13.05.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Ein seltener melancholischer Moment: Brad Pitt als Achilles
Foto: WB
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Sagengestalten wie in der Soap Opera und ein halbnackter Brad Pitt: Wolfgang Petersens «Troja»-Verfilmung will die alten Mythen wieder modern machen - und wirkt doch antiquiert.
Die Speere sind gespitzt, die Sandalen geschnürt, die Geier kreisen schon. Da stehen sie nun bereit, die Heere der beiden Könige Triopas und Agamemnon.
Doch kämpfen dürfen sie nicht. Denn, so haben es die Herrscher vereinbart, die beiden Besten aus ihrer Mitte müssen die Fehde um Land und Macht für sie ausfechten. Schon wiegt der Riese Boagrius, ein Hüne mit zerfurchtem Gesicht und ausgesprochen schlechten Zähnen, überlegen die Waffe, doch allein, es fehlt ihm der rechte Gegner: Achilles (Brad Pitt), der größte Krieger seiner Zeit, hat verschlafen und teilt noch mit zwei Schönen das Lotterbett.
Kaum an die Seite seines Königs, des mächtigen Agamemnons zitiert, macht Achilles mit seinem Gegner kurzen Prozess, um sich fortan wieder wirklich wichtigen Dingen zu widmen, so erfährt der staunende Bote: seiner eigenen Unsterblichkeit.
Nummernrevue der AntikeMacht, Ruhm, Unsterblichkeit und natürlich die Liebe - die in der Einstiegssequenz aufblitzenden Motive treiben Petersens Monumentalepos («Troja») durchgängig an. Überlebensgroß ist dabei der Stoff, den sich der Regisseur vorgenommen hat: Die «Illias» des Dichters Homer, die große Dichtung der Antike bietet den Hintergrund. Doch bei dem Versepos ist es nicht geblieben, wie der auch nur mild antikenkundliche Zuschauer schnell ahnt.
In einer Art Nummerrevue der antiken Mythologie bekommen alle ihren Auftritt: Der Raub der schönen Helena (Diane Kruger) ebenso wie das Pferd von Troja, der Abenteurer Odysseus (der zum Erzähler mutiert, gespielt von Sean Bean) bis hin zur legendären Achillesferse, die auch hier ihrer Bestimmung nachkommt. Über kleinere Unstimmigkeiten sieht die Petersen'sche Version der Geschichte rund um das legendäre Liebespaar Helena und Paris, dem Prinzen von Troja («Ringe»-Star Orlando Bloom), denn auch großzügig hinweg. Stattdessen wird in «Troja», 3000 Jahre vor unserer Zeit, eine Geschichte erzählt, wie sie gerade in diesen Tagen seltsam vertraut erscheint.
Anklänge an den Irak-KriegSie kündet von einem Krieg, der auf einem Vorwand basiert (Helenas Ehemann Menelaos (Brian Gleeson) will seine Frau zurück), Menschen, die nach Macht gieren (Menelaos Bruder Agamemnon (Brian Cox), der Troja unterwerfen und die Ägäis kontrollieren möchte), und die vor allem eines wollen: überlebensgroß sein. Diese Sehnsucht ist es denn auch, die den großen (Anti-)Helden «Trojas«, den Krieger Achilles motiviert. Pitts Achilles ist ein hochfahrender, arroganter und zuweilen erstaunlich unreifer Held, dessen unvermeidliche Entdeckung der Liebe (pikant am Rande: sein ihm in der «Illias» zärtlich verbundener Freund Patrokolos musste zum Cousin werden) zur jungfräulichen Briseis (Rose Byrne) ihn schwach und verletzbar macht.
Natürlich, so erklärte Wolfgang Petersen (»Das Boot«), habe ihn die aktuelle politische Lage sowie der Irak-Krieg von George W. Bush gedanklich inspiriert. Doch damit hört die zeitgenössische Verortung auch auf.
Das Ernüchternde an Petersens 165-Minuten-Ritt durch die Antike ist, dass dabei nicht mehr als ein durchschnittlicher Sandalenfilm herausgekommen ist. Trotz des Budgets von 200 Millionen Dollar und modernster Tricktechnik (etwa die Cyber-Stuntmen des Computerprogramms Endorphin) wirkt vieles - neben der Schlacht der 75.000 Soldaten (50.000 Griechen, 25.000 Trojaner)- reichlich antiquiert.
Unfreiwillige Komik am RandeDie Recherchen von Kostümdesigner Nigel Phelps im British Museum schufen zudem Griechen, die mal wie Wikinger, dann wie mittelalterliche Haudegen oder gar gebatikte Hippies mit Perlen im Haar aussehen. Auch die Stadt, die der Setdesigner schuf, hat mit dem antiken Troja (ein paar Lehmhütten plus Palast) kaum etwas zu tun, sondern zitiert römische, altgriechische und gar ägyptische Stile.
Keine Götter in «Troja»Nicht zuletzt wirkt die digital vervielfältige legendäre Flotte der 1000 Schiffe, die nach Helena suchen, arg künstlich und mutet irgendwie altmodisch an. Und das, obwohl sich Petersen doch entschloss, das wohl stärkste «unmoderne» Element seiner Sage einfach wegzulassen: Sein »Troja« kommt ganz ohne Götter aus. Wer auch hätte die spielen sollen, so fragte Petersen zurecht und verwies auf die übliche Garde der Hollywood-Verdächtigen (Dennis Hopper als Apollo?). Doch gleichzeitig wirkt auch sein Achilles mehr wie ein Surferboy an der Küste Kalifornien denn als ein sonderlich tragischer Held.
Und so ist es eigentlich der Australier Eric Bana (Hektor, Prinz von Troja), der als edler Führer seines Volkes den Helden geben kann. Sein Zweikampf mit dem vor Wut schäumenden Achilles ist einer der Höhepunkte des Films und zeigt doch auch wieder, woran es «Troja» mangelt: Zwischen ganz groß (Totalen der Heere) und ganz klein (den Close-Ups Mann gegen Mann) gibt es kaum andere Einstellungen, die der Geschichte eine echte Tiefe geben könnten.
Peter O'Toole mit AusstrahlungAusgerechnet eine der wenigen großen Schauspielszenen lässt die Größe jener Geschichte von Liebe und Leid erahnen. Es ist die, wenn der alte König von Troja, Priamos (Peter O'Toole) sich zu Achilles schleicht, um die Leiche seines Sohnes bittet und den trotzigen Krieger zu Respekt mahnt. Doch lange verweilt auch hier die Kamera nicht, schließlich muss Troja brennen, und das gründlich.
Das größte Feuer in der Filmgeschichte seit «Vom Winde verweht», meldet denn auch die Presseinfo stolz, «nur kontrollierter» habe es gebrannt. Kontrolliert ist Petersens «Troja»-Verfilmung denn auch in jeder Hinsicht, ein solider Hollywood-Blockbuster, bei dem Petersen sogar das Recht des «Final Cuts» erwirkt hatte. Ob er sich im Wettkampf mit den bald ebenfalls verfilmten antiken Stoffen (Alexander und Hannibal sind in Planung) wird messen können, bleibt abzuwarten. Das Ziel seines Helden Achilles, die Zeiten in der (Film)Geschichte zu überdauern, aber wird diese «Troja-Version» wohl nicht erreichen.