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Film der Woche: 

Seelenstriptease auf der Schultoilette

26. Jun 2008 07:08
Anton Yelchin ist 'Charlie Bartlett'
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In Jon Polls Highschool-Komödie «Charlie Bartlett» mausert sich ein schnöseliger Sonderling zum beliebten Seelsorger. Die Probleme der Mitschüler kuriert er jedoch mit etwas zu einfachen Rezepten, findet Sascha Rettig.

Amerikanische Highschools sind ein hartes Pflaster. Dort spielt er sich jeden Tag ab, der Kampf ums Teenagerüberleben. Dort rangeln die Schüler in den Pausen und auf dem Sportplatz um Beliebtheit. Wie schwer es da die Jungs und Mädels haben, die sich nicht in die vorgefertigten All-American-Teen-Förmchen pressen lassen, haben auch Highschoolkomödien in jüngerer Vergangenheit immer wieder gezeigt. Oft handelte es sich dabei um Sympathiebekunden für die coolen Uncoolen, die unsportlichen Außenseiter und etwas anderen Exzentriker im US-Schulbetrieb – ob kürzlich «Superbad» oder vor einigen Jahren Wes Andersons «Rushmore». Auch Jon Polls «Charlie Bartlett» passt in eine Reihe mit diesen Filmen. Abseits des dominierenden Stangenfieberhumors will er offenbar die Ehrenrettung des Genres einmal mehr mit einem verschrobenen Ausnahmeteenager als Titelhelden fortführen.

Die Widrigkeiten der Adoleszenz

Charlie hat zunächst jedoch selber mit den Widrigkeiten der Adoleszenz zu kämpfen: Sein Vater sitzt wegen Steuerhinterziehung im Knast und nach etlichen Privatschulverweisen wird er von Mutti Marilyn (Hope Davis) auch noch auf eine öffentliche Schule geschickt, wo der Upper-Class-Junge im Sakko zunächst auf wenig Gegenliebe der vielen sozial benachteiligten Mitschüler trifft. Wie einst der legendäre Blaumacherheld aus «Ferris macht blau» gelingt es aber auch Charlie als Unruhestifter den Schulbetrieb aufzumischen und bringt dabei auch seinen psychisch schwer angeknacksten Schuldirektor (Robert Downey Jr.) an den Rand des Wahnsinns.

Allein schon wegen der Darsteller stellt sich «Charlie Bartlett» als recht vielversprechende Angelegenheit heraus: Man bekommt Hope Davis als leicht hysterische Übermutti zu sehen, während Robert Downey Jr. den alkoholisierten, hilflosen Schuldirektor Gardner genauso großartig gibt, wie man es von ihm mit einer Flasche in der Hand erwartet. Vor allem aber Anton Yelchin stattet die Titelfigur, diesen gekünstelten Sympathikus und kreativen Prekariats-Teen-Versteher, mit dieser charmanten Eigenwilligkeit aus, wie man sie zuletzt bei Max aus «Rushmore» gesehen hat. Mit einem Hauch angenehm schwarzen Humors geht er seiner Geschäftsidee nach und beginnt zunächst, die von seinen zahlreichen Psychiatern verschriebenen Psychopillen an seine Mitschüler zu verkaufen.

Krisensprechstunden auf der Schultoilette

Doch das subversive Potential mit angenehmer Botschaftsfreiheit geht Polls Film leider zunehmend verloren. Im Laufe seiner Beliebtheitsoffensive entwickelt sich Charlie schließlich zum Macher, der auf jede Notlage die richtige Antwort weiß und darüber hinaus zum aufrührerischen Sprachrohr der Teens wird, die von den Erwachsenen bislang ungehört blieben. Dafür verdammt er Ritalin und Co., hält psychologische Krisensprechstunden auf der Schultoilette und stachelt seine Mitschüler an, sich gegen die Kameraüberwachung in der Schule aufzulehnen.

So gerät die Coming-of-Age-Geschichte zunehmend aus dem Tritt, betreibt zum Finale rundherum Aussöhnungen und reagiert auf die Probleme der Heranwachsenden nur mit etwas zu einfachen Rezepten. Es braucht aber meist wohl mehr als ein Theaterstück und einen Highschool-Guru, der die Wichtigkeit des Glaubens an sich selbst unters Volk bringt, um aus dem Gleichgewicht geratene Teenagerseelenlagen wieder gerade zu rücken.

«Charlie Bartlett» - Trailer:


 
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