27.06.2003
Herausgeber: netzeitung.de
'Sweet Sixteen'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In Ken Loachs neuem Film kämpft ein Kleinkrimineller für seinen Traum von einem normalen Leben - und ist dafür sogar bereit zu töten.
«Kannst du es sehen?», fragt Liam einen kleinen Jungen, dem er gerade 25 Pence abgenommen hat, damit er durch sein Teleskop gucken darf. «Der große leuchtende Stern? Der mit dem Ring drum? Das ist der Saturn». «Ich seh nichts», quengelt der Junge, und Liam zieht das nächste Kind vor das Fernrohr - aber erst nachdem es bezahlt hat.
Liam sieht den Saturn immer - bei Tag und bei Nacht. Denn dieser Planet verkörpert seinen Traum von einem normalen Leben, das fast genauso unerreichbar scheint wie der Saturn selbst. Doch Liam träumt nicht nur, er setzt auch alles daran, seinen Traum zu verwirklichen.
Liam ist fünfzehn Jahre alt, wohnt in einem heruntergekommenen Vorort von Glasgow und lebt vom Schwarzhandel mit Zigaretten. Sein bester Freund Pinball und er sind schon vor Monaten von der Schule geflogen, seine Mutter sitzt im Gefängnis, um ihren Freund zu schützen, und der dealt zusammen mit Liams Großvater Heroin. Einen Vater gibt es nicht.
Blutige Abdrücke des LebensEine trost- und aussichtslose Welt für einen Heranwachsenden, doch kann Liam immer noch über sein Leben lachen. Sei es, wenn er den Freund seiner Mutter hereinlegt oder Polizisten foppt. Der brutale Ernst seines Alltags - der sich nach Prügeleien auch immer wieder in blutigen Abdrücken auf Liams Körper wiederfindet - wirkt oftmals wie ein schlecht ausgeleuchteter Jungenstreich.
Eine Insel der Ruhe in dieser Ausweglosigkeit ist die Wohnung von Liams Schwester Chantelle, die mit der Familie gebrochen hat, um der Gefängnis- und Drogen-Welt zu entkommen. Sie ist 17 Jahre alt und lebt mit ihrem zweijährigen Sohn Calum zusammen. Gerade bewirbt sie sich für einen Job in einem Call-Center, für den sie Tests bestehen und Kurse besuchen muss. Chantelle pflegt Liams Wunden und versucht seine Erwartungen an den Tag, an dem alles gut werden wird, zu dämpfen - aus Angst, dass er enttäuscht wird.
LoslassenDenn Liam hat eine Deadline. Wenn seine Mutter an seinem sechzehnten Geburtstag aus dem Gefängnis kommt, soll sie nicht dahin zurück, wo sie hergekommen ist. Nicht zu ihrem Freund und nicht zu den Drogen. Liam will ihr ein neues Heim bieten - eine heile Welt. Und sei es nur ein Wohnwagen, der auf einem Hügel über dem River Clyde steht.
Um das Mobile Home zu bezahlen, steigt Liam ins Drogengeschäft ein, doch das zieht ihn immer tiefer in die Welt, vor der er seine Mutter eigentlich schützen will. Sein Griff nach dem einen Stern hält ihn so gefangen, dass er jede Perspektive verliert - und schließlich, als der Tag der Freilassung seiner Mutter angebrochen ist, ist es zu spät um loszulassen.