01.01.2004
Herausgeber: netzeitung.de
'Texas Chainsaw Massacre'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Fast 30 Jahre nach dem Original kommt ein Remake des «Texas Chainsaw Massacer» in die Kinos. Mit noch mehr Blut und noch größerer Bedrohung von Innen.
Vor 30 Jahren griff die Killerlegende «Leatherface» - zu deutsch Ledergesicht - erstmals beherzt zur Kettensäge und errichtete seine Terror-Diktatur mitten in der texanischen Provinz. Ohne einen Funken Ironie attackierte Tobe Hoopers Film «Blutgericht von Texas», der mit dem berühmten US-Titel «The Texas Chainsaw Massacre» in die Splatter-Filmgeschichte einging, damals seine Zuschauer in den angstklimatisierten Post-Vietnam-USA. Der damals 140.000 Dollar teure Independent-Schocker, der es sogar mit einer Kopie in das New Yorker Museum of Modern Art schaffte, ermahnte sein Publikum auf äußerst rabiate Weise, nicht zu vergessen, dass auch eine Bedrohung von Innen existierte. Selbst in den scheinbar so friedlichen, von white-trashigen Nixon-Wählern bevölkerten Südstaaten.
Fast 30 Jahre und drei mäßige Fortsetzungen später kommt nun die nicht minder blut- und eingeweidetriefende Neuverfilmung in die Kinos, als «Michael Bays Texas Chainsaw Massacre». Doch schon bevor Leatherface überhaupt die Säge angeworfen hatte, drehte sich einem darüber der Magen um. Denn niemand anders als Michael Bay, Regisseur misslungener Blockbuster wie «Bad Boys 2», hat den Film produziert und ließ auch noch einen Werbe- und Videoclipfilmer Regie führen - den Frankfurter Markus Nispel.
Doch gegen alle Erwartungen hat der zusammen mit Daniel Pearl, dem Kameramann des Originals, ein visuell glattpoliertes und fast zehn Millionen Dollar teures Remake fabriziert, das einen hohlen, aber effekt-technisch gelungenen Blutrausch erzeugt, wie er so splatternd schon lange nicht mehr im Kino zu sehen war.
Die neue Geschichte ist die alteDie grob auf dem Fall des Frauenmörders Ed Bain basiernden Story, die abermals in den 70ern angesiedelt wurde und mit einer Horror-klassischen Grundkonstellation aufwartet, ist dabei kaum verändert worden: Fünf junge Menschen (darunter Jessica Biel und Jonathan Tucker), die hier allesamt der Diesel-Jeans-Werbung entlaufen zu sein scheinen, fahren durch die texanische Einöde und treffen mitten auf der Straße im Nirgendwo auf ein völlig verängstigtes Mädchen. Sie nehmen sie mit, doch kurz nachdem das Mädchen auf dem Rücksitz des Wagens Platz genommen hat, schießt es sich in den Kopf.
Als die schockierte Clique in ihrer Hysterie versucht, Hilfe zu holen und die Polizei zu verständigen, landet sie auf dem Grundstück der Familie Hewitt. Und deren entstellter Sohn - eben «Leatherface» - sägt mit seiner Kettensäge alles kurz, klein und auseinander, was fremd und jung ist, zwei Beine hat und nicht rechtzeitig weglaufen kann. Der Trip wird für die jungen Menschen zum Alptraum und für vier von ihnen zur Sackgasse.
Abgesägt und weggefräßtIm Vergleich zum Original wurde hier eifrig an Ecken und Kanten gesägt und gefräßt. So darf etwa der gesichtslose Schrecken in Gestalt des Leatherface hier einmal seine Maske abnehmen und konkretisiert - anders als bei den nie wirklich explizit einschneidenden Kettensägenattacken - auf langweilige Weise die Fantasien der Zuschauer. Die Ausstattung es Remakes wirkt weniger morbide. Alles scheint mit viel Liebe zum ekelhaften und schmutzigen Detail zusammengetragen, und die finale Rache am blutdurstigen Ledergesicht soll wohl sicherstellen, dass der Zuschauer in eine Welt entlassen wird, aus der diese Bedrohung entfernt wurde.
Splatter-NeuzugangLetztlich gehorcht Nispels Kettensägenmassaker den üblichen moralischen Grundregeln des Horrorfilms. So bleibt Jessica Biel, die dauerhaft mit wippenden Brüsten im engen Shirt um ihr Leben rennt und die einzige ihrer Clique war, die mit dem Grund der Reise - Marihuana-Schmuggel - nicht einverstanden war, die einzige Überlebende.
In seiner Provokation und Mehrdeutigkeit kann Nispels Film es mit dem Original nicht aufnehmen. Er wirkt sogar manchmal trotz literschwerer Blutstürze unübersehbar blutarm. Doch Genrefans, die bevorzugt der Spur gesplatterter Innereien und roher Gewalt in die Kinosäle folgen, werden durch die gezielten und wirkungsvollen Schockmomente und das gedärmverdrehende Kettensägengeräusch einen nervenkitzeligen Trip ins texanische Hinter-Horrorland erleben, der in Erinnerung bleibt.