netzeitung.de«Russian Ark»: Russlands Geschichte digital

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'Russian Ark' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Russian Ark'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In seinem ungeschnittenen 96-minütigen Film schickt der Regisseur Sokurov seine Zuschauer auf eine Zeitreise durch die turbulente Geschichte Russlands.

In seinem opulent inszenierten Kostümfilm «Russian Ark» führt der russische Regisseur Alexander Sokurov einen französischen Marquis durch das Hofleben in den Räumen der Eremitage in St. Petersburg. Aus dem Off polemisieren die beiden über das ambivalente Verhältnis zwischen Russland und der westlichen Welt in den letzten Jahrhunderten.

Der für seinen strengen, intellektuellen Stil und asketisches Schwarz-Weiss bekannte Autorenfilmer überrascht diesmal mit aufwändigen Bildern und überwältigender Farbenpracht. Mit «Russian Ark» lieferte er ein zweieinhalb Millionen Euro schweres Werk der Superlative.

An den Originalschauplätzen von 22 Regie-Assistenten in Position gebracht, lässt Sokurov mit über 2000 Schauspielern und Statisten Szenen aus 300 Jahren des zaristischen Russlands Revue passieren. Mit enormem technischen und logistischen Aufwand gelang dem international wohl renommiertesten russischen Regisseur ein Experimentalfilm besonderer Art, der Kino, Kunst, Musik und Dekor bravourös miteinander verbindet.

Mit diesem deutsch-russischen Experiment brach Sokurov souverän mit einer hundertjährigen Tradition der Kino-Erzählweise. Nach bereits über 40 gedrehten Spiel- und Dokumentarfilmen realisierte er mit Hilfe des deutschen Kameramanns Tilman Büttner - für seine Steadycam-Aufnahmen in Tom Tykwers «Lola rennt» bekannt - zum ersten Mal in der Filmgeschichte einen abendfüllenden Spielfilm in einer einzigen Einstellung.

Der digital produzierte und projizierte Film hat die Entwicklung der Film-Wirtschaft einen Schritt voran gebracht, indem er unter Beweis stellt, dass ein komplett digitaler Film auf Basis von Realbildern seinen Pendants auf Zelluloid in Farbsättigung und Kontrast sehr nahe kommen kann.
Neueste Technik und Spezial-Anfertigungen
Aufgenommen wurde der Film mit einer High-Definition-Kamera, die 24 Bilder pro Sekunde erzeugt, und für die extra ein Modell mit Festplatte entwickelt wurde, das bis zu 100 Minuten umkomprimierte Bilder speichern kann.

Ebenso war eine besondere Tragevorrichtung für den Kameramann notwendig, der den 1800 Meter langen Weg durch Gänge und fünfunddreissig Säle mit 35 Kilo Ausrüstung bewältigen und über 90 Minuten - ohne die Kamera abzusetzen - drehen musste.

Und es hat funktioniert. Büttners Kamerafahrt wirkt wie ein Sog, der die Zuschauer einfach mit sich reisst und vergessen lässt, dass der Film ungeschnitten ist.

Nachträglich eingebaute Digital-Tricks wie Slow-Motion, Zooms, Schwenks und umfangreiche Farbkorrekturen machen den Film zu einer aussergewöhnlichen filmischen Erfahrung und einem visuellen Erlebnis.

Überwältigender Erfolg
Bereits in Cannes 2002 war die Koproduktion – als erster deutscher Wettbewerbsbeitrag seit neun Jahren – ein sensationeller Erfolg. Mittlerweile ist sie in 20 Länder weltweit im Kino zu sehen. In den USA begeisterte sie gleichermassen Kritik und Publikum und hat bereits über 1,3 Millionen Dollar eingespielt, was für einen nicht-englischen Film in den USA ein beeindruckendes Ergebnis ist.

Noch nie hatte ein Experimentalfilm oder eine russische (Ko-)Produktion einen ähnlichen wirtschaftlichen Erfolg. Erstaunlicherweise tut sich ausgerechnet die russische Filmwelt schwer mit dem neuen Sokurov. Nach der Russland-Premiere am 19. April ist «Russian Ark» in nur zwei Kinos, jeweils in Moskau und St. Petersburg, zu sehen.

Intensive Erfahrung für den Produzenten
Für den deutschen Produzenten des Films, Jens Meurer, war die Zusammenarbeit mit dem russischen Team in St. Petersburg eine intensive Erfahrung. Die Organisation und technische Abläufe klappten den gängigen Vorurteilen zum Trotz reibungslos. Die russischen Kollegen überraschten mit Pünktlichkeit, so dass die Produktionsleitung fünf Minuten vor dem extra eine Stunde früher angesetztem Drehbeginn feststellen musste, das außer dem deutschen Kamerateam alle bereits fertig waren.

Und auf exaktes Arbeiten kam es an: Das Team hatte nur 24 Stunden Zeit zur Vorbereitung des Sets und 4 Stunden zum Drehen, denn länger konnte ihnen die Eremitage nicht zur Verfügung gestellt werden. Es gab nur diese eine Chance. Nur innerhalb der ersten 20 Minuten war eine Wiederholung möglich, denn die Zeit war einfach zu knapp, um den ganzen Stab von 2500 Leuten mehrmals wieder in die Anfangspositionen zu bringen.

Dreimal musste der Dreh neu beginnen. Während in den ersten Sälen schon gedreht wurde, wurde ein paar Räume weiter noch das Licht korrigiert und in den letzten Komparsen geschminkt. Der enorme Druck für alle Beteiligten entspannte sich erst mit dem Wort «Cut», und nach ein paar Minuten absoluter Stille brach das ganze Produktionsteam in Freudentränen aus.