netzeitung.de«Die Passion Christi»: Der erfolgreichste Splatterfilm aller Zeiten

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'Die Passion Christi' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Die Passion Christi'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mel Gibsons umstrittener Film über die letzten Stunden Jesu Christi ist vor allem eines: schlechtes Kino.

Eines vorweg: «Die Passion Christi» ist ein schlechter Film - im Sinne der Kunst wie im Sinne der Unterhaltung. Schlechte Story ohne dramaturgische Auflösung, unnötig heftige Gewaltdarstellung, die viele Splatterfilme an Deutlichkeit übertrifft, sowie tumbe Effekthascherei in Bild und Ton.

Bleibt das, was bereits zur Zeit der Dreharbeiten für Aufregung gesorgt hat: die Umsetzung und das scheinbare Ziel der Produktion.

Gibson erzählt die überall auf der Welt bekannte Geschichte vom Ende des Jesus Christus: Der Gott der Christen hat seinen Sohn auf die Erde geschickt, wo dieser auf die damals für Ketzer übliche grausame Weise sterben musste, um die Menschheit von ihren Sünden zu befreien. Zweck der Verfilmung der Geschichte, deren Ende jeder kennt, ist laut dem Regisseur, zu zeigen, wie es wirklich war, wie sehr Jesus leiden musste, um die Menschheit zu retten.
Allein Gibsons Vorstellung
Für Aufregung unter den Filmkritikern und Zuschauern hat unter anderem die filmische Umsetzung dieser Absicht gesorgt, denn der Regisseur hat eine Blutorgie inszeniert, deren Schaulust schlicht pornografisch ist. Ob der zurückhaltenden Vorlage hat Gibson seiner actionfilm-geschulten Fantasie («Lethal Weapon», «Mad Max», «Braveheart») freien Lauf gelassen. Das neue Testament mit seinen vier Evangelien schildert den Tod Christi eher wortkarg. Sie schlugen ihn, sie kreuzigten ihn, Er hauchte den Geist aus heißt es bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Da steht nichts von Peitschen, bis der Rippenbogen freiliegt, Arme aus den Gelenken reißen, Blutfontänen oder einer Krähe, die einem Gekreuzigten die Augen aushackt. Diese Bilder entspringen allein Gibsons Vorstellung.

Und genau die stößt den Zuschauer auf ein weiteres Problem des Films: den Vorwurf des Antisemitismus. In «Die Passion Christi» sind die Figuren Karikaturen oder üble Stereotypen: So wie Jesus der über allem stehende, edle und schöne Superheld des Schmerzes ist, Satan aussieht wie der Tod in einem Bergmann-Film, entsprechen die Römer - abgesehen von Pontius Pilatus - dem häufig in Hollywood üblichen Bild von Nazis - animalisch böse, dämonisiert. Die jüdischen Hohepriester schließlich sind augenrollende, hysterische Typen in komischen Klamotten - verschlagen und manipulativ. Wollte man die Boshaftigkeit der Charaktere gegeneinander aufrechnen, kämen die römischen Soldaten sicher ähnlich schlecht weg wie die Pharisäer. Doch geht es hierbei um etwas anderes.

Papst zu lasch
Dazu muss man einiges über Gibsons Hintergrund und Motivation wissen: Der 48-Jährige ist ein ultrakonservativer Katholik, dem sogar der Papst «zu lasch» ist. Sein Vater ist für seine antisemitische Haltung bekannt. Gibson Senior hat wiederholt verkündet, dass der Holocaust eine Erfindung sei. In einem Interview mit Peggy Noonan von «Reader's Digest» hatte Gibson Junior wiederum gesagt, dass sein Vater ihm noch nie eine Lüge erzählt habe.

Dazu kommt, wie der US-Publizist Christopher Hitchens in einem «Vanity Fair»-Artikel berichtet, dass Gibson über eine folgenschwere Stelle im Film gelogen hat: Wenn der jüdische Mob die Kreuzigung Christi fordert, hat «das ganze Volk» laut Matthäus 27,25 gerufen: «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder». Dieses Zitat ist einer der Grundpfeiler des christlichen Antijudaismus: Juden gleich Christusmörder. 1965 gab das Zweite Vatikanische Konzil großzügigerweise bekannt, dass diese eineinhalb Zeilen lange Bibelstelle nicht als Beweis für eine Kollektivschuld der Juden am Tode Christi gelten dürfe und dass man sich um mehr Toleranz gegenüber anderen Religionen bemühen werde.

Doch für Gibsons Vater ist das Zweite Vatikanische Konzil eine «freimaurerische, von den Juden unterstützte Verschwörung». Auch die katholische Sekte, der Gibson angehört, erkennt das Zweite Vatikanische Konzil nicht an. Gibson habe gesagt, der betreffende, auf Aramäisch gesprochenen Satz, komme im Film nicht mehr vor. Doch in Wahrheit habe er ihn einfach nicht untertitelt, so Hitchens. Der aramäische Satz werde im Film ausgesprochen. Dies wäre ein geradezu perfider Zug Gibsons. Doch auch wahrscheinlich und ungeheuerlich ist die Vermutung, dass ihm der Antisemitismus-Vorwurf in Wirklichkeit einfach egal ist.

Missionsversuch
Bleibt die Frage nach dem Ziel der Produktion, die Gibson angeblich mit 30 Millionen Dollar selbst finanziert hat, obwohl er von Seiten der Kirche zusätzlich unterstützt wurde. Man könnte eine Art Propaganda-Film zwecks Missionierung darin sehen. Doch haben sich zumindest in Deutschland die Kirchen deutlich distanziert: Gibson habe ein «grausiges, Blut triefendes Werk» inszeniert, «das sich an den Schmerzen des Erlösers weide», kritisierte die Evangelische Kirche Deutschland. Die katholische Bischofskonferenz fand «Die Passion Christi» immerhin problematisch: «Mit seiner drastischen Gewaltdarstellung reduziere der Film die Botschaft der Bibel auf problematische Weise.»

Man kann davon ausgehen, dass dieser Film niemanden zum Christen bekehren wird, der vorher religiös völlig desinteressiert war. Solche Menschen dürften sich eher über eine Religion wundern, deren Anfang darin bestehen soll, dass ein Mensch auf möglichst grausame Weise getötet wird.

Andererseits wird sich jemand, der bereits antisemitische Vorurteile hat, von Gibsons Blick auf die Dinge bestätigt fühlen. Und da der Hollywood-Star seinen «kleinen Film, den er für sich selbst machen wollte» mit erstaunlich vielen Kopien unter die Leute bringt - in den USA war es mit 4000 Kopien der größte Start aller Zeiten - wird seine Intention wohl entsprechend viele Menschen erreichen. Und das ist etwas, das man Mel Gibson vorwerfen muss.