netzeitung.de«Manderlay»: Das Glück der Sklaverei

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'Manderlay' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Manderlay'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Lars von Triers zweites Kapitel seiner Amerika-Trilogie. In «Manderlay» geht es um die Sklaverei - und das Glück unfrei zu sein.

Er war immer noch nicht in Amerika und hat auch nicht vor hinzufahren. Nach «Dancer in the Dark», «Dogville» und seinem Drehbuch zu Thomas Vinterbergs «Dear Wendy» hält diese Nebensächlichkeit den dänischen Regisseur Lars von Trier aber natürlich noch immer nicht davon ab, erneut den eigenwilligen Geschichtslehrer über die moralischen Defizite der USA zu geben. Mit «Manderlay», dem zweiten Kapitel seiner sarkastischen USA-Trilogie, reibt er sich diesmal an der Sklaverei.

Anders als etwa bei seiner «Goldherz»-Trilogie, die unter anderem mit «Idioten» und «Dancer in the Dark» vom Dogma-Film bis zum Musical reichte, knüpft der für seine formalen Häutungen und unberechenbaren Metamorphosen bekannte Regisseur in seiner Inszenierungsweise nun an den Vorgänger «Dogville» an.

Von Triers artifizielle Vision Amerikas entstand wieder komplett im schwarzen Studio. Auch auf Kulissen und Requisiten hat er weitestgehend verzichtet, und die Wege und Bäume wurden erneut nur mit Kreidestrichen auf dem Studioboden umrissen. Der Überwältigungs- und Überraschungseffekt durch filmische Formexperimente bleibt so natürlich aus. Er lässt aber so wieder eine völlige Konzentration auf die Botschaft zu, die der Regisseur seinen Zuschauern gnadenlos um die Ohren haut, und auf das Spiel der hervorragenden Darsteller.

Bacall als Mam
Dabei tauchen «Dogville»-Darsteller in neuen Rollen (Lauren Bacall) auf, neue Darsteller als bereits bekannte Figuren (Willem Dafoe als Graces Vater) und auch ganz neue Schauspieler (Danny Glover als Sklave Willem). Die prominenteste Umbesetzung gab es bei der Hauptfigur Grace: Nach der opferbereiten Nicole Kidman, der von Trier eigentlich die Zusage für den zweiten Teil abgerungen hatte, die dann aber doch keine Zeit hatte, darf jetzt Bryce Dallas Howard in ihrer zweiten großen Rolle nach «The Village» eine Farm im Südstaatenstädtchen Manderlay aufmischen.

Es ist zwar schon 1933 und die Sklaverei längst abgeschafft, Lauren Bacall herrscht als Mam aber immer noch streng über ihr Sklavenheer. Mit einer fast lächerlichen Mischung aus Naivität und ungebremstem Idealismus kann Grace nicht anders, als dort nach ihrer Ankunft die Verhältnisse nach freiheitlichen Idealen umkrempeln zu wollen: Sie will die Sklaven der Baumwollfarm befreien, zur Not mit Waffengewalt. Dass die, wie sich später herausstellt, allerdings gar nicht wirklich befreit werden wollen, ist dabei zweitrangig. Als Inspiration zu dieser Geschichte gibt von Trier diesmal Jean Paulhans Vorwort zum frivolen Romanklassiker «Die Geschichte der O» an, das den eindeutigen Titel «Das Glück der Sklaverei» trägt.
Ziel Washington
«Manderlay» wird dabei zur erwartungsgemäß provokanten und sarkastischen Parabel auf die Freiheit und rassistische Unterdrückung, auf Gut gegen Böse. Parallelen zu Amerikanern, die fremden Kulturen durchaus mit Waffengewalt ihren Freiheitsgedanken eintrichtern und aufoktruieren, sind natürlich beabsichtigt.

Doch die Provokation verpufft diesmal auf seltsame Weise, nachdem der Film wieder mit einer Reihe von Fotografien (von Jacob Holdt) endet, unterlegt mit David Bowies «Young Americans». Ku-Klux-Klan, Martin Luther King, ein bigotter George W. Bush – und in der letzten Einstellung sieht man das Bild eines schwarzen Putzmannes, der ein Abraham-Lincoln-Denkmal poliert. Graces dritte Station und der Abschluss der Trilogie ist anvisiert: Washington. Für sein nächstes Projekt legt von Trier allerdings zunächst einen Zwischenstopp im Dogma-Land ein und atmet hoffentlich erstmal auf weniger ausgetretenem Anti-Amerika-Terrain durch.