netzeitung.de«Palindrome»: Von Liebe und Abtreibungsgegnern

 Herausgeber: netzeitung.de

'Palindrome' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Palindrome'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Kindesmissbrauch, Abtreibungsgegner und eine Heldin, die von acht verschiedenen Schauspielern dargestellt wird. Regie-enfant- terrible Todd Solondz sorgt mit seinem vierten Film einmal mehr für Kontroversen.

Wenn sich eine Zwölfjährige nach Liebe sehnt, ist daran zunächst nichts Ungewöhnliches. Dass allerdings Avivas sehnlichster Wunsch darin besteht, schwanger zu werden, weil schließlich niemand so sehr Liebe gibt und nimmt wie ein Baby, irritiert dann doch.

In Todd Solondz' neuem Film «Palindrome» lässt das Mädchen, dessen Name sich dem Filmtitel entsprechend vorwärts wie rückwärts lesen lässt, nichts unversucht, um sein Ziel zu erreichen und schläft dafür auch mit dem notgeilen Teenager-Sohn einer befreundeten Familie. Tatsächlich bringt der Schwangerschaftstest kurze Zeit später das gewünschte Ergebnis, doch vom ersehnten Glück ist Aviva noch weit entfernt. Ihre Mutter (Ellen Barkin, mal wieder am Rande der Hysterie) besteht auf eine Abtreibung und glaubt, damit ihrer Tochter zu helfen. Doch für das Kind zerbricht eine Welt. Kurz nach dem Termin beim Arzt reißt sie von zu Hause aus.

Den Traum vom Baby weiter fest im Blick, lässt sie sich in einem Trucker-Motel von einem schmierigen Pädophilen missbrauchen und landet schließlich im Schoß einer fundamental-christlichen Familie. Während dort Mama Sunshine mit einer Horde verschiedentlich gehandicapter Kinder gottesfürchtige Songs im Boygroup-Stil einstudiert, plant der Herr des Hauses im Keller ein Attentat auf Avivas Abtreibungsarzt.

Vorwärts wie rückwärts
Nicht nur der Name der jungen Protagonistin erweist sich als Palindrom, auch die von Solondz porträtierte Gesellschaft lässt sich in unterschiedlichen Richtungen lesen. Abtreibungsbefürworter und – gegner, fanatische Christen, Pädophile, vermeintlich liebende Eltern, die ihr Kind nicht verstehen – Solondz' Bild amerikanischer Kleinstädte gleicht auch in «Palindrome» einer Freak-Show - ganz gleich wie man es dreht und wendet.

Mit herkömmlichen Schubladen von Gut und Böse, von Identität und Rollenvorstellungen kam man bereits früheren Werken des Regisseurs wie «Happiness» oder «Storytelling» nicht bei. Nun geht er noch einen Schritt weiter: Die über alle Maße naive Aviva wird im Verlauf des Films von acht verschiedenen Darstellern gespielt – darunter zwei erwachsenen Frauen: Jennifer Jason Leigh sowie der Afro-Amerikanerin Sharon Wilkins, einem Jungen und fünf Mädchen im Alter zwischen sechs und 14 Jahren. Dass dieser Kunstgriff anfangs für leichte Irritation sorgt, schließlich aber bemerkenswert überzeugend funktioniert, ist der vielleicht erstaunlichste Beweis für Solondz' überragendes Können.
Kalkulierte Verstörung
Ein Happy End oder eindeutig identifizierbare moralische Botschaften darf man von dieser bitterbösen, ebenso entsetzlichen wie komischen Satire natürlich nicht erwarten. Der gelegentlich laut werdende Vorwurf, Solondz würde es allzu kalkuliert auf die Verstörung und Schockierung seines Publikums anlegen und eine wirkliche Geschichte vernachlässigen, ist dabei vielleicht auch nicht ganz falsch. Dass es ihm inmitten des stromlinienförmigen Kino-Einerlei aber tatsächlich gelingt, den Zuschauer aufzuwühlen, zu provozieren und nachhaltig zu beschäftigen, macht «Palindrome» unbedingt sehenswert.