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Film der Woche «Über Wasser»: 

Wenn Häuser zu Booten werden

19. Jun 2008 07:09
Der alte Kapitän und die Öde: Überreste der Schiffahrt am einstigen Aralsee
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Die einen kämpfen mit den Fluten, die anderen trauern um ihre Fische: In dem Dokumentarfilm «Über Wasser» reist Udo Maurer dem Klimawandel hinterher. Dabei gelingt ihm mehr als nur der übliche Bilderbogen der Globalisierungskritik, findet Kerstin Rottmann.

Steppe und Staub, soweit das Auge reicht. Ein klappriger alter Bus durchquert die kasachische Wüste. Ein Mann blickt durch die dreckige Scheibe auf die Ödnis, sein viel zu früh gealtertes Gesicht ist von der Sonne verbrannt. «Im Herzen», so sagt er aus dem Off, «bin ich ein Fischer». Doch von dem See, an dem er als kleiner Junge mit seinem Vater fischen ging, ist längst nichts mehr zu sehen. Das Wasser hat sich zurückgezogen, ist verdampft und versickert. Aralsk, die einst so stolze Hafenstadt, liegt nunmehr hundert Kilometer entfernt vom Aralsee. Geblieben ist die Armut, und die Erinnerung an bessere Zeiten.

Stummer Ausdruckstanz im Hafenbecken

Es sind poetische, aber auch traurige Bilder, die der österreichische Regisseur Udo Maurer in «Über Wasser» für die Nöte der kleinen Stadt im Südwesten Kasachstans findet. Ein greiser Mann, einst Kapitän, besteigt für ihn noch einmal die Schiffsruinen, die wie Monumente auf dem ausgetrockneten Meeresgrund zurückgeblieben sind. Zwischen den verrosteten Wracks grasen Kamele, unbeeindruckt vom stummen Ausdruckstanz des Alten, der seine alte Wirkunsstatte noch einmal liebkost. Bewegend auch die einstigen Brigadehelferinnen, die für den Filmemacher noch einmal ihre alte Wirkungsstätte, eine längst verfallene Fischfabrik besichtigen. Mit dem Fisch verschwand auch ihre Lebensgrundlage. Schuld daran ist der Mensch, der, noch zu Sowjetzeiten, erst in das Ökosystem des einst viertgrößten Binnengewässers der Welt eingriff. Dann forderte die Erderwärmung ihren Tribut. Durch Umleitungen und die Verdampfung hat sich das Wasservolumen des Aralsees um über 75 Prozent reduziert. Zurückgeblieben ist auch diese verlassene Stadt ohne Zukunft.

Alt werden ist nicht

Hoffen auf die Zukunft und neue Bauprojekte: Kinder malen den verschwundenen See
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Heute, so informiert den Kinobesucher eine eingeblendete, schriftliche Auflistung auf der Leinwand, liegt die Arbeitslosigkeit in Aralsk bei neunzig Prozent. Immer wieder unterbricht der Regisseur den ruhigen Fluss der Bilder für solche Zahlen, die eine eigene Geschichte erzählen. Die von Aralsk liest sich nicht gut. Alt werden die Menschen hier nicht mehr. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 56 Jahren, die hoffnunglos versalzenen Böden setzen giftigen Staub frei, der krank macht. Hintergründe zeigen, demonstrieren, wie und warum sich die Welt verändert: «Über Wasser» ist der neueste in einer ganze Reihe von globalisierungskritischen Dokumentationen, die vor allem von österreichischen Filmemachern stammen. Das Drehbuch des Films stammt denn auch von Maurers Landsmann Michael Glawogger, der mit «Megacities» und «Workingman's Death» zwei der bekanntesten Dokus des Genres gedreht hat.

«Wir leben in einem nassen Land»

Anders als sein Co-Autor aber lässt Maurer sich nicht von der zweifelsohne vorhanden Ästhethik seiner exotischen Schauplätze und dem Schauwert der oft archaisch anmutenden Lebenswelt seiner Protagonisten verführen. Seine Stärke ist die Analyse. Drei Länder hat der 1960 geborene Regisseur und Kameramann auf seiner Reise besucht. Immer auf den Spuren eines lebenswichtigen Elements, hat er dabei eine Erzählung geschaffen, die stets auch politische Tiefenschärfe beweist.

Bauer in Bangladesch
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Zu Beginn führt der Filmemacher seine Zuschauer ins Mündungsgebiet des Brahaputra in Bangladesch, wo tropische Regenmassen, Fluten und Überschwemmungen das Land der Bauern erst zweitweise, zunehmend aber für immer verschwinden lassen. «Wir leben in einem nassen Land», sagen die Befragten denn auch fast entschuldigend. Die Not hat die Menschen erfinderisch gemacht. Ihre Hütten, aus Wellblech und Flechtwerk, werden flugs zu Booten umfunktioniert, und wandern so auf immer wieder neue Standorte inmitten der feuchten Landschaft.

Die Filmkamera kann die Erosion des kostbaren Ackerland dabei genau dokumentieren. Während neben den stoisch arbeitenden Bauern Bäume abbrechen und ganze Erdschollen im stetig steigenden Wasser verschwinden, verharren derweil die Frauen und Kinder auf winzigen, prekär scheinenden Wohninseln, die vom dreckigen Strom bedrohlich umspült werden. Unser Land ist weg, doch die Steuern und Abgaben dafür bleiben, erklärt ein Arbeiter dem Team zum Abschied noch lakonisch. Schnitt, Szenenwechsel, von der Sintflut in den Slum. Was Bangladesch im Überfluss hat, fehlt nun wieder auf der letzten Station von Maurers Spurensuche: Wasser - allerdings nur das, das man auch trinken kann.

Wasser nur noch Ware?

Die gelben Kanister von Kibera
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Spätestens jetzt stellt der Film eine Frage, die hochgradig politisch ist: Ist sauberes Wasser eigentlich ein Menschenrecht oder nur eine Ware? Die Männer, die Maurer in Kibera, dem größten Slum Kenias getroffen hat, beantworten diese Frage schon ganz eindeutig: «Wir sind im Wassergeschäft», grinst einer Mini-Unternehmer, der den rund 1,4 Millionen Einwohner von Kibera ein lebenswichtiges Gut anbietet. Offiziell, so erfährt der Zuschauer, gibt es dort nämlich nur 15 Wasserstellen. Die vielen illegalen, von ihren «Betreibern» sorgsam bewachten Zapfstellen sind streng marktwirtschaftlich organisiert. Wer drei mal soviel wie sonst üblich zahlen kann, kommt in Genuss des «Express-Service», auch kann sich der werte Kunde gegen entsprechende Aufschläge einen der begehrten gelben Wasserkanister nach Hause liefern lassen.

Ein Vorrat ist anzuraten, leidet Kibera doch immer wieder unter Wasserknappheit. Die jedoch betrifft scheinbar nur die im Slum lebende Bevölkerung. Im Wohnviertel gegenüber steht mehr als genug Wasser zur Verfügung, und das auch noch zu einem Viertel des Preises. Für einen der Wasserverkäufer kein Grund zur Aufregung: «Nicht jeder kann fließendes Wasser zu Hause haben, denn auch die Finger meiner Hand sind nicht gleich lang...», so sein Statement. Noch einmal: Ist Wasser Ware oder Menschenrecht? Das ist eine Entscheidung, die auch die westliche Welt angeht. Denn eins ist klar: Der Klimawandel trifft uns alle.


 
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