netzeitung.de«Die Klavierspielerin»: Dominanz und Erniedrigung

 Herausgeber: netzeitung.de

Tochter und Mutter in 'Die Klavierspielerin': Isabelle Huppert (l.) und Annie Girardot (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Tochter und Mutter in 'Die Klavierspielerin': Isabelle Huppert (l.) und Annie Girardot
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit der Jelinek-Verfilmung «Die Klavierspielerin» schafft es Michael Haneke wieder, das Publikum zu entzweien. Eine grandiose Isabelle Huppert geht dabei an ihre schauspielerischen Grenzen.

Von Sascha Rettig
 
Auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes, wo «Die Klavierspielerin» den Großen Preis der Jury gewann, gab es keinen kontroverseren Beitrag als Michael Hanekes kühle Psychostudie. Allerdings handelte es sich um eine Kontroverse mit Ankündigung.

Haneke, der mit Filmen wie «Funny Games» oder «Bennys Video» immer wieder polarisierte, verfilmte hier schließlich einen angeblich autobiographischen Roman der Skandalautorin Elfriede Jelinek. So verwundert es nicht, dass der österreichische Regisseur wieder die dunkle, rohe und unkontrollierbare Seite menschlicher Existenzen thematisiert und, direkt auf den Jelinek-Roman bezogen, die grenzüberschreitende Darstellung der unterdrückten und selbstzerstörerischen Sexualität einer Frau in den Fokus rückt.

Innen und Außen
Die Französin Isabelle Huppert spielt Erika Kohut, eine Frau in den Vierzigern und Klavierlehrerin am Wiener Konservatorium. Sie lebt immer noch mit ihrer herrschsüchtigen Mutter (Annie Girardot) in einer Wohnung, ja schläft sogar mit ihr in einem Bett und steht unter ihrer konstanten Kontrolle. Die beiden verbindet eine Beziehung, die oszilliert zwischen Liebe und Hass.

Szene aus 'Die Klavierspielerin' Foto: Concorde
Nach außen hin ist Erika eine disziplinierte Frau, eine Klavierlehrerin, die bisweilen fast brutal mit ihren Schülern umgeht. Doch der Teufel liegt im Detail und hier zeigt sich bereits die Größe der konsequenten schauspielerischen Leistung Hupperts. Ständig kratzt sie sich am Arm oder zupft sich nervös am Ohrläppchen und signalisiert Unwohlsein, Unbehagen und den Wunsch nach einem Ventil.
Grenzgängerin Huppert
Dieses Ventil, diesen Druckausgleich findet Erika in ihrem Doppelleben. Sie, die ein Opfer ihrer Umstände und ihres Umfelds ist, riecht in Pornokabinen an gebrauchten Taschentuechern, beobachtet Paare, die im Autokino Sex haben und verstümmelt sich zwischen den Beinen mit Rasierklingen. Huppert hat dabei keine Scheu, das zu tun, was wenig andere Schauspielerinnen wohl tun würden.

Sie ist mutig, intensiv, geht an die Grenzen und bleibt dabei immer glaubwürdig. Das rettet den Film vor dem Absturz und wurde in Cannes absolut verdient mit dem Preis für die beste weibliche Darstellerin belohnt.

Sex nach Regeln
Erikas Leben ändert sich, als der junge und hochtalentierte Student Walter (Benoit Magimel - ebenfalls mit dem Darstellerpreis in Cannes ausgezeichnet) in ihr Leben tritt. Er kommt gegen ihren Willen in ihre Klasse und bedrängt Erika bald mit seiner Liebe zu ihr.
Sex auf der ToiletteFoto: Concorde
Als es auf der Toilette des Konservatoriums zu einer ersten intimeren Zusammenkunft zwischen der Lehrerin und ihrem Studenten kommt, zeigen sich Erikas Unfähigkeit zu Nähe und Romantik und ihre ungewöhnlichen, harten Vorstellungen von Sexualität.

Sex ist ein Geschäft, das nach ihren Regeln funktioniert und Walter lässt sich auf eine unmögliche Beziehung zwischen harter, abstoßender Sexualität und Liebe ein. Die ist von Haneke, bis auf die teilweise farcenhaften Szenen zwischen Mutter und Tochter, mit einer bleiernden Ernsthaftigkeit inszeniert worden. Er wählt dafür Bilder, die kalt, steril und klinisch sind, mit denen er aber den Ekel einiger Momente nicht ausspielt und jeden Sensationalismus vermeidet.

Hanekes Verlust der Kontrolle
Doch der Film schwenkt um und man hat das Gefühl, als wäre Haneke die letzte große Szene etwas aus dem Ruder gelaufen. Sie wird zu einem Machtspiel zwischen Walter und Erika, zu einem absurden Finale, bei dem Dominanz und Erniedrigung, Stärke und Schwäche unkontrolliert durcheinander gehen.

Überflüssigerweise erhält sie in ihrem weiteren Verlauf auch noch einen unfreiwillig komischen Charakter, weil die Mutter, die im Nebenraum eingesperrt ist und dem emotionalen Showdown zwischen Eika und Walter zuhören muss, panisch schreit und hysterisch heult.
Lieben oder hassen
Wie man letztendlich die aggressive, eher männliche Sexualität Erikas beurteilt, ob man diesen Film nur als prätentiösen Flachsinn sieht oder sich auf die Jelinek/Haneke-Psychotour einlässt, liegt an jedem selbst. Sicher ist, dass die Meinung des Publikums auch hierzulande gespalten sein wird.

«Die Klavierspielerin» ist ein schmerzhaftes, anstrengendes und krankes Erlebnis für den Zuschauer, das teilweise an die Unerträglichkeit grenzt. Trotzdem und bei all der Kälte, die dieser Film ausstrahlt, wird zumindest Isabelle Hupperts intensives Spiel niemanden kalt lassen.