31.10.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Wieder in Hochform: Anthony Hopkins als Hannibal Lecter in 'Red Dragon'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Blutrausch in «Hannibal» machte klar, dass «Silence of the Lambs» ein Meisterwerk war. Der dritte Teil der Hannibal-Lecter-Saga, «Red Dragon», spielt zeitlich vorher, knüpft in der Qualität aber an «Silence» an.
Die Zeitfolge ist kompliziert: Thomas Harris schrieb zuerst «Red Dragon», dann «Silence of the Lambs» und schließlich «Hannibal». Verfilmt wurden die Thriller über den feinsinnigen Kannibalen Hannibal Lecter allerdings in anderer Reihenfolge.
Zwar gab es mit «Manhunter» schon 1986 die erste Verfilmung des Thomas Harris Romans «Red Dragon», doch der Film stieß auf wenig Begeisterung, Brian Cox als Hannibal Lecter ließ die Kritiker kalt.
Dann kam 1991 Jonathan Demme mit «Das Schweigen der Lämmer» und der Typ des Schöngeistes Lecter mit psychopathischer, kannibalistischer Neigung wurde zur neuen Kult-Figur des Psychothriller-Genres, Anthony Hopkins für seine Darstellung mit dem Oscar geehrt. Demme hatte das Grauen subtil und mit wenig Blut inszeniert.
Frisch inhaftiert: Anthony Hopkins als Hannibal LecterFoto: MGMOffen blieb bei «Schweigen der Lämmer», die Vorgeschichte: Warum wurde Lecter in eine unterirdische Einzelzelle verbannt, welche Verbrechen hatte er sich zu Schulden kommen lassen? Fragen, die auch «Hannibal» zehn Jahre nach dem Erfolgsfilm nicht beantwortete. Denn dies war die Fortsetzung zum «Schweigen». Ridley Scott brachte dem Produzenten Dino DeLaurentiis zwar einen gigantischen Kassenerfolg, immerhin kamen gleich am Start-Wochenende 58 Millionen Dollar zusammen, doch Kritiker und Lecter-Fans waren enttäuscht: Zu deutlich hatte Scott auf Effekt statt auf Inhalt gesetzt. Mit subtiler Spannung war es vorbei.
Der Vollmond-MörderEdward Norton als FBI-Ermittler GrahamFoto: UIPJetzt also der dritte Hannibal-Lecter-Film, der von der Handlung eben an erster Stelle stehen sollte. «Red Dragon» erzählt, wie FBI-Agent Will Graham (Edward Norton)Dr. Hannibal Lecter als kannibalistischen Serienmörder entlarvte und es gelang, ihn festzunehmen. Danach hat sich Graham, der bei der Festnahme von Lecter schwer verletzt wurde, zur Ruhe gesetzt. Ihn beunruhigt seine unheimliche Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt eines Serienmörders zu versetzen.
Doch dann taucht Jack Crawford (Harvey Keitel) auf. Der ehemalige Vorgesetzte Grahams will seine Mithilfe bei einer bestialischen Mordserie. Immer bei Vollmond schlägt der Mörder zu. Seine Opfer sind schlafende Familien. Graham sagt zu und begibt sich an die Tatorte. Konfrontiert mit grauenhaften Bildern macht sich Graham auf, Zugang zur Psyche des Mörders zu finden und ist dabei auf die Hilfe von Hannibal Lecter angewiesen.
Gutes Drehbuch Ted Tally gelang es schon beim «Schweigen», die Spannung aus Harris' Roman adäquat in ein Drehbuch umzusetzen. «Red Dragon» kreiert wieder die Welt und die Atmosphäre von «Schweigen». Lecter sitzt wieder im Baltimore State Hospital
Latent aggressives VerhältnisFoto: UIPfür geistesgestörte Kriminelle und Regisseur Brett Ratner ließ aus diesem Grund das gleiche Set wieder neu bauen. Ganz im Gegensatz zu «Hannibal», wo mit dem Schauplatz Florenz eher auf Exotik und schöne Bilder gesetzt wurde, ist «Red Dragon» wieder ganz im Stile von «Schweigen»: Schlicht, aber wirkungsvoll.
Verstörender Wahn von Ralph FiennesFoto: UIPNeben Anthony Hopkins, dem der Spaß zum dritten Mal Lecter spielen zu dürfen anzumerken ist, sind mit Edward Norton, Emily Watson, Harvey Keitel und Ralph Fiennes großartige Stars versammelt. Sie alle leisten brillante Darstellungen ihrer Charaktere. Hopkins, der latent aggressive, aber höchst disziplinierte Mörder, Norton als leicht verstörter Ermittler, mit der Passion fürs Gerechte, und schließlich Fiennes, der den Massenmörder Francis Dollarhyde mit geradezu Frank-Schmökelhafter Schizophrenie und anschwellendem Wahnsinn spielt.
«Red Dragon» ist natürlich nicht mehr das Meisterwerk, das «Schweigen der Lämmer» war und ist, doch die Story, die Auflösung der ungeklärten Fragen, die «Schweigen» aufgeworfen hatte, und die immer neuen Wandlungen im Plot machen diesen letzten Lecter-Film noch einmal zu einem unheimlichen Erlebnis, nach dem man den Kinosaal mit einem etwas ungemütlichen Gefühl verlässt. Denn die Serienmörder sind unter uns.