18.11.2004
Herausgeber: netzeitung.de
'Sky Captain And The World Of Tomorrow'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Regisseur Kerry Conran hat mit einer Frau, einem Mann, 50 turmhohen Robotern und unzähligen Computern großes Kino gemacht.
Wir haben im Kino einiges gelernt in letzter Zeit: Helden sind Verlierer, Gangster die besseren Menschen, Frauen die effizienteren Schwertkämpfer, Gut und Böse nur zwei Möglichkeiten auf einer oben und unten offenen Skala, und Liebe, Liebe ist eine Lebensphase, die vorbei geht wie Windpocken. Wer sich damit abfindet, kann wunderbare Filme sehen, dessen Vorstellungskraft wird gekitzelt, und der kann mitreden.
Für die anderen gibt es diese Filme, die man vergessen hat, bevor man aus der Kinotür ist, deren Gefühlsbilder etwa so subtil sind wie Explosionen im Actionfilm. Das Prinzip ist digital und meist bewusst nicht dem Zeitgeist entsprechend ambigue.
Auch damit kann man sich abfinden, doch gibt es Momente, zum Beispiel, wenn man nachts sehr lange fernsieht oder sonntagnachmittags im dritten Programm landet, da sieht man plötzlich - meist schwarz-weiße - Filme mit Männern und Frauen, die wirklich männlich und weiblich sind. Die diese Zuschreibung bis ins Letzte ausloten und Welten schaffen, in denen sich ein gestandener Kerl als Frau verkleiden kann, ohne auch nur einen Hauch seiner Männlichkeit zu verlieren. Wo eine Frau so unbeschreiblich schön ist, wie es nur eine Frau sein kann und doch gleichzeitig so knochenhart wie ein alter Seebär. Diesen Männern und Frauen kann man minutenlang einfach nur zuhören, und es muss sich nicht einmal der Bildausschnitt ändern, damit der Zuschauer dran bleibt.
Hat man ihnen allerdings eine Zeit lang zugesehen, beginnt man sie bei folgenden Kinobesuchen zu vermissen. Ähnlich muss es dem Regisseur Kerry Conran gegangen sein, als er das Skript für seinen Film «Sky Captain And The World Of Tomorrow» geschrieben hat denn er hat ein ganzes Universum erfunden, in dem genau solche Menschen Platz haben.
Zwischen Fritz Lang und Jean-Paul GaultierIn einer New York genannten Metropolis im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ästhetisch irgendwo zwischen Fritz Lang, Jean-Paul Gaultier und James Bond ist die Reporterin Polly Perkins einer großen Geschichte auf der Spur. Sechs international führende Wissenschaftler sind verschwunden, der siebte gibt der energischen Frau im engen Rock und mit hohen Absätzen einen Tipp. Perkins Recherchen werden jedoch von einer Invasion turmhoher Roboter gestört, die godzillagleich durch die Straßenschluchten trampeln und schließlich die Kraftwerke der Stadt stehlen.
Zur Rettung wird Sky Captain gerufen, ein Held in einem Kampfflugzeug, der die Roboter zwar nicht aufhalten kann, einen jedoch zerstört und so seinem Freund, dem jungen, genialen Wissenschaftler Dex, zugänglich macht. Auf der Suche nach dem Ursprung der Roboterattacke müssen Sky Captain und Perkins zusammenarbeiten, was nicht so einfach ist, da beide eine vergangene Liebesgeschichte verbindet, die noch nicht ganz ausgestanden zu sein scheint. Doch müssen sie sich zusammenraufen, um Dr. Totenkopf zu finden, der die Roboter und noch ganz andere Wesen gebaut haben soll, um die Welt zerstören.
Befreiungsschlag für PaltrowZwar kassiert Gwyneth Paltrow für ihren Heulkrampf bei der Oscar-Verleihung vor sechs Jahren noch immer zynische Bemerkungen und lebt mit dem Image, mindestens zickig zu sein, doch könnte die Rolle der Polly Perkins so etwas wie ein Befreiungsschlag für die Schauspielerin werden. Paltrow ist einfach grandios als forsche, berechnende, natürlich auch zickige Jourrnalistin, der alle Mittel recht scheinen, um ihre Story zu kriegen. Dabei erinnert sie sogar manchmal an die alten Vorbilder wie Lauren Bacall oder Katharine Hepburn. Und das ist keine Übertreibung.
Auch ihr Gegenpart Sky Captain hat mit Jude Law einen ebenbürtigen Darsteller gefunden, auch wenn er das markante Kinn manchmal etwas zu deutlich ins Bild reckt. Fast noch besser ist Dex, gespielt von Giovanni Ribisi, der direkt aus den 50er Jahren importiert zu sein scheint. Man würde sich kaum wundern, wenn Frank Sinatra plötzlich neben ihm auftauchen würde.
Auf ihrer Jagd nach Dr. Totenkopf treffen Perkins und Sky Captain auch Franky, eine Kampfpilotin, die eine in den Wolken schwebende Basis befehligt und natürlich auch eine Verflossene von Sky Captain ist. Gespielt wird sie von Angelina Jolie, der es unter anderem gelingt, aus einer Augenklappe ein geradezu sexy Accessoire zu machen.
Bleibt Dr. Totenkopf selbst, für den Conran tatsächlich mit Hilfe der den Film beherrschenden Technik einen der alten Helden wieder belebt hat. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, denn der doch so klassischen Geschichte und den Figuren gelingt es, eine ganz eigene - sich sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft bewusste - Welt zu schaffen, die man nur ungern nach Ende der 107 Minuten wieder verlässt.