netzeitung.deStillstand in einer Berliner Enklave

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'Herr Lehmann' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Herr Lehmann'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Leander Haußmann hat «Herr Lehmann» verfilmt. Mit einem Resultat, das genau so still steht wie das Lebensgefühl im Berliner Bezirk Kreuzberg kurz vor der Wende.

Berlin 1989. Der Bezirk SO 36, Berlin Kreuzberg, ist die Welt des Herrn Lehmann. Hier fristet der Endzwanziger sein lethargisches Dasein als Tresenkraft in der Kneipe «Einfall». Wenig Verantwortung innerhalb eines anspruchslosen Alltags, das nicht nur das höchste Gut von Herrn Lehmann ist, sondern auch von all den Menschen um ihn herum: Philosophen, Künstler, Biertrinker, Freunde sinnloser Gespräche.

Doch dann gerät das so geregelte Leben des Herrn Lehmann aus den Fugen. Erst versperrt ihm ein aufdringlicher Hund den Nachhauseweg, dann verliebt er sich auf einen Schlag in die neue Köchin seines Stammlokals, weil sie in allem anderer Meinung ist als er, und schließlich wollen auch noch seine Eltern zu Besuch kommen. Herr Lehmann muss für sie nicht nur den «fremden» Kontinent Berlin-Charlottenburg aufsuchen, er soll auch noch Verwandten in Ostberlin Geld bringen. Zu schlechter Letzt erleidet sein Freund, der Künstler Karl, einen Nervenzusammenbruch bei den Vorbereitungen zu seiner ersten großen Ausstellung. Herr Lehmann ist gezwungen zu handeln. Zum ersten Mal in seinem Leben.
Ein Lebensgefühl aus der Vorwendezeit
Das Lebensgefühl der Kreuzberger vor der Wende ist Thema von Sven Regeners Roman «Herr Lehmann». Die Adaption eines Gefühls für die Leinwand dürfte zu den schwierigsten Aufgaben im Kino zählen, und der ehemalige Theaterregisseur Leander Haußmann hat sie nicht meistern können.

Zunächst erklärt sich der Film kaum selbst. Lediglich eine Nahaufnahme von fünf Mark auf einem Tresen stecken den zeitlichen Rahmen fest, doch könnte der Film genauso gut zwei Wochen vor der Euroeinführung spielen. Die Umwälzungen in der DDR kurz vor der Wende spart Haußmann genauso aus wie eine stringente und logische Handlung. Sein Herr Lehmann bewegt sich in seinem Kosmos, doch scheinen er wie alle anderen Figuren auf der Stelle zu treten. Das mag literarisch funktionieren, dort sogar sehr reizvoll sein und unterhalten, im Kino wird es schnell langweilig. Etwas größere Freiheit im Umgang mit dem Roman hätte hier gut getan, denn «Herr Lehmann» geht inhaltlich viel zu schnell die Puste aus.

Zuviel Temperament eines Theatermachers
Der Mangel an Handlung wäre zu verkraften gewesen, wenn die Figuren interessanter wären. Mit Ausnahme von Herrn Lehmann sind die jedoch eigentlich alle nur oberflächlich, bisweilen klischeehaft, gezeichnet. Dazu kommt, dass sie oft völlig übertrieben agieren. Hier scheint das Theater in Haußmanns Arbeit durchzuschlagen. Seine Schauspieler debattieren über Nichtigkeiten mit einer Inbrunst, als ginge es um den Weltfrieden - eine Übersteigerung, die auf der Theaterbühne mit einem Publikum als direktem Ansprechpartner gewiss Wirkung zeigt. Im Kino geht das einem nicht nur bald auf die Nerven, es lässt den Film stellenweise einfach ins Lächerliche kippen. Besonders Katja Danowski überspannt in ihrer Rolle als Köchin und Geliebte Herrn Lehmanns gern den Bogen, spielt zu theatralisch, um glaubhaft zu sein.

Dagegen beeindruckt Christian Ulmen, der in der Rolle des Herrn Lehmann stets zurückhaltend viel mehr re- als agiert. Auf seinen Schultern trägt Ulmen scheinbar mühelos auch die wenigen wirklich gelungenen Dialogszenen, in denen für das Leben des Herrn Lehmann unwiderruflich die Weichen gestellt werden. Er ist, gerade auch im Team mit Detlev Buck als Karl, ein Gewinn für die deutsche Kinolandschaft, was man in Anbetracht seiner MTV-Vergangenheit gerade im Charakterfach nicht erwartet hätte. Der von ihm getragene Film hingegen funktioniert weder als Unterhaltungskino noch als aufregende Milieustudie. Denn «Herr Lehmann» ist für das eine zu wenig komisch, für das andere schlicht zu flach.