07.08.2003
Herausgeber: netzeitung.de
'Spun' - Schwartzman
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Spun» beweist Mut zur Hässlichkeit, verschafft Mickey Rourke ein Comeback und nimmt den Zuschauer mit auf eine brutale aber aufregende Fahrt durch Drogenhirne.
Drogen jeder Art und Zusammensetzung sind ein gerne gewähltes Film-Thema. Da rauchen sich harmlose Kiffer blöd, wie einst Sean Penn in der Highschool-Komödie «Ich glaub, ich steh' im Wald», Yuppies koksen sich in «American Psycho» um den Verstand, mal taucht Johnny Depp komplett benebelt in «Fear and Loathing in Las Vegas» auf und in «From Hell» als Londoner Inspector in Opiumhöhlen ab. Und auch die «Kinder vom Bahnhof Zoo» oder die «Trainspotter» müssen erwähnt werden, die sich um ihre Zukunft fixen.
Auch in Jonas Åkerlunds «Spun» dreht sich alles ums Schniefen und Beschaffen, ums Durchdrehen und Absacken und um eine Zukunft, die es nicht gibt. Doch «Spun» ist irgendwie anders. Man wird von dem Film einfach über den Haufen gerannt und in einen geradezu ekelhaft faszinierenden Mikrokosmos gezogen um einen cool kochenden Dealer namens «The Cook» (grandioses Comeback: Mickey Rourke), einem nägelkauenden Konsumenten (Jason Schwartzman) und einer butchen Telefonsex-Lesbe (Debbie Harry). «Spun» ist eine einzige Ansammlung von bösen, hässlichen, fiesen und natürlich gnadenlos süchtigen Menschen, die sich in vermüllten Motelzimmern, einer zwielichtigen Strip-Bar oder einer Porno-Videothek herumtreiben.
Zynisch bis zum SchmerzEine Geschichte sucht man allerdings vergeblich. Åkerlunds Höllen-Trip ist nicht mehr als eine Aneinanderreihung absurder Situationen, die bis oben hin angefüllt sind mit ätzenden Humor - eine benebelnde Wolke aus Methamphitaminen, von «the Cook» zusammenköchelt, die den Zuschauern von einem Videoclip-Genie entgegengeblasen wird.
Der schwedische Regisseur, der sich vor allem mit seinen Videos für Madonna-Songs wie «Ray of Light» oder «Music» einen Namen gemacht hat, hat etwas Atemberaubendes inszeniert: Eine filmgewordene Hysterie mit durchaus realitätsnahen Bildern, aber einer extrem hohen Schnittfrequenz und schwindelerregenden Zeitraffern. Um eine derartige Beschleunigung zu erzielen, hat er vor Drehbeginn ein mehr als 1000 Seiten umfassendes Storyboard gezeichnet, in dem jede Szene, jede Kameraposition notiert war. Von seiner Crew und seinen Schauspielern verlangte Åkerlund maximale Geschwindigkeit. Eben wie auf Speed.
Sein visuelles Rasen erinnert durchaus an Darren Aronofkys «Requiem for a Dream». Doch mit dessen Hubert-Selby-Verfilmung, die auf verstörende Weise die destruktive Wirkung von Drogen vor Augen führt, hat «Spun» nichts gemein. Während «Requiem for a Dream» für seine Charaktere eine radikale Abwärtsspirale bedeutete, kann es die in Åkerlunds Film gar nicht geben. Hier sind schon alle am Boden, haben Spaß dabei, und Worte wie Hoffnung sind längst ausrangiert.
Mut zur HässlichkeitKonnte man für die «neuen Helden» in Danny Boyles «Trainspotting» noch so etwas wie Sympathie empfinden, ist Åkerlunds durchgedrehtes Personal bereits jenseits jeder Empathie. Den Hollywood-Jungstars, Independent-Größen und fast vergessenen Altstars zuzusehen, die der Regisseur in «Spun» oft mit Mut zur Hässlichkeit versammelt und gegen den Strich besetzt, ist dennoch ein großer Spaß.
Geliftetes ComebackMena Suvari, der väter-verführende Teenie aus «American Beauty», lümmelt hier im Bademantel und mit vergammelten Zähnen herum, «Voll verheiratet»-Star Brittany Murphy tänzelt als naives Strip-Girl durch die Szenerie, und «Blondie»-Sängerin Debbie Harry gibt die neugierige Haudrauf-Lesbe. Dazu kommen der schwule Underground-Star Alexis Arquette als schnurrbärtiger Cop, John Leguizamo als tätowierter Dealer Spider Mike und die große Überraschung: Mickey Rourke. Der einst so toughe Womanizer und Übermacho ist zwar nur noch ein gelifteter Botox-Schatten seiner selbst. Doch wie er als Cook in weißen Cowboystiefeln und mit Cowboyhut so unverholen seine Bierwampe vor sich herschiebt, hat Größe und ist vielleicht der beste, aber auch nur einer von unzähligen Gründen, sich dem grandiosen «Spun»-Spektakel auszusetzen.