht.
Das schöne MirabellenmädchenDenn schon steigt dem mittlerweile erwachsenen Grenouille im stinkenden Paris des 18. Jahrhunderts ein betörender Duft in die Nase: eine junge, rothaarige Mirabellenhändlern (Karoline Herfurth), die ihre Anziehungskraft mit dem Tod bezahlen muss. Regisseur Tom Tykwer inszeniert diesen ersten Mord regelrecht einfühlsam. Beinah versehentlich, so scheint es, scheitert der autistisch wirkende junge Mann mit seinem Liebesbegehren. Nur mit diesem weichgespülten und handzahmen Auftritt, so scheinen die Drehbuchautoren zu glauben, ist der Kinobesucher bereit, dem seltsam unschuldig wirkenden Antihelden durch die teure (50 Millionen Euro), langwierige (drei Jahre Drehzeit) und lange (20 Jahre) erwartete Bestsellerverfilmung zu folgen.
«Großes» Kino bitteAuch die immer schwerfälliger werdende Kulissenwelt konterkariert von Anfang an die Abgründe des Charakters. Unglaublich aufwändig sind da die Straßenzüge einer vormodernen Stadt wieder hergerichtet, malerisch sind die Massenszenen arrangiert, und selbst die «Dirt Unit» der Produktionsfirma dient letztlich nur dazu, ein Sittengemälde zu erschaffen, dass auch in jedem «Period Drama» á la Merchant/Ivory- Produktion keine schlechte Figur gemacht hätte. Wer sich hier nun über den Regisseur wundert, der ist eventuell einem Denkfehler erlegen - «Das Parfum» in all seiner Grandezza ist eben kein «typischer Tykwer», sondern vor allem ein «echter Eichinger»: Großes Kino mit Betonung auf «groß», ein Blockbuster, der sich auf dem Weltmarkt behaupten soll und muss.
Baldinis betörende FähigkeitenSpätestens wenn mit (dem seltsam angestaubt wirkenden) Dustin Hoffman ein echter Weltstar die Szenerie betritt, ist dies klar. Hoffman gibt in ähnlich überdrehter Art wie zuletzt in «Meet The Fockers« den Parfumeur Baldini, bei dem Riechgenie Grenouille die Grundlagen seines Handwerks lernen wird. Für aparte Spielereien - wie die blumige Visualisierung von Baldinis Betörtheit durch die Kreationen seines absonderlichen Schützlings - bleibt da nicht viel Zeit, und auch die angenehm an die Schauermärchen eines Tim Burton erinnernde Häuserburg, in der der alternde Duft-Künstler lebt, ist leider nicht von Dauer.
Die deutsche DuftnoteDenn schon muss der Held weiter, diesmal durch bezaubernde Lavendelfelder ins schöne Südfrankreich, wo er seine Experimente zunächst mit Blüten und dann mit dutzenden, ästhetisch arrangierten toten Frauenkörpern fortsetzt. Die Suche nach dem nun tödlichen Duft ist eröffnet, üppig unterlegt durch von Tykwer teils selbst komponierte Musik, eingespielt von den Berliner Philharmonikern. Was die Bilder nicht an Geruchsfaszination vermitteln können, soll offenbar die Musik erreichen, gekoppelt mit der sonoren Erzählerstimme Otto Sanders, der die Schauspieler wie im Puppentheater agieren lässt. Gastauftritte von Corinna Harfouch (als geschäftige Madame) und Jessica Schwarz (als Prostituierte) sind kleine Schmankerl für den deutschen Markt, ehe der Film nun gar zum Abenteurer-Drama wird.
Orgie in Slow MotionDenn längst jagt Grenouille der Schönsten der Schönen hinterher, der jungen, rothaarigen Laura - die allerdings mit einem kleinen Makel behaftet ist: Ihr Vater, der Kaufmann Richis - makellos elegant verkörpert von Alan Rickman - will sie unter allen Umständen beschützen und entwickelt sich zu Grenouilles einzigem ernstzunehmenden Gegner. Doch auch hier, soviel sei verraten, ist die Kraft der Sinne und der mörderischen Duftmixturen scheinbar stärker.
Endlich steuert der Film auf seinen letzten, großen Höhepunkt zu: Die schon im Vorfeld viel beachtete Massenorgie, deren Inszenierung Tom Tykwer nach eigenen Angaben mit das größte Kopfzerbrechen bereitet hat. Nicht so seinem Helden, der es schafft, mit einer Handbewegung und einer Duftwolke die blutrünstigen Massen in liebestrunkene Seligkeit zu stürzen. Tykwer hingegen braucht dazu die Theatergruppe La Fura del Baus, ein Aufwallen der Musik und minutenlang in Zeitlupe erstarrte Bilder. So entsteht ein fast träumerisches, aber auch reichlich unerotisches Ballett, das symbolhaft für das Scheitern des ganzen Films steht: Die wohl ästhetischste Orgie der Filmgeschichte, genauso unanstößig und jugendfrei wie sein bubenhafter, tölpelig wirkender Held.
Dem immerhin ist ein letzter, anrührender Moment vorbehalten für den Augenblick, in dem er, der Unbesiegbare, selbst beschließt, aus dem Leben zu scheiden - ausgerechnet an dem Ort seiner Geburt, dem Fischmarkt. Was von Grenouille übrig bleibt, sind ein paar Fetzen Kleidung und eine leere Phiole. Was aber bleibt vom «Parfum» in der Kinoversion übrig? Wohl nicht mehr als ein bildersattes, aber charakterschwaches Historiendrama, das viele Fans des Buches enttäuscht zurücklassen wird.