06.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Der erste 'Dokumentarfilm im Zeichentrickgewand'
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Israeli Ari Folman hat seine verdrängten Libanon-Erlebnisse in «Waltz with Bashir» zu einer eindringlichen Anti-Kriegs-Animation verarbeitet. Ein gelungener Balanceakt zwischen Drama und jugendlicher Leichtigkeit, findet Maike Schultz . Mit Video.
Am Anfang steht die Angst. Eine Gruppe ausgemergelter Hunde jagt einen Mann durch die nächtliche Stadt. Den Tieren mit gelben Augen und gefletschten Zähnen hängen sich immer mehr Verfolger an, bis schließlich 26 wilden Bestien durch die Dunkelheit hetzen, angetrieben von einem aggressiven Beat.
Dass die panische Flucht ein immer wiederkehrender Albtraum ist, erfährt das Kino-Publikum erst nach der Eröffnungsszene von «Waltz with Bashir», der seit seiner Weltpremiere im der Filmfestspiele in Cannes als Oscar-Favorit für den besten nichtenglischsprachigen Beitrag gilt.
Autobiographische VergangenheitsbewältigungAls Boaz, der Getriebene, seinem Freund Ari bei einem Barbesuch davon erzählt, kommen sie zu dem Schluss, dass es einen Zusammenhang zu ihrem Einsatz im ersten Libanonkrieg geben muss. Doch es ist gar nicht Boaz' Schicksal, um das es im Folgenden geht. Es ist das von Ari, der verstört feststellen muss, jegliche Erlebnisse dieser Zeit vergessen zu haben.
Ari ist Ari Folman, der Regisseur, Autor und Produzent von «Waltz with Bashir». Als 19-Jähriger hatte er für die Infanterie der Israelischen Armee an heftigen Gefechten an der libanesischen Westfront teilgenommen.
«This is not a Love Song»Basierend auf realen Interviews und Ereignissen schildert der Film seine persönliche Vergangenheitsaufarbeitung: Um herauszufinden, was damals in Beirut wirklich passiert ist, besucht Folman alte Freunde und Militärkameraden. Dabei werden Erinnerungen an die kalte Brutalität des Krieges wie an die Jugendkultur der 80er Jahre wach. «This is not a Love Song» singen P.I.L., wenn der junge Ari beim Fronturlaub in die Disco geht und nur teilnahmslos ins Leere starrt.
Um sein Trauma zu visualisieren, hat der Betroffene ein völlig neues Film-Genre entwickelt: «Waltz with Bashir» ist laut Folman der erste «Dokumentarfilm im Zeichentrickgewand». Auf der Grundlage seiner Recherchen wurde zunächst ein vollständiges Drehbuch geschrieben und als Video verfilmt.
Halluzinatorische TraumszenenErst diese Szenen dienten den Illustratoren als Vorlage. Sie haben Folmans Reise in die Vergangenheit in Bilder von surrealer Schönheit gekleidet, was besonders für die halluzinatorischen Traumszenen gilt. In einer steigen nackte junge Männer mit Maschinengewehren aus dem Meer und ziehen am Ufer langsam ihre Soldatenkleidung an. Die Figuren im modernen Comic-Stil werden von Leuchtraketen angestrahlt, die die Nacht in ein grelles Orange tauchen.
Kompositionen von Max Richter vertonen diese tieftraurige Form des Erwachsenwerdens mit eindringlichen Streicherklängen. Überhaupt ist der Soundtrack von «Waltz with Bashir» genauso so großartig wie die Animation: Die Kluft zwischen Abenteuersehnsucht und der harten Realität wird besonders deutlich, wenn die Jungen Israel auf einem Kriegsschiff verlassen und dazu der fröhliche Disco-Song «Enola Gay» von OMD läuft.
Walzer im KugelhagelIhre Spuren führen bis zur Ermordung des libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel, der dem Film seinen Titel gab. Den «Walzer» führt ein israelischer Soldat vor, als er in einer skurrilen Szene vor dem Plakat Gemayels mit tänzelnden Schritten einem Kugelhagel ausweicht.
Warum Folman diese Dinge so lange verdrängt hat, wird am Ende von «Waltz with Bashir» deutlich, das die Zuschauer an den Schauplatz der Massakers von Sabra und Schatila führt. Um Bashir zu rächen, töteten phalangistische Milizionäre 1982 in diesen Flüchtlingslagern tausende Zivilisten - mit der Billigung des damaligen israelischen Verteidigungsministers Ariel Sharon.
Unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder starben direkt vor den Augen israelischer Beobachtungsposten, zu denen auch Folman gehörte. In den letzten Minuten von «Waltz with Bashir» verwandeln sich die animierten Zeichnungen Leichenbedeckter Gassen nach und nach in Originalaufnahmen. Durch die Metamorphose treffen die Kamerabilder mit voller Wucht. Und diesmal ist es keine Halluzination.
Video: Trailer zu «Waltz with Bashir»