netzeitung.de«Old Boy»: Der Weg der Rache

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'Old Boy' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Old Boy'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

15 Jahre lang wurde der Geschäftsmann Oh Dae-su ohne Begründung eingesperrt. Als man ihn freilässt, will er Rache nehmen. Cannes' Publikumserfolg «Old Boy».

Rache ist derzeit im Kino ein beliebtes Thema, doch selten verschafft sie dem Heimzahlenden wirklich Befriedigung. Das kann wie bei Gaspar Noés «Irreversibel» an der Technik des Rückwärtserzählens liegen oder an dem Understatement, mit dem Quentin Tarantino seinen toughen Racheengel Uma Thurman Bill killen lässt. Auch der koreanische Regisseur Park Chan-wook hat sich bereits mit «Sympathy for Mr.Vengeance» des Themas angenommen. Doch fehlt seinen eigenmächtigen Vollstreckungen nicht nur der seelenbefriedende Erfolg, die Rache führt vielmehr in den Untergang. So auch in «Old Boy», dem zweiten Teil von Parks Rache-Trilogie, der die Hauptfigur in einen tiefen, destruktiven, letztlich aber auch kathartischen Sog extremer Ereignisse stürzt.

Die Ausgangssituation des auf einem achtteiligen Manga von 1997 basierenden Films ist denkbar einfach: Der betrunkene Geschäftsmann Oh Dae-su wird nachts auf der Straße gekidnappt und eingesperrt. Er weiss nicht, warum er in diesem Raum, in dem die Fenster nur auf Tapeten gedruckt sind, festgehalten wird. Wie lange er darin sitzen wird, weiss er auch nicht. Es werden insgesamt 15 Jahre sein. Jahre, in denen sein einziger Kontakt zur Außenwelt der Fernseher ist. So bekommt er das Weltgeschehen mit. Und er erfährt von der Ermordung seiner Frau, die so eingefädelt wurde, dass er, der Verschwundene, als Hauptverdächtiger gilt.
Auf Tapete gedruckte Fenster
Schon in den ersten 20 Minuten bis zur Freilassung Oh Dae-sus wird der Zuschauer gepackt von der Wucht der Geschichte und dem ungewöhnlichen visuellen Stil des Films. Doch das ist erst der Anfang dieses in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Rachedramas, das in der Grundidee leicht an David Finchers «The Game» erinnert: Innerhalb von fünf Tagen muss Oh Dae-su den Grund seiner 15 Jahre langen Folter herausfinden. Sonst sollen alle Menschen umgebracht werden, die er liebt. Zusammen mit der jungen Sushi-Verkäuferin Mi-do macht sich der Geschäftsmann auf die Suche nach seinen Peinigern.
Der lebendig verspeiste Tintenfisch
Die angestaute Wut und die Energie spiegeln sich unter anderem in der sehr ausgeklügelten Inszenierung und in der eindrucksvollen Tour de Force von Oh Dae-su-Darsteller Choe Min-Shik wider. Die Rachegfühle sind ihm tief ins Gesicht gezeichnet, und wie der ganze Film steht er so stark unter Druck, dass man es ihm jederzeit abnimmt, wenn er im besten Bud-Spencer-Stil einfach so mehr als ein Duzend Männer aus dem Weg räumt. Die Leidensbereitschaft des Darstellers führt so weit, dass er einen lebendigen Tintenfisch verspeist, der sich zuvor noch kräuselnd über sein Gesicht gelegt hat. Zu einer sympathischen Identifikationsfigur wird die Hauptfigur dabei genauso wenig, wie sein charismatischer Gegenspieler, dessen Darstellungsbeschreibung sich auf «böse» reduzieren lässt.

Oh Dae-sus Rachefeldzug ist durchzogen von äußerst brutalen Situationen. Explizit gezeigt wird die Gewalt allerdings selten. Die suggestiven Bilder, in denen Zange und Hammer zu Einsatz kommen und Zähne gezogen werden, was wiederum stark an «Marathon Man» erinnert, dienen anders als etwa in Tarantinos «Kill Bill No.1» nie dem ästhetischen Selbstzweck.

Ein Schlag vor den Kopf
Auch die Handlung entwickelt sich keinesfalls zum ausbalancierten Gut-Böse-Spiel nach klaren Regeln. Der Film wird vielmehr zum Drama seiner leidenden Figuren, bei dem die Grenzen in der zunehmend komplexen Handlung bis zum absolut unberechenbaren Showdown verschwimmen. Ein Genrefilm, der nicht den Rachegesetzen des Genres gehorchen will und dabei zu einer sehenswerten Zumutung wird. Ein Schlag vor den Kopf, den man erträgt, weil man so explosives und vor Intensität geradezu die Leinwand sprengendes Kino nur selten sieht.