netzeitung.deNach «Amélie» kommt «Mathilde»

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Audrey Tautou spielt Mathilde (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Audrey Tautou spielt Mathilde
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Am Ende des Ersten Weltkriegs sucht eine junge Frau ihren Verlobten - irgendwo zwischen den deutschen und französischen Stellungen der Westfront.

Auch im neuen Film von Jean-Pierre Jeunet sucht sich eine junge Frau ihren Weg durch Irrungen und Wirrungen zu ihrer großen Liebe. Heftete sich die Titelheldin in «Die fabelhafte Welt der Amélie» noch an die Fersen ihres versponnenen Seelenverwandten Nino Quincampoix, sucht nun - vier Jahre nach dem großen internationalen Erfolg - die junge Mathilde gegen Ende des Ersten Weltkriegs ihren totgeglaubten Verlobten Manech. Abermals hält «Amélie»-Star Audrey Tautou mit ihrem Charme, ihrer Unbeirrbarkeit und ihren großen Augen den Film zusammen.

Die ersten Szenen von «Mathilde – eine große Liebe», einer Romanverfilmung nach «Die französische Verlobte» von Sébastien Japrisot, könnten allerdings nicht weiter vom glattpolierten Montmartre-Kosmos der Amélie Poulain entfernt sein: Der Film beginnt in den Schützengräben der Westfront, zeigt die zerfetzten Körper, das Leid und die Verzweiflung der Soldaten. Fünf von ihnen werden genauer vorgestellt in diesen Flashbacks, die man bereits aus «Amélie» kennt, und die alles so wunderbar auf den Punkt bringen. Diese Soldaten um Mathildes Verlobten wurden zum Tode verurteilt und sollen zwischen den deutschen und französischen Stellungen sterben. Dort verlieren sich Manechs Spuren. Doch nimmt Mathilde kurze Zeit später ohne einen Moment des Zweifels die Suche auf.

«Mathilde» setzt sich Jeunet-typisch aus detailverliebten Einzelteilen und Spezialeffekten zusammen und hat unter anderem mit Dominique Pinon, Jean-Claude Dreyfus und Ticky Holgado die Charakterköpfe auf der Besetzungsliste, die man schon aus Jeunets anderen Filmen kennt. Unbeirrbar und selbstbewusst bewegt sich der Film durch verschiedenste Genres, ist Liebesmelodram, Antikriegsfilm und Detektivstory in einem und gerät auch ästhetisch zum Puzzle: Nach den drastischen Szenen in den blut- und schlammverschwemmten Schützengräben lässt Jeunet über Mathildes Zuhause an der bretonischen Küste, wo sie von Onkel und Tante großgezogen wurde, sonnengoldene Farben fließen.
Wie aus «Tatis Schützenfest»
Manchmal steht zu befürchten, dass sich «Mathilde» in seinen vielen Spuren und seinen zahlreichen Varianten über Manechs Verbleiben verheddert. Doch hat Jeunet alles unter Kontrolle und lässt sich erzählerisch nicht bremsen. Es sind gerade die kleinen Momente und Einzelepisoden, die «Mathilde» ausmachen. Wie schön sind die Bilder von Manech und Mathilde auf dem von der Kamera umkreisten Leuchtturm. Und wie viel Spaß macht der Postbote, der hier achtlos durch das Kiesbett brettert und dabei direkt «Tatis Schützenfest» entstiegen zu sein scheint.

Abgesehen von der in Frankreich oft bemängelten amerikanischen Finanzierung ist der Jeunet-Kosmos weit von Hollywood entfernt. So gibt sich Jodie Foster hier mit der kleinen Rolle einer Pariser Marktfrau zufrieden, die versucht, ihren zeugungsunfähigen Mann mit einer Schwangerschaft von der Front zu holen. Es ist die traurigste und vielleicht beste Episode des Films, so anrührend wie das Ende. Und das ist – nach all den Szenen mit Angelo Badalamentis melodramatischem Score – wie in «Amélie» sehr leise. Große Gefühle müssen schließlich nicht immer laut sein.