26.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
'Krankes Haus'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Für diese Kritik musste sich Sascha Rettig 13 kleine Filme ansehen. Kann spannend sein, doch «Deutschland 09» war das nicht wirklich. Der Höhepunkt unter den wenigen Lichtblicken überraschte den Autor dafür umso mehr.
Das Vorhaben ist nicht nur reizvoll und ambitioniert. Es ist auch so etwas wie ein Versprechen, wenn 13 überwiegend namhafte, in Deutschland arbeitende Regisseure und Regisseurinnen für die Kurzfilmkompilation «Deutschland 09» zusammenkommen, um die Lage der Nation zu ergründen.
Was also beschäftigt die Deutschen im Jahr 2009? Wie sieht es in Deutschland heute aus? Welche gesellschaftlichen und politischen Themen bewegen die Nation? Die Antworten, die diese eigentlich beeindruckende Anhäufung von Regiegrößen und -talenten von Fatih Akin über Hans Weingartner bis Wolfgang Becker auf diese Fragen geben, sind allerdings enttäuschend und fallen zu weiten Teilen ziemlich einfallslos und/oder prätentiös aus.
Zwei versuchen es politischNach Angela Schanelecs von Robert Schuhmann unterlegter Ouvertüre mit urbanen Eindrücken und nebelverhangenem See zeigt sich Deutschland in den 12 folgenden Beiträgen einmal mehr als trister Ort und eine Nation aus schwermütigen Schwarzsehern, die sich gern beklagen. Die Lage ist ja offenbar auch zutiefst ernst: In Hans Steinbichlers Ein-Pointen-Beitrag regt sich Josef Bierbichler über die Abschaffung der Frakturschrift über den Kommentaren in der FAZ auf, was schließlich soweit führt, dass er die Redaktionsräume stürmt. Sylke Enders wirft einen Blick auf deutsche Armut und in eine Suppenküche, in der Kinder mittelloser Eltern mit einer Mahlzeit versorgt werden. Und Dominik Graf zeigt in seinem Essay wie die architektonischen Zeugnisse Nachkriegsdeutschlands heutzutage seelenlosen Glas-Stahl-Bauten weichen müssen.
Zwei Regisseure hingegen versuchen es explizit politisch. Akin ist allerdings nicht mehr eingefallen, als ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz nachzustellen und zu verbildlichen. Weingartner hingegen wittert in einem Anflug von Verfolgungswahn eine große Verschwörung, während er die Verhaftung des Sozialwissenschaftlers Andrej Holm wegen einer angeblichen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung aufarbeitet.
Der Mit-Initiator von «Deutschland 09» war zwar Tom Tykwer («The International»). Bei der Entstehung ist er aber kaum als Dirigent in Erscheinung getreten. Künstlerische oder inhaltliche Vorgaben gab es schließlich nicht. Jeder der Beteiligten hatte völlige künstlerische Freiheit. Darin liegt auch der Unterschied zu «Deutschland im Herbst», in dem sich die Protagonisten des Neuen Deutschen Films 1978 mit der deutschen Gesellschaft und dem RAF-Terrorismus beschäftigten. Denn «Deutschland 09» wird lediglich lose durch das breite Überthema Deutschland zusammengehalten.
Auweia!Nähme man tatsächlich «Deutschland 09» als Maßstab, ist man im Jahr 2009 in Deutschland ziemlich ernst. Humor hat in dieser Kompilation eher Seltenheitswert. Dani Levy immerhin führt auf ironische Weise Klischees vor, legt die Kanzlerin auf die Psychologencouch und lässt ein fliegendes Baby als neuen Heilsbringer bei ostdeutschen Neonazis landen. Darüber hinaus zeigt Wolfgang Becker, was er für Gegenwartssatire hält: In seiner Filmminiatur ist Deutschland zum «Kranken Haus» mutiert, in dem der Sozialinfarkt behandelt werden muss und die Investitionsblase zum Problem wird. Auweia! Es ist schon irritierend, dass Becker ein halbes Jahrzehnt nach seinem großen Erfolg «Good Bye, Lenin!» nicht Besseres eingefallen ist als diese Hauruckfarce der erschreckend unterirdischen Art.
Doch als man die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, sorgt Romuald Karmakar noch völlig überraschend für den Höhepunkt unter den wenigen Lichtblicken. Sein Kurzfilm «Ramses» zeigt einen Besuch in einem Berliner Puff, in dem der Betreiber mit schonungsloser Direktheit und dem daraus resultierenden, bizarren Humor über das nächtliche Treiben in seinem Etablissement berichtet. In stark gebrochenem Deutsch erzählt er, welche Sexpraktiken dort möglich sind und welche aus hygienischen Gründen eher nicht. Es geht um die Vorzüge der deutschen Prostituierten und immer wieder um das Sofa, auf dem er mehrere hundert Male selber Sex hatte.
Wenn sich der gebürtige Iraner zum Schluss bei Deutschland bedankt, hat man in wenigen Minuten schon fast mehr über Deutschland erfahren als in den beinah zwei Stunden zuvor. Aus der anvisierten Bestandsaufnahme der deutschen Wirklichkeit ergibt sich so kein Gesamtbild zur Lage der Nation, sondern nur eine über weite Strecken krampfige, angestrengte, bedeutungsschwangere Kurzfilmanhäufung, die ihr Versprechen nicht einlöst.