netzeitung.deDas Comeback der Kanonenkugel

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Szene aus 'Der Fluch der Karibik' mit Johnny Depp (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Szene aus 'Der Fluch der Karibik' mit Johnny Depp
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Perfide Piratenskelette, ein verfluchter Schatz und Johnny Depp als obskurer Freibeuter: Der starbesetzte «Der Fluch der Karibik» schafft die Wiederbelebung eines längst totgeglaubten Genres.

Von Sascha Rettig

Außergewöhnliche Filme erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Das werden sich zumindest die Verantwortlichen des «Buena Vista»-Verleihs gedacht haben. Schließlich brechen sie für «Der Fluch der Karibik» die eigentlich unantastbare Konvention, dass Filme in Deutschland immer Donnerstags starten und bringen den Film einfach an einem Dienstag in die Kinos. Doch bei Gore Verbinskis aufwändigem und starbesetztem Piratenabenteuer handelt es sich tatsächlich um eine der großen, gelungenen Kinoüberraschungen des Jahres.

Dabei waren die Vorraussetzungen, unter denen «Der Fluch der Karibik» entstanden ist, eigentlich alles andere als vielversprechend: Nicht nur, dass Verbinskis («The Mexican») klassischer Piratenfilm lose auf einer jahrzehnte alten Attraktion eines Disney-Themenparks basiert, wurde der Film von Jerry Bruckheimer produziert, der bekannt ist für seine herz- und hirnlosen Actionmaterialexzesse wie «Pearl Harbor».

Zudem haben die Macher hier ein Genre wiederbelebt, das zwar schon fast so lange existiert wie es Filme gibt, aber seit Errol Flynn und Hollywoods großen Freibeuterabenteuern vor mehr als 50 Jahren nie wieder zu wirklicher Größe zurück finden konnte. Wurde dennoch der Versuch unternommen, piratiges Entertainment wieder auf die große Leinwand zu bringen, dann entstanden solche Flops wie Roman Polanskis «Piraten», eine alberne Parodie aus den 80er Jahren, die in jeder Hinsicht Schiffbruch erlitt.

Doch trotz Vorbehalten und bei aller angebrachter Skepsis ist aus «Der Fluch der Karibik», paradoxerweise gerade weil er alles hat, was man als Zuschauer von einem Piratenfilm erwartet, ein überaus sehenswertes Werk geworden. Denn Verbinskys zweieinhalbstüdiges Abenteuer sabotiert das Genre nicht, sondern nimmt es, was sehr mutig ist, trotz vieler ironisch augenzwinkernder Momente äußerst ernst.

Papageien und Äffchen
Bei den flinken Degenduellen werden gerne mal die Hemden aufgeschlitzt und unter großem Getöse mit Kanonenkugeln einige Segelschiffe bis zum Kentern gelöchert. Freche Papageien plappern vor sich hin, und die Piraten sind allesamt standesgemäß ungepflegt und rauhbeinig, wenn auch mal mehr und mal weniger böse. Es gibt eine schöne Gouverneurstochter (nach «Kick it like Beckham» erstaunlich erwachsen und weiblich: Keira Knightley), die ein Faible für Piraten hat und von dem fetthaarigen, ekelhaft gemeinen Geoffrey Rush als Kapitän Barbossa, der natürlich immer ein Äffchen auf der Schulter hat, gekidnappt wurde.

Sie hat nämlich das Amulett, mit dem er und seine Crew von dem Fluch erlöst werden können, durch den sie sich bei Mondlicht in von George Lucas' Trickfabrik «Industrial Light & Magic» perfekt zu «Leben» erweckte Skelette verwandeln. Weil die Gouverneurstochter aber einen Verehrer hat, muss sie nicht lange auf Hilfe warten: Der edle, heldenhafte und an Errol Flynn erinnernde Will Turner, verkörpert vom aufstrebenden Hollywood-Beau und «Herr der Ringe»-Legolas Orlando Bloom, kapert ein Schiff und segelt der Skelett-Crew hinterher, um die Holde zu retten.

Nur einer, der zusammen mit Will Turner den bösen Piraten den Garaus machen will, fällt da aus dem Rahmen und gerade der ist eigentlich das Zentrum des Films und für sich selbst schon ein Ereignis: Johnny Depp als klassisch unklassischer Pirat Captain Jack Sparrow. Er gehört zu der Sorte Freibeuter, der zwar gewievt ist und sich zu Größerem berufen fühlt, der aber dennoch ständig vom Pech verfolgt ist und nie wirklich erst genommen wird. Ein schräger Typ, der sich mit sympathischer Hinterlist durchschlägt und obwohl er schon oft schiffbrüchig war oder von seiner Crew auf einer einsamen Insel mit großem Rumvorrat aber ohne Trinkwasser ausgesetzt wurde, den Glauben, er sei ein großer Pirat, nie verloren hat.

Der Keith Richards der Karibik
Depp, bei dem fast jeder neue Film eine scheinbar mühelose Metamorphose in verschiedenste Rollenextreme vom schlechtesten Regisseur der Welt («Ed Wood») bis zum «Edward mit den Scherenhänden» bedeutet, hat diese Rolle genauso eigenwillig wie originell angelegt: Er zischt und brabbelt, zumindest in der Originalversion, einen unverständlich-ulkigen Kauderwelsch und seine ungehaltene Mimik, die bewusst an den eigentlich auch schon fast untoten «Rolling Stone» Keith Richards erinnern soll, paart er mit so seltsamen wie wundersam tuntigen Bewegungen. Depps Spaß an der Rolle, den man ihm wie auch allen anderen Darstellern in jeder Sekunde anmerkt, ging sogar soweit, dass er sich vier Zähne mit Gold und Platin überkronen ließ.

Genau diese Liebe zum Detail zeichnet Verbinskis gesamten Film aus. So entsteht ein sehr gelungenes Ganzes, gut erzähltes und trotz seiner Länge kurzweiliges Familienentertaiment. Altmodisch und modern, witzig und ironisch, bunt und mit dem richtigen Kanonenkugelbums.