netzeitung.de'Tiger und Schnee': Ein Flummi am Golf

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Der Liebe nachgereist: Roberto Benigni in 'Der Tiger und Schnee' (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Liebe nachgereist: Roberto Benigni in 'Der Tiger und Schnee'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Roberto Benignis neuer Film ist eine Art «Das Leben ist schön» im Irak. Seine hyperaktive Spielweise bleibt allerdings Geschmackssache.

Von Sascha Rettig

Es kommt einem fast so vor, als hätte man bei Roberto Benignis «Der Tiger und der Schnee» ein Déjà-Vu. Bereits sein Film «Das Leben ist schön», in dem er den Überlebenskampf im KZ als tragische Komödie inszenierte, erzählte 1998 ergreifend von der beflügelnden Kraft des Lachens und der Liebe in fast hoffnungslosen Zeiten.

Damals zeigte er, wie man sich gegen die mörderische Realität auflehnen und ihr mit Optimismus und dem Mut der Verzweiflung trotzen kann. Jetzt hat der italienische Komiker mit «Der Tiger und der Schnee» fast noch einmal denselben Film gedreht – nur hat er die kindliche Perspektive eingetauscht gegen die eines Erwachsenen und der Schauplatz ist diesmal das Chaos des Irak-Krieges 2003.

Wegen der Liebe in den Krieg
Benigni, erneut Regisseur und Hauptdarsteller, spielt diesmal den Professor und Dichter Attilio, der gerade seinen aktuellen Band «Der Tiger und der Schnee» veröffentlicht hat und jede Nacht den selben Traum von der großen Liebe träumt: Während Tom Waits (der sich selbst spielt) am Klavier melancholisch angeraut seine eigens für den Film komponierte Ballade «You Can Never Hold Back Spring» raspelt, betritt Attilio in Unterhosen eine Kirchenruine.

Immer wieder läuft er an den Sitzreihen der Hochzeitsgäste vorbei und dann steht sie im Hochzeitskleid vor ihm, die Frau, die er unentwegt nur küssen und lieben möchte, seine angebetete Vittoria (erneut seine Ehefrau Nicoletta Braschi), die nur darauf wartet, dass er sie heiratet.

Attilios Realität nach dem Aufwachen sieht allerdings weit weniger romantisch aus – da will Vittoria nichts von dem hyperaktiven Lyriker wissen. Er hingegen bleibt unbeirrt verliebt und folgt ihr unerschrocken überall hin. Ja, er schmuggelt sich sogar als Sanitäter in den Irak-Krieg, als er eines Tages erfährt, dass Vittoria, die den irakischen Dichter Fuad (als tragischer Gegenpart: Jean Reno) nach Bagdad begleitete, dort bei einem Bombenangriff schwer verletzt wurde. Obwohl kaum Hoffnung besteht, dass sie jemals wieder aus dem Koma erwachen wird, setzt Attilio alles daran, sie zu retten.

Märchen, Liebesgeschichte und Komödie
«Der Tiger und der Schnee» entwickelt sich derweil zu einer etwas unausgegorenen Kreuzung aus märchenhafter Liebesgeschichte und bis ins Surreale überdrehter Komödie, die sich gar nicht über Sinn und Unsinn des Irak-Krieges auslassen will. Benignis Hauptanliegen ist universeller, dient ihm doch die irakische Kriegsszenerie weitestgehend als Hintergrund für eine unermüdliche Demonstration des Glaubens an das Prinzip Hoffnung.

In ein paar Szenen gelingt es Benigni aber dennoch, die Schrecken des Krieges mit seiner typischen Naivität ad absurdum führen – wenn er etwa unbedarft durch ein Minenfeld springt oder umwickelt mit Verbandsmaterial an einer Straßensperre der Amerikaner für einen Selbstmordattentäter gehalten wird. Die Logik wird dabei außer Kraft gesetzt und das Unwahrscheinliche möglich, wenn die (bisweilen kitschige) Fantasie mit der Wirklichkeit kollidiert und Benigni dem Leid mit all seiner Energie – und die ist scheinbar unerschöpflich – die Menschlichkeit entgegensetzt.

Die Benigni-Tortur
Diese Energie des Hauptdarstellers wird jedoch für alle, die nicht auf ihn und seine slapstickhafte Klamaukkomik abonniert sind, schnell zur Tortur. Sein wildes Gestikulieren zum unaufhörlichen Ohne-Punkt-und-Komma-Plappern und das flummihafte Herumspringen durch die studiokünstliche Bombenkraterlandschaft Bagdads: Benigni bleibt auch hier der überdrehte Kasper, der derartig ungebremst seinem Film eher schadet, als ihn zu tragen.

Anders als in «Das Leben ist schön» geht so die Rechnung mit «Der Tiger und der Schnee» nicht ganz auf: Das Mitgefühl mit der Komapatientin Vittoria, die Benigni mit brabbelnden Dauermonologen umsorgt, ist nicht so intensiv wie das, das man seinem kleinen Filmsohn einst entgegenbrachte und die Gegner sind dieses Mal nicht die per se bösen Nazis, sondern die unübersichtlichen Zustände im Kriegsalltag Bagdads, der zwar auch gefährlich, aber weit weniger bedrohlich wirkt.

Was ungeachtet der egozentrischen Benigni-Show dennoch bleibt, sind einzelne Schlaglichter poetischer Verzauberung und entwaffnender Komik. Und eine überaus bezaubernde Visualisierung des Filmtitels, die – natürlich – den Sieg im Kampf für das Unmögliche beschwört.