netzeitung.de«Kung Fu Hustle»: Visueller Wahnsinn und Stilhurrikan

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'Kung Fu Hustle' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Kung Fu Hustle'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit «Kung Fu Hustle» kommt eine schwerelose Actionkomödie aus Hongkong in die Kinos, die klug und dumm, witzig und brutal zugleich ist.

Während der Hongkong-Schauspieler Jackie Chan auch in Europa fast jedem ein Begriff ist, blieb sein jüngerer Kollege Stephen Chow hierzulande bisher weitgehend unbekannt. Und das obwohl er Chan in der gemeinsamer Heimat in Sachen Popularität und Erfolg längst überflügelt hat. Als Darsteller bereits in mehr als 60 Filmen zu sehen, führt Chow in «Kung Fu Hustle» nun auch schon zum siebten Mal Regie.

Sein neues Werk knüpft an den bereits in seinem letzten Film «Shaolin Soccer» eingeschlagenen Weg an. Darin ging es um eine Gruppe heruntergekommener Kung-Fu-Kämpfer, die aus Verzweiflung ein Fußballteam gründen. Nach einigen niederschmetternden Demütigungen auf einem Bolzplatz entdecken sie ihre verloren gegangen Fertigkeiten wieder und besiegen fortan reihenweise gegnerische Mannschaften durch den Einsatz asiatischer Kampftechniken bei der Ballbehandlung. Die rasante, tricktechnisch perfekt umgesetzte Verschmelzung von Martial Arts und Fußball eskaliert von Spiel zu Spiel, so dass schließlich in der alles entscheidenden Begegnung sich der Ball in einen Feuerdrachen verwandelt und der Sog eines Torschusses Erdbebenwellen über den Platz jagt und den gegnerischen Torwart vollständig entkleidet.
Konventionen adé
«Kung Fu Hustle» spielt im Schanghai der 40er Jahre. Chow gibt darin einen kleinen Möchtegern-Banditen namens Sing, der zusammen mit seinem fetten Freund, gespielt von Chi Chung Lam, versucht, Mitglied der berüchtigten Axt-Bande zu werden. Durch ihre Tollpatschigkeit lösen die beiden einen groteske Ausmaße annehmenden Konflikt zwischen den Bewohnern einer heruntergekommen Wohnanlage namens Schweinestall und den Axt-Gangstern aus. Hinzu kommt noch die gnadenlos kitschige Liebesgeschichte zwischen Sing und einer taubstummen Eisverkäuferin, die er seit seiner Kindheit kennt.

Während die Handlung ihren Lauf nimmt, schlägt das von Chow mitverfasste Drehbuch dieselben Kapriolen wie die durch Computeranimation völlig abgedrehten Kampfszenen. Alle störenden oder irgendwie einschränkenden Konventionen werden aufgehoben. So stellen sich nach und nach die Bewohner des Schweinestalls als ehemalige Kung-Fu-Kämpfer heraus, die über seltene Spezialkampfkünste verfügen. In diesen Rollen brillieren Stars aus der legendären Blütezeit des Hongkong-Actionfilms der sechziger und siebziger Jahre wie Yuen Wah und Yuen Qiu, die das Vermieterehepaar der Schweinestallsiedlung mit unwiderstehlicher Komik spielen.

Topf erschlägt Mann
Eine Befreiung des Erzählens von den Einschränkungen der Realität setzt sich in asiatischen Filmen der vergangenen Jahren immer mehr durch. Zum Beispiel wird es üblich, den Helden im Laufe des Films mehrfach sterben zu lassen, was aber weder für ihn, noch für die Handlung irgendeine Konsequenz hat. Er steht einfach wieder auf. In «Kung Fu Hustle» folgt auf so einen Scheintod auch noch ein Slapstickwitz, wenn einem von seiner Frau aus dem Fenster geworfenen Ehemann ein Blumentopf auf den Kopf fällt, der dann langsam zerbröckelt.

Solch visuelle Komik ist teilweise platt und derb, andererseits gibt es in Chows Film auch Szenen von magischer Schönheit: Wie Yimou Zhang in «House of the Flying Daggers» geht der Regisseur von «Kung Fu Hustle» dabei zum Teil an die Grenzen des Darstellbaren, so zum Beispiel wenn er zwei Killer ihre Gegner mit Musik angreifen lässt.
Visueller Wahnsinn und Stilhurrikan
«Kung Fu Hustle» treibt den visuellen Wahnsinn von «Shaolin Soccer» noch ein bisschen weiter. Dabei erinnert der Film in seiner waghalsigen, slapstickhaften Art an die MTV-Serie «Jackass», allerdings hat er keinen Hinweis nötig, das Gezeigte bitte nicht zuhause nachzuahmen. Zweifellos sind die Dinge, die die menschlichen Körper in «Kung Fu Hustle» vollführen, in der Realität völlig unmöglich.

Kein Gesetz ist dem Film heilig - weder das der Schwerkraft, noch das der schlüssigen Handlung und auch nicht das des einheitlichen Stils. So herrscht in «Kung Fu Hustle» ein ständiger und wilder Wechsel der Genres. Blitzschnell springt er hin und her zwischen Kung-Fu-Film, Gangster-Movie, Romanze, Zeichentrick und Superheldenfilmen wie «Batman» oder «Hulk». Auch dieser Trend zu rücksichtslosen Stilwechseln ist im asiatischen Kino schon eine Weile zu beobachten, vor allem in südkoreanischen Produktionen.

Dem Stilhurrikan entsprechend viele Anspielungen auf andere Filme tauchen in «Kung Fu Hustle» auf. So zitiert Chow mehr oder weniger schamlos und doch stets klug und originell unter anderem aus «Gangs of New York», «Matrix», Slapstickfilmen aus der Stummfilmzeit, «Shining», «The Untouchables», Spaghetti-Western, Abrahms/Zucker-Komödien wie «Airplane!», Musicals mit Fred Astaire und Ginger Rogers, Jerry-Lewis-Filmen, «Forrest Gump», «Pulp Fiction» oder dem Bandenfilm «The Warriors».
Brutaler Slapstick
Allerdings kann trotz des ambitionierten Versuchs eines dem Film zwangsweise nicht gelingen: Die unvergleichliche Verharmlosung von Gewalt, wie sie sich in Cartoons von Chuck Jones oder Tex Avery aus den 40er-Jahren findet, wo selbst die schlimmste Grausamkeit ins Komische gezogen werden kann. Obwohl Chow immer wieder den Stil dieser Kurzfilme nachahmt, sind doch einige dieser Sequenzen von großer Brutalität, was ihm in den USA einen Alterfreigabe ab 17 Jahren einbrachte.

«Kung Fu Hustle» ist besseres Popcorn-Kino als fast alles, was in den letzten Jahren aus Hollywood kam, dabei von befreiender Leichtigkeit und Absurdität - darunter der bestimmt höchste Sprung, den man jemals in einem Actionfilm sehen konnte.