24.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Fox Mulder und Dana Scully alias David Duchovny und Gillian Anderson in Akte X - Jenseits der Wahrheit
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Viel Vorhersehbares, wenige Erkenntnisse: Die zweite «Akte X»-Verfilmung «Jenseits der Wahrheit» ist ein unterhaltsamer Sommerloch-Füller, mehr aber auch nicht. Was ausgerechnet George W. Bush mit Mulders und Scullys jüngstem Fall zu tun hat, verrät Maike Schultz .
Wenn Journalisten Filme erst drei Tage vor dem Kinostart zu sehen bekommen, verheißt das selten Gutes. «Der Verleih hat wohl Angst vor zu vielen Verrissen», munkelt dann mancher Kritiker. Im Fall von «Akte X- Jenseits der Wahrheit» ist diese Befürchtung auch berechtigt, immerhin steht einiges auf dem Spiel.
Die TV-Serie - wohl das erfolgreichste Mystery-Format der 90er - wurde 2002 nach neun Staffeln eingestellt, die erste Kino-Verfilmung 1998 zum Flop. Die Fans haben entweder keine Lust mehr oder höhere Erwartungen denn je. Warum also überhaupt ein zweiter Versuch - und wieso ausgerechnet jetzt?
Da drängt sich die Frage auf, ob die Schauspieler finanzielle Motive verfolgten. Laut «X Files»-Erfinder und Regisseur Chris Carter war es David Duchovny, der «sich am meisten für den Film ins Zeug gelegt und die Werbetrommel gerührt» habe. Ihn hat man schon seit Jahren in keinem erfolgreichen Hollywood-Film mehr gesehen ähnlich wie Gillian Anderson, der selbst in «Der letzte König von Schottland» (2006) nur ein Nebenpart vergönnt war.
Glaubenskonflikte in Schnee und EisFür «Akte X» durften die beiden nun in ihre Paraderollen zurück schlüpfen und durch den vertrauten kanadischen Schnee am Stamm-Drehort Vancouver stapfen. Beide mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben: Kein Wort über die Filmhandlung sollte vor der Veröffentlichung ans Licht der Öffentlichkeit dringen. So verwundert es nicht, dass auch die offiziell verbreitete Inhaltsangabe nichts über den eigentlichen Plot verrät.
«Die beiden müssen erneut einen ungelösten Fall des FBI aufklären, bei dem die komplizierte Beziehung zwischen den sehr unterschiedlichen Agenten eine neue, unerwartete Wendung nimmt», steht auf der Film-Website und in der Presse-Information zu lesen. «Fox Mulder verfolgt weiterhin seine unerbittliche Suche nach Antworten, bei der ihm Dana Scully, die intelligente und rationale Wissenschaftlerin, unerschütterlich zur Seite steht. Doch sie haben sich lange nicht mehr gesehen...»
Sexbücher und Ufo-FotosDiese vage Beschreibung liegt frei nach dem deutschen Allerweltstitel des Films ziemlich «Jenseits der Wahrheit» (das englische Original lautet wie Mulders Leitmotto, «I want to believe»). Denn Scully und Mulder sind offenbar seit Jahren ein Paar - jedenfalls liegen sie gleich in der zweiten gemeinsamen Szene kuschelnd im Bett, auf ihrem Nachttisch ein Buch über guten Sex. «Unerwartet» kommt das genauso wenig, wie es eine «neue Richtung» annimmt, denn die Protagonisten treibt das gleiche Problem um wie eh und je: Die Schwierigkeit, Glaube und Wissenschaft zu vereinbaren.
Der Film setzt wie in Echtzeit sechs Jahre nach ihrer letzten Zusammenarbeit ein. Während Mulder sich mit Vollbart in seinem Ufo-Fotos-gepflasterten Büro vergräbt und immer noch seiner Schwester (wurde von Außerirdischen entführt) hinterher trauert, hat Scully mit den X-Akten abgeschlossen und konzentriert sich ganz auf ihre Arbeit in einem Krankenhaus. An Mulders Seite steht sie erst zum Showdown, als sie den Draufgänger mal wieder in letzter Sekunde retten muss um ihn anschließend beim Happy End zu knutschen, versteht sich.
Indie-Kids der 90er sind erwachsen gewordenWas vorher passiert, ist schnell erzählt. Chris Carter wollte einen «typischen» Fall für die X-Akten drehen, eine Grusel-Episode wie zu den besten Zeiten der Serie. Sie sollte auch ohne Vorwissen verständlich sein um eine «neue Generation von Zuschauern zu erschließen, weil viele Kids die Serie gar nicht mehr kennen.» Wohl auch aus diesem Grund wurde eine Agentenrolle mit dem Rapper und MTV-Host Xzibit besetzt.
In «Jenseits der Wahrheit» gibt es demnach keinerlei neue Verschwörungen oder Lösungen alter Rätsel - was dem Film sehr gut tut, auch wenn es ihn auf den ersten Blick noch unnötiger erscheinen lässt. Was übrig bleibt, ist eine mittelmäßige Kriminalgeschichte, die zwar spannend konstruiert, aber auch ganz schön pseudo-moralisch daher kommt.
Parade-Rolle für George W. BushDie in Mulder verknallte FBI-Agentin Whitney (Amanda Peet) bittet ihn bei der Suche nach einer verschwundenen Kollegin um Hilfe. Ihre einzige Spur sind Visionen des ehemaligen Priesters Joseph (mit bewährter grauer Zottel-Frisur: Komödiant Billy Connolly), ein verurteilter Pädophiler. Eines seiner Opfer ist in den Fall verwickelt. Mit Hilfe des Mediums stoßen die Ermittler auf eine Gruppe russischer Wissenschaftler, die illegale Stammzellen-Experimente an Menschen durchführen.
Die telepathische Verbindung, ein paar Tränen aus Blut und ein Wiedersehen mit Walter Skinner (Mitch Pileggi) sind aber auch alles, was diesen Fall X-Akten-würdig macht. Der Rest der 105 Minuten geht für Scullys Stammzellentherapie-Erfahrung als Ärztin eines kleinen Jungen drauf, was wie praktisch - auch gleich eine Brücke zu ihrem eigenen Kinderwunsch schlägt.
Wer das zu kitschig findet, sollte sich lieber ein paar alte Folgen «Akte X» in den DVD-Player schieben. Allerdings verpasst man so diverse Leinwand-Großaufnahmen von Gillian Anderson, die inzwischen eine echte Schönheit geworden ist. Zudem tritt in der Neuauflage niemand geringeres als Noch-US-Präsident George W. Bush auf ein Highlight von Szene (so grandios kam Mark Snows Titelmelodie noch nie zum Einsatz), das zeigt, dass sich Chris Carter selbst nicht allzu ernst nimmt. Ob er dafür unbedingt einen neuen Kinofilm drehen musste? Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen.
Video: Deutscher Trailer zu «Akte X - Jenseits der Wahrheit»