05.11.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Fausta (Magaly Solier) in 'Eine Perle Ewigkeit'
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Ritueller Realitätsverlust: Für «Eine Perle Ewigkeit» bekam die peruanische Regisseurin Claudia Llosa 2009 den Goldenen Berlinalebären. «Man sollte ihn als Gedicht sehen, als faszinierendes, bildschönes Rätsel», sagt Stefan Grissemann .
Die alte Frau singt ihr letztes Lied. Mit zittriger Stimme erzählt sie von ihrem schlimmsten Tag: Wie sie einst von Fremden gefoltert und vergewaltigt wurde und wie ihre Tochter dadurch «seelenlos» in eine Ära des Krieges geboren wurde. Denn mit der Milch habe das Kind die Panik in sich aufgenommen und gespeichert: aus der «verängstigten Brust» der Mutter, die der originale Filmtitel nennt. «La teta asustada» (deutscher Verleihtitel: «Eine Perle Ewigkeit») beginnt mit der hypnotischen Melodie dieses Lieds, mit einer gesungenen Autobiografie.
Die Frau stirbt, und Fausta wie in Trance gespielt von der charismatischen Magaly Solier bleibt mit dem Schmerz allein. Wie eine Untote streift sie durch die Welt, mit erstarrtem Gesicht, in Angst vor den Menschen und der Gewalt, die sie auch ihr antun könnten. Fausta bekämpft ihr Trauma auf bizarre Weise: Sie trägt, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen, eine Kartoffel in der Vagina, eine Wurzelknolle, die in ihrem Körper längst ausgetrieben, sich festgesetzt hat. Was ist das? Eine absurde Komödie? Vielleicht, aber ihre historische Grundlage ist tödlicher Ernst: Faustas Schockzustand ist ein Resultat des Kampfs zwischen der maoistischen Guerillaorganisation Sendero Luminoso und der peruanischen Staatsmacht; der Terror des «leuchtenden Pfads» und der Gegenterror der Armee forderte ab 1980 in einem zwei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg etwa 70.000 Tote.
Claudia Llosa, 32, eine Nichte des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, hat mit «La teta asustada», ihrem zweiten Film, im vergangenen Februar überraschend den Goldenen Bären des Filmfests in Berlin gewonnen. Unverdient kam der Preis nicht: Llosas fiebrige Vision des Lebens in den Vororten der Sechseinhalb-Millionen-Metropole Lima verschränkt eine feministische Allegorie mit dokumentarischen Blicken auf das gegenwärtige Peru. Die Regisseurin scheint dabei die Gewaltvergangenheit ihrer Heimat poetisch exorzieren zu wollen.
Als politischen Film will Llosa die gegenwärtig in Barcelona lebt, aber nach Peru reist, so oft es geht «La teta asustada» jedoch nicht verstanden wissen. «Mir ist es darum gegangen, vom Trauma selbst zu sprechen», sagt sie, «von den Konsequenzen des Krieges und der emotionalen Last eines gespaltenen Landes.» Sie betrachte ihren Film als Utopie, als eine «persönliche Suche nach Heilung und Erinnerung», die über das Singen und die indigene Sprache der Quechua verliefe.
Äußerst originär anmutendAuch wenn «La teta asustada» ästhetisch äußerst originär anmutet: Die filmsüchtige Claudia Llosa hat jede Menge Vorbilder; drei fallen ihr sofort ein: Jane Campion, Béla Tarr und Kim Ki-duk. Llosas Erfolg ist, angesichts der spröden Form ihrer Filme, mindestens erstaunlich: Sie hat das Kunststück vollbracht, ein Land ohne nennenswerte Filmbranche in einen Sehnsuchtsort der globalen Cinephilen-Gemeinde zu verwandeln. Auch in Peru gilt sie inzwischen als Kino-Säulenheilige.
Mehr als eine Viertelmillion Peruaner haben ihren Film gesehen, allein in der Startwoche Mitte März strömten 90.000 Menschen in die Kinos. In Lima lief «La teta asustada» in 18 Kinos, war wochenlang der meistgesehene Film. Das Filmemachen in Peru sei dennoch «extrem schwierig», erklärt Llosa, denn man müsse «erst selbst die Rahmenbedingungen schaffen, um überhaupt drehen zu können. Man kann sich auf nichts verlassen. Jeder Film ist ein Lernprozess, der mit nichts vergleichbar ist.»
Llosas Arbeit mischt Ritualismus und Modernismus kühn: Die Kartoffel etwa sei ein «äußerst beladenes nationales Symbol, das uns von Grundlegendem erzählt: unserem Gedächtnis», so die Filmemacherin. Dazu komme die Präsenz der mumifizierten Mutter, die in der Mythologie der Anden religiöse Bedeutung trage, oder etwa eine Grabstelle, die sich im Film unversehens in ein Kinderplanschbecken verwandelt. Vexierbilder sind Llosas Spezialität. Ihr Debüt hatte sie 2006 nach ihrer Hauptfigur «Madeinusa» genannt aber den Namen der Filmheldin (die ebenfalls Magaly Solier spielte) konnte man auch als «Made in USA» lesen.
Man müsse ihren Symbolismus nicht restlos entziffern können, meint Llosa, man könne sich ihrer Arbeit auch emotional nähern: «Jeder Körper, der menschliche wie der filmische, trägt Symbole, Bilder als Gefühle in sich.» Feine Linien des Surrealismus ziehen sich durch «La teta asustada». Damit bietet der Film so etwas wie eine Alternative zum fast durchwegs männlich geprägten globalen Arthouse-Film. Als feministischen Akt sieht Claudia Llosa selbst ihr Kino aber keineswegs: «Ich glaube nicht daran, dass Geschlechterfragen die Qualität oder Sensibilität eines Films beeinflussen können.»
Genau wie ihre Heldin bekämpft Llosa das historische Grauen mit den Phantasmen der Poesie. Man wird diesen Film nicht restlos ergründen können; man sollte ihn eher als Gedicht sehen, als faszinierendes, bildschönes Rätsel, in dem das Singen ein Trancezustand ist und der Aberglaube eine Strategie des Widerstands.
La teta asustada Peru/Spanien 2008; Regie: Claudia Llosa; Darsteller: Magaly Solier (Fausta), Susy Sanchez (Mrs. Aída), Efrain Solis (Noe); Farbe, 94 Minuten;
Kinostart: 5. November
Diese Filmkritik hat die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung von den Kollegen des Tip-Magazins übernommen.