19.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Szene aus Slumdog Millionaire
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nur mit Digitalkamera und teilweise ohne Drehgenehmigung hat Boyle für seinen Oscar-prämierten «Slumdog Millionaire» gefilmt. Bruderdrama, Liebesgeschichte, Elend und Aufstieg: Sascha Rettig rät auf jeden Fall zum Kinobesuch.
In Deutschland sind die Träume noch überschaubar. Wenn Günter Jauch in seiner Quizshow «Wer wird Millionär?» die Kandidaten fragt, was sie mit einer Million anfangen würden, bekommt er Antworten von Menschen, die im Grunde schon fast alles haben: Vielleicht ein neues Auto zulegen, eine Weltreise machen oder in ein Eigenheim investieren. In Indien ist das anders, denn da rückt dieses Quiz den großen Traum von einem sorglosen Leben jenseits der Slums der indischen Megacities in greifbare Nähe. «Diese Sendung ist unser Ticket hier raus», heißt es an einer Stelle in «Slumdog Millionaire».
In der Rahmenhandlung von Danny Boyles Film, der mit Auszeichnungen förmlich überschüttet und bei den Oscars mit acht Trophäen zum großen Sieger wurde, sitzt ein junger Mann auf dem Ratestuhl. Jamal Malik (Dev Patel) ist ein einfacher Junge, der in den Slums der Millionenmetropole Mumbai aufgewachsen ist und als Chai-Wallah die Angestellten eines Call-Centers mit Tee versorgt. Er bekommt nun die Chance auf das große Geld.
Jede Frage, die ihm gestellt wird, ist ein Flashback und ein Baustein in der extrem bewegten Lebensgeschichte Jamals, der sich schon als Kind mit seinem Bruder Salim allein durchschlagen musste, nachdem ihre Mutter bei Unruhen von Hindu-Fanatikern erschlagen wurde. Doch hat er beim Quiz geschummelt? Weil er für einen «Slumdog» zuviel wusste, wird Jamal später von der Polizei verhaftet und durch die Mangel genommen.
Ohne DrehgenehmigungDie Bilder, mit denen Boyle sein Publikum gleich zu Beginn überfällt, hauen einen förmlich um. Atemlos folgt die Kamera ein paar Straßenkindern, die von der Polizei gejagt werden, und rast durch dieses Labyrinth aus schiefen Wellblechhütten. Sie heftet sich an ihre Fersen und fängt nebenbei das Treiben, die Enge, den Schmutz im Slum-Alltag ein, den man so aus nächster Nähe in einem Spielfilm selten gesehen hat.
Nur mit einer kleinen Digitalkamera und teilweise ohne Drehgenehmigung hat Boyle dies vor Ort gefilmt und präsentiert es mit schnellen Schnitten und zu den drängenden Beats von A.R. Rhamans Musik in dieser modernen Ästhetik, die auch seine ansonsten sehr unterschiedlichen Filme von «Trainspotting» bis zum Zombie-Horror «28 Days Later» gemeinsam haben.
Genau das ist neben den Begeisterungsstürmen der Grund für kritische Stimmen. Vor allem in Indien löste diese Darstellung von Armut Proteste aus. Doch wirft «Slumdog Millionaire» tatsächlich in einer Mischung aus Exotismus und Armutspornographie nur einen westlich arroganten Blick auf Indien, das zurück in die Rolle des Drittweltlandes gedrängt wird? Wohl eher weniger, denn auch wenn ein Brite Regie geführt hat: Die Romanvorlage, die Boyle mit einer indischen Co-Regisseurin und einem größtenteils indischen Team und Darstellern verfilmte, stammt von Vikas Swarup, also von einem Inder.
Darüber hinaus zeigt die Kinoadaption das, was sich in vielen anderen Ländern weltweit abspielt, aber eben auch immer noch ein Teil des indischen Alltags ist: Er erzählt von Straßenkindern, die sich selber durchschlagen müssen und erst noch verstümmelt werden, bevor sie betteln geschickt werden. Von der korrupten Polizei, die auch vor Folter nicht zurückschreckt. Und er zeigt den Dreck, in dem die Menschen leben müssen und den Müllbergen, in denen sich viele ein paar Rupien zum Überleben verdienen.
Bunte FilmzufluchtenIm gestylten Eskapismus des indischen Bollywoodkinos findet man zumindest solche Einblicke in die Slum-Wirklichkeit so gut wie gar nicht. Aber dennoch hat «Slumdog Millionaire» etwas Entscheidendes mit den bunten Filmzufluchten gemeinsam: Auch in Boyles Film ist letztlich die Liebe Jamals Hauptantrieb. Mit einer Unbeirrbarkeit setzt er alles daran, Latika (Freida Pinto) wiederzusehen, dieses Mädchen, dass er als kleiner Junge kennenlernte und die er immer wieder aus den Augen verlor.
Auf seiner Odyssee widersetzt sich der uneingeschränkt aufrichtige Jamal der alles durchdringenden Macht des Geldes. Er hält gegen alle noch so furchtbaren äußeren Widerstände an seinem bedingungslosen Glauben an die Liebe fest, während sein Bruder Salim für materiellen Wohlstand in die Welt des organisierten Verbrechens abdriftet.
Sicherlich ist «Slumdog Millionaire» nicht perfekt, dazu fehlt es den meisten Figuren an Vielschichtigkeit und die Dramaturgie ist viel zu durchsichtig. Doch wie Boyle hier ganz unterschiedliche Genres ineinander fließen lässt und all das mit Dynamik, mitreißendem Tempo und hingebungsvollen Darstellern inszeniert, lässt die Schwächen kaum noch auffallen.
Sein Film ist ein Sozial- und spannungsreiches Bruderdrama ebenso wie eine anrührende Love-Story, die beiläufig ein Portrait Mumbais zwischen Slums und Wirtschaftsboom zeichnet. Vor allem aber verkauft dieses moderne Märchen dabei einen Traum von Hoffnung darauf, dass mit Beharrlichkeit und Glück doch alles gut wird. Vielleicht liegt der globale Erfolg von «Slumdog Millionaire» genau in diesem Trost für schwierige Zeiten.