20.10.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Elizabeth auf der Flucht
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wunderbare Darsteller und ein offenbar sehr entspannter Regisseur haben mit der Neuverfilmung von Jane Austens Klassiker «Stolz und Vorurteil» gewagt und gewonnen.
Man stelle sich eines dieser Riesenkinos vor, fast voll besetzt. Der Film geht aufs Ende zu. Die Spannung steigt, als der stolze Held ein weiteres Mal auf die vorurteilsbeladene Heldin trifft: England Ende des 18. Jahrhunderts, eine Wiese im Morgentau, erste Sonnenstrahlen, er stapft durch das Gras. Sein langer Mantel ist offen und legt bei jedem Schritt das nur halbzugeknöpfte weiße Hemd frei. Im Saal herrscht angespannte Stille.
Wo in jedem anderen Film dieser Tage bereits mindestens fünf Schnitte die Beziehung Mann, Frau, Wiese und Geschichte der Liebe zerlegt hätten, hält die Kamera in Joe Wrights Neuverfilmung von «Stolz und Vorurteil» weiter auf Mr. Darcy, der seinen schweren und doch so ersehnten Gang zu Elizabeth fortsetzt. Und bald zittert über den Köpfen des nicht einmal rein weiblichen Publikums ein gemeinsamer Seufzer, denn es ist kaum auszuhalten, mit welcher Ruhe und daraus resultierenden Intensität die Gefühlswelt der Hauptfiguren präsentiert wird.
Dabei hatte der gerade mal 33-jährige Wright sich eigentlich Unmögliches vorgenommen. Es ist erst die zweite Kinoverfilmung des Jane-Austen-Klassikers: 1940 hatten Greer Garson und Laurence Olivier als Elizabeth Bennet und Mr. Darcy mit der Gesellschaft und ihren Gefühlen gerungen. Aldous Huxley war damals mit für das Drehbuch verantwortlich gewesen. Als ultimative Verfilmung galt bisher jedoch eine TV-Miniserie der BBC aus dem Jahre 1995. Hier gaben Colin Firth und Jennifer Ehle das Paar Darcy und Elizabeth - und sorgten mit spitzenreichen Dialogen und zum Bersten gespannten dramatischen Bögen für Begeisterungsstürme. Firths Darcy wurde später noch in Helen Fieldings «Bridget Jones»-Romanen verewigt.
Kein Baz LuhrmannWright und Drehbuchautorin Deborah Moggach haben sich den Roman trotzdem noch einmal vorgenommen und eine sehenswerte Klassikerinterpretation geliefert. Vor allem eine erstaunlich ruhige. Keine wilden Schnitte à la Baz Luhrmann («Romeo + Julia»), keine modernisierenden Verrenkungen wie in «Liebe lieber Indisch» - eine entfernt an «Stolz und Vorurteil» angelehnte Bollywood-Verfilmung, die im vergangenen Jahr bei Kritik und Publikum durchfiel - und auch weniger Kitsch als 1998 in «Shakespeare in Love».
Wrights «Stolz und Vorurteil», diese Geschichte über eine gutbürgerliche Familie, die fünf Mädchen unter die Haube bringen muss, ist ein klarer, eher traditionell zu nennender Film, der der Landschaft Englands, seinen Darstellern und den Liebesgeschichten viel Raum lässt. Und da entringt sich den Zuschauerkehlen eben auch schon mal ein Seufzer, wenn Darcy scheinbar minutenlang einfach nur durchs Bild gehen darf.
Matthew MacFaydens im Gegensatz zu Firth etwas weicherem Darcy steht mit Keira Knightley eine für damalige Verhältnisse definitiv zu wilde Elizabeth gegenüber. Doch deren Burschikosität, die im übrigen auch den Regisseur letztlich überzeugt haben soll, macht sie durchaus liebenswert. Auch wenn man sich bei der 20-Jährigen noch immer mehr über das Temperament als über die Schauspielkunst freut.
Für die sorgen schließlich Donald Sutherland und Judi Dench, die in Nebenrollen auftauchen und der Abrundung des Kinobesuchs dienen. Und auch Talulah Riley als Elizabeths kupplerische Mutter ist wunderbar unangenehm, genauso wie Rupert Friend als der snobistische Mr. Wickham.
Kritisch anzumerken wäre, dass Austens literarisches Anliegen, die Starre der Gesellschaft der damaligen Zeit und die hoffnungslose Rolle der Frau darin zu beschreiben, nur andeutungsweise vorkommt. Doch das wäre auch eine ganz andere Geschichte geworden.