netzeitung.deDer Weg nach Littleton: «Elephant»

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Regisseur Gus van Sant berichtet in «Elephant» von einem normalen High-School-Tag, der mit einem Massaker endet. Die Erzählweise ist gleichermaßen naiv wie intelligent.

Der wohl ungewöhnlichste Beitrag zur Diskussion über Amok-Läufe an Schulen beginnt als grandioser, wie einfacher High-School-Film. Die Kamera schwebt durch die langen, glänzenden Schulgänge, mal folgt sie dem sportlichen Schönling Nate, der gerade vom Football-Training kommt, mal begleitet sie Brittany, Jordan und Nicole, die sich nach dem Salat aus der Schulkantine kollektiv im Mädchenklo übergeben, oder sie heftet sich an die Fersen von John, der wegen seines betrunkenen Vaters zu spät zur Schule kommt. Eli ist mit seiner Kamera unterwegs und fotografiert ein Punk-Pärchen, und Michelle läuft nach dem verhassten Sportunterricht in die Bibliothek.

Gus van Sants «Elephant» ist bis zu diesem Augenblick ein faszinierend erzähltes, in seiner verschachtelten Einfachheit erstaunliches Konzentrat eines ganz normalen, herbstlichen Schultages. Mal witzig, mal ungerecht, mal einsam, mal hart. Und dabei hätte der Regisseur solcher Filme wie «My Own Private Idaho» oder «Good Will Hunting» auch bleiben sollen. Stattdessen verlässt «Elephant» jedoch nach einer Stunde die Schule und zeigt eine Rückblende: Eric und Alex verbringen ihren letzten Nachmittag zusammen, bevor sie am nächsten Tag ein Massaker an ihrer High-School anrichten werden. Sie surfen auf Waffen-Seiten im Internet, schauen gemeinsam eine Nazi-Dokumentation an («Is This Hitler?») und spielen zwischendurch am Computer einen Ego-Shooter.

Es sind erschreckend stichwortartige und schlichte Erklärungen, die van Sant als Motivation für das Massaker anbietet. Ist es eine bewusste Kapitulation vor dem ohnehin nicht Erklärbaren? Sind es absichtliche Oberflächkeiten und Klischees, wo man mit der Fiktion sowieso nicht hineinreichen kann? In so einem Fall hätte van Sant jedoch besser daran getan, auf die Küchenpsychologie zu verzichten und den Gewalteinbruch über die Schule plötzlich und ohne Erklärungen geschehen zu lassen.

Faszinierende Collage
Doch obwohl dieser recht bittere Nachgeschmack bleibt, setzt sich der Film durch seine formale Brillanz in der Erinnerung fest. So gut wie ohne Drehbuch hat van Sant seine oftmals trendig modelhaften, aber dennoch echt und authentisch wirkenden Laiendarsteller durch den Mikrokosmos High-School geschickt. Indem jeweils eine Figur mit der Kamera begleitet wird, ergibt sich einer fast labyrinthische Erzählweise. Die Wege der Figuren kreuzen sich, kurze Begegnungen in den Schulgängen werden mehrfach, aber aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt, und bis Augenblick des Massakers strömen die parallelen Erzählstränge zu einer faszinierenden Collage zusammen.
Zurück zum Independent-Kino
So geht van Sant mit «Elephant» weiter auf dem Weg, den er zuvor mit dem in Deutschland noch nicht gestarteten Experiment «Gerry», in dem Matt Damon und Cassey Affleck nach einem Ausflug nicht mehr aus der Wüste herausfinden, eingeschlagen hat. Der Regisseur ist überraschenderweise wieder beim unabhängigen, durchaus mutigen Independent-Kino angekommen und verwischt hinter sich die Spuren des konventionellen Mainstreams seiner Filme wie «Psycho» oder «Findet Forrester». Dabei ist «Elephant», der im vergangenen Jahr in Cannes, was den Juroren eigentlich verboten ist, mit der Goldenen Palme und dem Regie-Preis ausgezeichnet wurde, ein Film der Widersprüche: Gleichermaßen naiv wie intelligent, oberflächlich wie vielschichtig, ärgerlich wie brillant.