netzeitung.deEiszeit in Hollywood: «The Day After Tomorrow»

 Herausgeber: netzeitung.de

Jake Gyllenhaal als Sam Hall (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jake Gyllenhaal als Sam Hall
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit «The Day After Tomorrow» beeindruckt Roland Emmerich erneut als Meister der Tricktechnik. Doch diesmal hat der Hollywood-Regisseur auch ein Anliegen: Er will die Welt retten.

Hollywood-Regisseur Roland Emmerich liebt apokalyptische Szenarien. Deshalb geht es auch in «The Day After Tomorrow» ums Ganze. Diesmal sind die Feinde allerdings keine zerstörungswütigen Außerirdischen wie in «Independence Day» (1996) oder XXL-Echsen wie «Godzilla» (1998), sondern Mutter Natur, genauer: das Klima.

Der menschlichen Ignoranz folgt die lang angekündigte Klimakatastrophe, die in diesem Film allerdings einem terroristischen Angriff ähnelt. Von einem Tag auf den anderen ist die Welt nicht mehr, wie sie war: Wirbelstürme verwüsten Millionenstädte, Flutwellen türmen sich gen Himmel und stürzen hinab in die Straßenschluchten von New York, alles Leben auslöschend. Und am Ende verschwinden Europa und die USA unter einer dicken Eisschicht.

Digitaltechnisch ist das alles ungeheuer raffiniert gemacht. Trotzdem wirkt der Film unvermutet altmodisch. Denn Emmerich hat ein Anliegen. Die Werbetour nutzte der Regisseur aus Deutschland, nicht nur um für sein Werk, sondern auch um für eine verantwortungsvolle Klimapolitik zu werben. Dabei kritisierte er scharf die Regierung seiner Wahlheimat - besonders den US-Präsidenten. Unfassbar fand es Emmerich, dass George W. Bush bestreite, «dass es eine globale Erwärmung gibt und wir Menschen die Verursacher sind».

Ignoranz der PolitikerSturmflut in New YorkFoto: Twentieth Century Fox
Die Politiker der Vereinigten Staaten zeigen sich auch in «The Day After Tomorrow» uneinsichtig. Als Klimaforscher Jack Hall (Dennis Quaid) auf einer internationalen Konferenz eine radikale Kurskorrektur in der Umweltpolitik fordert, begegnet der US-Vizepräsident ihm mit Zynismus: Wer das denn bezahlen solle, bitteschön? Grimmig kontert Hall: Einer werde die Zeche zahlen müssen. Kurz darauf beginnt die Eiszeit im Schnelldurchlauf.

Die Hypothese, auf der die Geschichte seines Films basiere, stamme von seriösen Klimaforschern, behauptet Emmerich. Im Grunde sei der Mechanismus der Zerstörung ganz einfach: Durch den Treibhauseffekt schmilzt das Eis der Arktis, die Süßwassermengen bringen den Golfstrom zum Erliegen, und dadurch kommt es auf der Nordhalbkugel zu einer Eiszeit.

Mittlerweile ist außerhalb Hollywoods unter den mehr und den weniger Sachverständigen eine Diskussion darüber entbrannt, wie real die von Emmerich dargestellte Bedrohung nun eigentlich sei. Ist das Szenario des Films so wahrscheinlich wie das Auftauchen von Aliens über dem Weißen Haus? Oder liegt eine solch katastrophale Klimaveränderung wirklich im Bereich des Möglichen? Natürlich habe man mit dem Zeitraffer-Prinzip gearbeitet, räumt der Regisseur ein. Gleichwohl seien die realen Gefahren der Erderwärmung nicht von der Hand zu weisen.

Ein CO2-neutraler FilmDennis Quaid spielt den Klimatologen Jack HallFoto: Twentieth Century Fox
Mittlerweile hat Emmerich das umweltbewusste Leben auch für sich selbst entdeckt: Seine Häuser in Mexiko und Los Angeles werde er mit Solarzellen ausrüsten lassen, ließ er wissen. Außerdem habe er für seinen Film auch 150.000 Dollar extra bezahlt, um mit der Umwelt quitt zu sein. Es gebe da eine Firma namens Future Forest, die mithelfe, das Leben CO2-neutral zu machen. Dieses Unternehmen habe ausgerechnet, wie viel Schadstoff «The Day After Tomorrow» verursacht hat, und Emmerich habe die dieser Verschmutzung entsprechende Summe in Projekte wie Windkraftwerke oder Wiederaufforstung investiert.

Künstlerisch ist der Film hingegen wenig kontrovers. Alles ist in «The Day After Tomorrow» so, wie man es erwartet. Eine rasante, optisch überwältigende Kamerafahrt über das ewige Eis reißt den Zuschauer gleich am Anfang mitten ins Geschehen.

New York unter EisFoto: Twenthieth Century Fox
Die große Stärke Emmerichs besteht darin, dass er sehr genau weiß, wie man die Kamera entfesselt, wie man die Kinobilder auf die Menschen loslässt. Dabei bedient er sich aller Mittel der digitalen Trickkunst: Tornados zerlegen Los Angeles, eine Sintflut New York, bevor es vereist. Autos werden durch die Luft gewirbelt, Menschenmassen durch Straßenschluchten gespült – das sind die wirklich atemberaubenden Momente des Films.
Frivole Ikonografie des Schocks
Nicht ganz so stark ist Emmerich, wenn es darum geht, nicht Katastrophen, sondern Menschen zu inszenieren. Quaid als Klimaforscher ist ungefähr so plausibel wie das Archäologieprofessoren-Amt von Indiana Jones. Auch sonst beschränkt sich der menschliche Faktor sehr aufs Funktionieren. Da stehen jeder Schauspieler und jeder Satz an der richtigen Stelle, doch in Erinnerung bleiben eben nur die Bilder. Etwa die Szene, wenn das Chrysler-Building vereist, jäh und schockartig. Es beginnt an der Spitze, und dann klirrt die Kälte gen Boden wie ein Fahrstuhl. Raureif überzieht die Fassaden und lässt die Fenster herausplatzen. Das ist eine nach den Bildern vom 11. September beinahe frivole Ikonografie des Schocks.
Flucht aus New YorkFoto: Twenthieth Century Fox
Star des Films ist die Optik – die schiere technische Wucht des Blockbusters, die sogar das Polareis der Antarktis zu spalten vermag. Gegen diese Urgewalt ist nur ein Kraut gewachsen: Das, was die Menschen zu Menschen macht, Solidarität, Treue, Liebe.

Und so vermittelt «The Day After Tomorrow» einen geradezu naiven Glauben an die Möglichkeiten des Herzens, den objektiven Verhältnissen zu trotzen. Noch kann die Menschheit umkehren - das ist die so schlichte wie anspruchsvolle Botschaft des Films. Man müsse sich nur darauf besinnen, dass wir alle nur ein Leben auf diesem einen Planeten haben - und also zusammenhalten sollten. Auch mit Mutter Natur.

Man will nicht recht daran glauben, dass so etwas mehr sein könnte als ein neues Rad in der PR-Maschine Hollywoods, aber vielleicht ist Emmerich ja tatsächlich ein Idealist. Zumindest hat er den Mut zu einer Naivität, die die Peinlichkeit nicht scheut. Im Interview sagte er, er wünsche sich, dass sein Film die Politiker zum Umdenken bewegen werde. Dieses Szenario zumindest ist nicht sehr wahrscheinlich.