Das Comeback der Kanonenkugel
02.09.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Außergewöhnliche Filme erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Das werden sich zumindest die Verantwortlichen des «Buena Vista»-Verleihs gedacht haben. Schließlich brechen sie für «Der Fluch der Karibik» die eigentlich unantastbare Konvention, dass Filme in Deutschland immer Donnerstags starten und bringen den Film einfach an einem Dienstag in die Kinos. Doch bei Gore Verbinskis aufwändigem und starbesetztem Piratenabenteuer handelt es sich tatsächlich um eine der großen, gelungenen Kinoüberraschungen des Jahres.
Zudem haben die Macher hier ein Genre wiederbelebt, das zwar schon fast so lange existiert wie es Filme gibt, aber seit Errol Flynn und Hollywoods großen Freibeuterabenteuern vor mehr als 50 Jahren nie wieder zu wirklicher Größe zurück finden konnte. Wurde dennoch der Versuch unternommen, piratiges Entertainment wieder auf die große Leinwand zu bringen, dann entstanden solche Flops wie Roman Polanskis «Piraten», eine alberne Parodie aus den 80er Jahren, die in jeder Hinsicht Schiffbruch erlitt.
Doch trotz Vorbehalten und bei aller angebrachter Skepsis ist aus «Der Fluch der Karibik», paradoxerweise gerade weil er alles hat, was man als Zuschauer von einem Piratenfilm erwartet, ein überaus sehenswertes Werk geworden. Denn Verbinskys zweieinhalbstüdiges Abenteuer sabotiert das Genre nicht, sondern nimmt es, was sehr mutig ist, trotz vieler ironisch augenzwinkernder Momente äußerst ernst.
Sie hat nämlich das Amulett, mit dem er und seine Crew von dem Fluch erlöst werden können, durch den sie sich bei Mondlicht in von George Lucas' Trickfabrik «Industrial Light & Magic» perfekt zu «Leben» erweckte Skelette verwandeln. Weil die Gouverneurstochter aber einen Verehrer hat, muss sie nicht lange auf Hilfe warten: Der edle, heldenhafte und an Errol Flynn erinnernde Will Turner, verkörpert vom aufstrebenden Hollywood-Beau und «Herr der Ringe»-Legolas Orlando Bloom, kapert ein Schiff und segelt der Skelett-Crew hinterher, um die Holde zu retten.
Nur einer, der zusammen mit Will Turner den bösen Piraten den Garaus machen will, fällt da aus dem Rahmen und gerade der ist eigentlich das Zentrum des Films und für sich selbst schon ein Ereignis: Johnny Depp als klassisch unklassischer Pirat Captain Jack Sparrow. Er gehört zu der Sorte Freibeuter, der zwar gewievt ist und sich zu Größerem berufen fühlt, der aber dennoch ständig vom Pech verfolgt ist und nie wirklich erst genommen wird. Ein schräger Typ, der sich mit sympathischer Hinterlist durchschlägt und obwohl er schon oft schiffbrüchig war oder von seiner Crew auf einer einsamen Insel mit großem Rumvorrat aber ohne Trinkwasser ausgesetzt wurde, den Glauben, er sei ein großer Pirat, nie verloren hat.
Genau diese Liebe zum Detail zeichnet Verbinskis gesamten Film aus. So entsteht ein sehr gelungenes Ganzes, gut erzähltes und trotz seiner Länge kurzweiliges Familienentertaiment. Altmodisch und modern, witzig und ironisch, bunt und mit dem richtigen Kanonenkugelbums.

