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Pro: «Flug 93» mitten in die Realität

31. Mai 2006 12:06
Szene aus dem Film
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Mit «Flug 93» eröffnet der britische Regisseur Paul Greengrass eine ganze Reihe von Hollywoodfilmen, die 9/11 thematisieren. Und der Terror wirkt nach.

Von Sascha Rettig

Was genau an Bord des United Airlines Fluges 93 von New York nach San Francisco passierte, weiß man bis heute nicht. Bekannt ist nur, dass sich unter den 44 Passagieren vier Terroristen befanden, die die vierte der entführten Maschinen des 11. September 2001 auf das Kapitol in Washington stürzen wollten. Weil der Flieger mit Verspätung startete, erfuhren die Passagiere in der Luft über heimliche Telefonate mit ihren Angehörigen, dass drei andere Maschinen bereits bei Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon explodiert waren. Es wird vermutet, dass Flug 93 sein Ziel nicht erreichte, weil sich die Passagiere zur Wehr setzten. Die Maschine zerschellte auf einem Feld in Pennsylvania.

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Auf dieser Begebenheit basierend hat der englische Regisseur Paul Greengrass jetzt «Flug 93» und damit gleichermaßen auch so etwas wie einen Verträglichkeitstest für die amerikanische Öffentlichkeit gedreht. Schließlich handelt es sich bei dem Film um die erste Hollywood-Großproduktion, die sich direkt mit den Anschlägen auseinandersetzt und damit erwartungsgemäß eine fast hysterische Kontroverse anstieß: Wann darf das Kino mit der filmischen Aufarbeitung der Anschläge beginnen? Ab wann darf mit dem tief sitzenden Trauma an der Kinokasse Geld verdient werden? Schon der Werbetrailer wühlte in den USA die Emotionen auf und musste nach Protesten teilweise sogar aus dem Programm genommen werden.

Sieht man «Flug 93», werden diese Fragen angesichts der verstörenden Intensität weitestgehend irrelevant – auch wenn er nur schwer zu ertragen ist. Am Anfang ist es die Normalität, die zermürbt: beim Alltag am Flughafen, der Routine im Flieger und in den Bodenkontrollstationen, zwischen denen Greengrass zunächst hin und her schneidet. Dann folgen das Chaos und die Hilflosigkeit, nachdem die Maschinen entführt wurden. Und zum Schluss, als die Passagiere auf die Terroristen losgehen, bricht im Flug 93 die Panik der letzten Minuten des Überlebenskampfes aus, die sich auf die Zuschauer in schnellen hektischen Schnitten direkt überträgt.

Größtmögliche Authentizität

Greengrass' fast in Echtzeit ablaufende Verfilmung der möglichen Ereignisse, für die er im Vorfeld sorgfältig recherchiert und das Einverständnis der Angehörigen der Opfer eingeholt hatte, ist schließlich alles andere als Hollywood-Katastrophenkino. Obwohl diese Geschichte, in der Menschen in den Momenten tödlicher Bedrohung um ihr Leben kämpfen, eine ideale Projektionsfläche für heroisches Verhalten im Kampf gegen den Terror bietet, streift Greengrass jedes US-patriotisches Pathos ab und verschränkt auf enge Weise Film und Realität.

Wie bei «Bloody Sunday», seinem Berlinale-Sieger von 2002, nähert sich der Filmemacher den Ereignissen mit größtmöglicher Authentizität und pseudo-dokumentarischen Handkamerabildern. Dafür hat er ausschließlich unbekannte Darsteller gecastet: Der Pilot ist auch im wahren Leben Pilot und Mitglieder des Bordpersonals flogen in anderen Maschinen auch am 11. September 2001. Dabei umgeht Greengrass die klischeehaften Typisierungen, die im Katastrophenkino üblich sind. Teilweise erfährt man nicht einmal die Namen der Passagiere.

Szene aus 'Flug 93'
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Dabei beantwortet «Flug 93» keine Fragen, sondern lässt in seinem Verzicht auf eigene Bewertungen, Heroisierungen oder Dämonisierungen verschiedene Lesarten zu und verstört mit einer direkten, alles andere als effekthascherischen Konfrontation mit dem Schrecken. Am Ende wird die Leinwand schwarz. Der Terror wirkt nach.
 
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